Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 42 (25.5.1893)
- Date
- 1893-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. M 42 Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orlhodore Zudenthum. Begründet von Dr. Lehman« in Mainz. Donnerstag, den 25. M a i 5653 (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Wüter. Viertes Buch. LXIX. Matnz, 24. Mat. oytinn n'buro wyo idin »mj' ’m .D’pnsn niD'D Rabbi Jannat lehrt: Es liegt nicht in unserem Vermögen; nichts von dem Glück derSchlechten und auch nichts von den Leiden der Gerechten. Wenn es etwas gibt, was die Mahnung berechtigt: „Verlasse dich nicht auf deine Einsicht", womit die vorhergehende Mischna schloß, so ist cs das Welträthsel, welches der Ausspruch Rabbi Jannai's zum Gegenstand hat. Vom rationellen Gesichtspunkt aus betrachtet, nach dem Maßstab menschlicher Vernunft beurtheilt, ist die Frage, warum es so vielfach den Schlechten gut und den Guten schlecht ergeht, wie wenig andere geeignet, die auf den endlichen Sieg des Guten und Sittlichen sich gründende Welt- und Lebensanschauung bis in ihre tiefsten Grundvesten zu erschüttern. Wer sich für die Lösung des Räthiels auf seine Einsicht und nur auf sie verlassen wollte, wäre verlassen, wäre rettungslos verloren. Die edelsten, erleuchtetsten Geister haben sich mit diesem Räthsel beschäftigt, aber gelöst ist es noch nicht. Daß es niemals gelöst wird, weil es eben unser Begriffsvermögen übersteigt, weil es Kenntniß und Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen voraussetzt, die außerhalb des Bereichs menschlichen Wissens liegen, das ist es, was Rabbi Jannat hier ausspricht. Damit ist aber dem Räthsel auch alles entzogen, was seiner Unlösbarkeit Bedenkliches und Gefährliches anhastet. Rabbi Jannai sagt uns: jenes Welträthsel hat wohl seine Lösung, es liegt nur nicht in unseren Händen, sie zu begreifen. Es gibt schwierigere Probleme als dieses, die hunderttausendfach uns täglich, stündlich entgegentreten, von welchen wir sogar wissen und uns durch Augenschein überzeugen, daß sie gelöst sind, aber wie sie gelöst sind, bleibt uns ein Geheimniß. Wissen wir, daß auch dieses Räthsel seine Lösung hat, so wird der Umstand, daß wir die Lösung nicht zu finden vermögen, doch nichts an der Thatsache ändern, daß es tatsächlich gelöst ist. — Jeder Waffertropfen mit seinen zahllosen Lebewesen, jedes Hälmchen und Gräschen, jedes Molecül und jede Zelle ist für uns ein unlösbares Räthsel, obwohl es gelöst vor unseren Augen steht. Es ist eine Rechenaufgabe, deren Facit wir kennen, die wir aber nicht umrechnen können, obwohl wir die Lösung vor uns sehen. Bei jenem großen Welträthsel sehen wir das Problem, aber die Lösung nicht; ist aber eine Aufgabe, deren Lösung ich in Händen habe und sie trotzdem nicht nachrechnen kann, nicht unvergleichlich complicirter, als diejenige, von deren Facit mir gar nichts bekannt ist? Nach dem Augenschein, nach den Gesetzen aller Wissenschaft, der Dynamik und Schwere ist die Erdscholle unvergleichlich stärker, als der von ihr vergrabene zarte Pflanzenkeim. Nach menschlicher Voraussetzung wäre es daher unmöglich, daß die schwache Pflanzenfaser die harte Erdkruste überwindet und sich zum Lichte emporringt. Es ist ein Problem, ein Räthsel, das millionenfach gelöst ist, ohne daß wir die Lösung kennen. Und der Schlechte sollte triumphiren, der Brave verzweifeln dürfen, weil er die Verkeilung von Glück und Leid in einer Weise sich vollziehen sieht, die menschlicher Einsicht unbegreiflich ist? Menschliche Einsicht?! In einem blühenden Weizenfelde schwirrte ein fröhlicher Schwarm von Eintagsfliegen. Die Weizenhalme waren die Eichenstämme ihres Urwaldes, in welchem sie von einem zum andern flogen und sich in den Strahlen der heißen Julisonne ihres