Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 40-41 (18.5.1893)
- Date
- 1893-05-18
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448354--36393-2484417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
784 ihn darauf verwiesen, aber trotzdem lieber sterben als jenen Weg gehen, der ihm als verlockende Erlösung bringend genannt wird Immer mehr wühlte der Hunger in seinen Eingeweiden, immer größer wurde das Verlangen nach Nahrung. Kalter Schweiß perlte auf seiner Stirne, ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund, die Zunge klebte ihm am Gaumen. Rathlos blickte er umher. Brot! Brot! rief es in seinem Innern. Geh' hin zu denen, die für Dich sorgen wollen, sagte ihm die Lust am Leben, vertrau auf Deinen Gott, er wird Dir helfen, sprach sein Gewissen, und während er stehen blieb, wurde seine Schwäche so groß, daß er sich am Hause halten mußte, um nicht umzufallen. Er lehnte sich einige Augenblicke an und schloß die Augen — eine Ohnmacht umfaßte seine Sinne, das Bewußtsein schwand und er fiel wie tot hin auf das Straßenpflaster. In diesem Augenblick traten ein junges Mädchen und seine Gouvernante auf die Straße. Als sie den jungen Mann hinfallen sahen, eilten sie ins Haus, und kehrten mit zwei Dienern zurück, welche den Unglücklichen aufhoben und ins Haus brachten. Die Eltern der jungen Dame sandten sofort zum Arzt und versuchten, bis dieser kam, Alles, um den Ohnmächtigen zu erwecken. Sie zogen ihm seine Kleider aus und sahen das Arbakanfos. „Großer Gott!" rief die Mutter, „ein Jehudi" und rastlos, ohne Ende waren ihre Anstrengungen. Endlich erschien der Arzt. Sein erfahrenes Auge kannte bald die Ursache dieser todesähnlichen Ohnmacht, und als er das Wort „Hunger" aussprach, schlug die Mutter die Hände über dem Kopfe zusammen, die Augen der Tochter füllten sich mit Thränen. Die Bemühungen des Arztes waren von Erfolg. Der junge Mann schlug die Augen auf und blickte erstaunt umher. Mit Behagen trank er die Milch, die ihm eine zarte Frauenhand reichte. Er wußte nicht, wo er war; er fürchtete zu träumen und beim Erwachen in der rauhen Wirklichkeit zu sein. Nun übermannte ihn der Schlaf und als der Arzt die tiefen und regelmäßigen Athemzüge sah, sagte er: er ist gerettet. Er traf seine Anordnungen und versprach, gegen Abend wiederzukommen. Raphael schlief lange, so daß das junge Mädchen, welches seinen Kopf von Zeit zu Zeit durch die Thüre steckte und sich nach dem Fremden erkundigte, schon ängstlich wurde. Gegen drei Uhr erwachte er und der Diener brachte eine Tasse Bouillon. Aber Raphael wies sie zurück und war durch kein Zureden zu bewegen, sie zu nehmen. Der Diener entfernte sich und rief die Frau des Hauses. Auch dieser nahm er die Fleischbrühe nicht ab, trotzdem sie ihn dringend darum bat. „Ich darf nicht," sagte er, als er sah, wie weh er der Dame mit seiner Weigerung that, und leise i kam es über seine Lippen: „Ich bin frommer Jude." | — „Und wir?" fragte die Dame lächelnd, „sind wir keine frommen Juden? Der liebe Gott hat Sie beschützt und in das richtige Haus geführt. Sie dürfen ohne irgend welchen Zweifel oder irgend eine Befürchtung bei uns alles genießen, denn auch wir leben nach dem Gesetz der Lehre Moses und Israels." Zweifelnd sah Raphael die Dame an; dieses Antlitz konnte in Glaubenssachen keine Unwahrheit sprechen, und so aß und trank er, was man ihm bot. Schon nach drei Tagen war er wieder hergestellt und wollte sich von seinen Wohlthätern verabschieden. Er hatte denselben sein Unglück erzählt und sie bewunderten seine Standhaftigkeit, und als ihn der Vater der jungen Dame fragte, ob er bet ihm bleiben und sich in sein Geschäft einarbetten wolle, schlug er mit Freuden ein. Und keiner von ihnen hat es je bereut. Raphael war bald die rechte Hand seines Principals, der in ihm den braven Character und den frommen Jehudi fand, den er sich zum Schwiegersohn wünschte. Und auch die Tochter fand Gefallen an dem jungen Mann, der in ihren Augen ein Held war. Raphael war zu bescheiden, als daß er seine Augen zu der Tochter seines reichen Principals aufzuheben wagte. Als aber nach drei Jahren der Principal selbst ihm seine Tochter antrug, da war sein Glück und seine Freude groß, denn er liebte das schöne Mädchen, das ihn vom Tode errettet hatte. Thränenden Auges dankte er dem edlen Manne für sein Vertrauen und sagte: Lotaunti mikol hachasodim umikol hoemes asclier osiso im afdeeho; ich bin zu gering für all die Liebe und Treue, die Du Deinem Knechte erwiesen. „Nein, mein Sohn/' entgegnete der Vater, „Du verdienst, daß Du glücklich wirst, denn fast mit Deinem Leben hast Du das erste der zehn Worte besiegelt, welches heißt: Ich bin der Ewige dein Gott. -i- * Die Zeit der Prüfung für Raphael Levy war nun vorbei. Mit vollen Händen schüttete das Glück seine Gaben über ihn und die Seinen aus und alles, was das Menschenherz sich nur wünschen kann, ward ihm beschieden: Reichthum und Ehre, Familienglück und Ansehen bei Hoch und Niedrig. Aber auch alles dieses konnte keine Aenderung seines Characters herbeiführen und er bestand auch diese schwerere Prüfung, die ihm der Reichthum und das Glück auflegte und war als reicher Mann derselbe fromme Jude, der er als Bettler gewesen. Für ihn gab es nur einen Gott, dem er diente; weder Geld noch Ehre konnten ihn veranlassen, dem untreu zu werden, der am Sinai einst unter Donner und Blitz gesprochen: Ich bin der Ewige Dein Gott. Verantwortliche Redaction: O8car Lehmann in Mainz. — Expedition de8 „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'fchen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.