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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 27)
Language
German
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783 „Wenn Sie verhungern, ist'sJhre eigene Schuld. Lassen Sie doch die alten Gesetze der Juden, die für eine ganz andere Zeit gegeben worden sind, links liegen und essen, was vor Sie kömmt, Sie können trotzdem ein guter Mensch sein." Raphael lächelte. So wie der Meister dachte, dachten Viele. Viele seiner Glaubensgenossen suchten sogar durch diesen Schluß ihr Gewissen zu beschwichtigen und begnügten sich damit, statt eines guten Juden nur ein gut er „Men sch" zu sein. Er konnte es nicht. Sein Gott, der einst seinen Vätern Schutz und Schirm war, wird auch ihm helfen und die Zeit der Prüfung wird auch für ihn vorübergehen. Herzlich dankte er dem Meister für das Brot, welches er in kleinen Stückchen und vorsichtig aß. Dann machte er sich wieder auf den Weg. Es wurde Abend. Die dunkle Nacht senkte ihre Schleier über die Stadt; die Geschäfte wurden geschlossen und eilig strömten diejenigen, welche tagsüber fleißig gearbeitet hatten, nach ihrem Heim, um im Kreise ihrer Lieben Ruhe und Erholung zu finden. Raphael konnte es nicht. Todmüde mußte er in den Straßen der Stadt umherirren, denn er hatte keinen Platz, wo er sein müdes Haupt niederlegen konnte. Wohl ruhte er hier und da auf einer Bank, auf einer Treppe aus, aber immer mußte er sich hüten, einzuschlafen, um nicht von einem Nachtwächter arretiert zu werden. Hell beleuchtete der Mond die Straßen und sein freundliches Licht mochte manchen Poeten begeistern. Raphael Levy fiel es bet seinem Anblick schwer auf's Herz; noch hatte er in diesem Monat nicht die Benediction für das Licht des Mondes gesprochen; heute war der letzte Termin, da er sie sprechen konnte und so stellte er sich mit dem Antlitz nach Osten und sprach andächtig zuerst das Abendgebet und dann das Gebet der Kiddisch halwonoh. Er störte sich nicht an dem Kopfschütteln einzelner Gaffer, die staunend sein Thun beobachteten. Als er sein Gebet beendet hatte, setzte er seine ziellose Wanderuug fort und erwartete mit Sehnsucht den Anbruch des neuen Tages. Die Unglücklichen der Großstadt, die kein Obdach während der Nacht finden, sind sehr zahlreich und gar oft finden sich gleichgesinnte Seelen zusammen und aus den Unglücklichen werden Verbrecher. Auch Raphael hatte sich seit einiger Zeit ein nächtlicher Wanderer angeschloffen und sich mit ihm in eine Unterhaltung eingelassen. Sie hatten sich beide gegenseitig ihr Leid geklagt und beide hofften, daß der kommende Tag diesem Leid ein Ende machen würde. „Sie sind noch besser daran als ich," sagte Raphaels Begleiter. „In Ihrer Hand liegt es, Ihr Elend mit einem Schlage zu beenden." „Wieso? Wodurch?" fragte Raphael gespannt. „Gehen Sie zu Pfarrer N. und lassen sich taufen; die Mission wird dann für Sie sorgen." Raphael sah seinen Begleiter mißtrauisch von der Sette an, dann, als sie eine Seitenstraße erreichten. sagte er: „Hier trennen sich unsere Wege. Ich gehe in die naheliegende Synagoge, um mein Morgengebet zu verrichten." „Viel Vergnügen dazu," höhnte der Andere, „aber ich glaube nicht, daß Sie satt davon werden." Raphael hörte die letzten Worte nicht mehr. Eilig hatte er sich von seinem Begleiter entfernt, und da der Morgen zu grauen begann, richtete er seine Schritte nach der Synagoge, die ihm am nächsten lag. Obschon es noch sehr frühe war, hatten sich doch einige frommen Beter eingefunden. Raphael nahm aus der letzten Bank Platz, legte seine Tephilin an und betete. Aber die Natur verlangte ihr Recht; ohne daß er es hindern konnte, fielen seine Augen zu und er schlief ein. Wohl sahen die Nächsten den bleichen jungen Mann schlafen, aber keiner wagte ihn zu stören, denn Noth und Entbehrung und Müdigkeit hatten ihre sichtbaren Zeichen in sein junges Gesicht geschrieben. Als der Gottesdienst beendet war, trat der Synagogendiener zu Raphael heran und weckte ihn. Verwundernd blickte er sich um und als er sah, wo er sich befand, bedeckte eine brennende Röte sein Antlitz; er entschuldigte sich und bat, sein Gebet beenden zu dürfen. Nachdem Raphael fertig war, verließ er zögernden Schrittes die Synagoge. Der Synagogendiener sah ihm nach und sagte leise zu sich selbst: „Auch eine Frömmigkeit! Erst bummeln sie die ganze Nacht und dann wollen sie ihre Aweros in der Schule vom lieben Gott mochel geheißen haben und schlasen dabei ein. Eine Charpe ist's." — Raphaels Magen begann von neuem ihn zu quälen. Seine Schritte verloren ihre Festigkeit, seine Kniee begannen zu zittern. Er merkte, daß seine Physische Kraft nachließ und fürchtete ein Ermatten seiner Energie. Was blieb ihm übrig, wenn er auch heute keine Arbeit fand? Mußte er nicht, um sich vor dem Hunger zu retten, ein Bettler werden? Und wenn die Barmherzigkeit der Glaubensgenossen ihn auch vor dem Hunger schützte, wurde sein Elend dadurch verringert? Erhielt er dadurch Arbeit, die ihn ernährte? Mußte er sich nicht selbst verachten — gebettelt zu haben? Thränen rannen über seine Wangen, sein Ehrgefühl sträubte sich dagegen, lieber sterben als — betteln gehen! -Sterben; ja, stirbt es sich denn so leicht? Hat der Mensch nicht die Pflicht bis zum letzten Atemzuge zu glauben und zu hoffen? Hat Gott jemals seine Frommen verlassen? Wohl gab es noch einen anderen Ausweg. Schon zweimal hatte man

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