Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 40-41 (18.5.1893)
- Date
- 1893-05-18
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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782 passende Beschäftigung zu finden — vergeblich. Entweder wollte man keinen Juden, oder man konnte keinen frommen Juden gebrauchen, der am Sabbat nicht arbeiten wollte. Rasch waren die wenigen Habseligkeiten, die er besaß, ins Pfandhaus gewandert und das dafür erhaltene Geld aufgezehrt. Jetzt hatte er nichts mehr zu versetzen, mit seinem letzten Pfennig hatte er vorige Woche seine Miethe bezahlt und seit jener Zeit hatte er gehungert. Zum Betteln konnte er sich nicht entschließen, Arbeit fand er nicht, sein Magen wollte sich nicht länger durch Vertröstungen beschwichtigen lassen und knurrte und brummte und rumorte erbärmlich. Da war gestern der Versucher an ihn herangetreten und hatte gesagt: folge mir und Du erhälst Brot. Empört hatte er diese Zumuthung zurückgewiesen und war aufs Neue aus die Arbeitssuche gegangen — vergeblich. Nun mahnte ihn sein Magen wieder und bet der Qual des Hungers fielen ihm die Worte des Missionärs ein: Falls Sie meinem Vorschläge näher treten wollen, finden Sie mich jeden Tag um die Mittagsstunde auf dieser Stelle. Sollteer hingehend Ach was! Lieber sterben als dem Judenthum untreu werden! Jetzt setzt er sich auf die harte Bank und stützte seinen Kopf mit der zitternden Rechten. Da wurde an die Thüre geklopft. Er rief „herein!" In dem Rahmen der Thüre erschien seine Hauswirthin: „Nun, wie steht es mit die Miethe?" fragte sie barsch und ohne Gruß. „Leider kann ich immer noch nicht —" „Na, Männeken, dann machen Sie sich mal dünne. Ihre Sachen bleiben hier, bis Sie berappt haben und in dieses Boudoir zieht morgen ein anderer rin." „Seien Sie barmherzig," flehte Levy — „Ich kann nicht, mein Hauswirth ists auch nicht mit mir, wenn der Termin ist, kann ick mit Barmherzigkeit nicht bezahlen. Die ist ne Tugend für Millionärs, aber nicht für unser einen." Der junge Mann sah, daß er mit Bitten nichts ausrichten konnte. Er nahm deßhalb seinen Hut und seinen Stock und verließ die Wohnung. Das einzige, was die Frau ihm mitzunehmen gestattete, war sein Gebetbuch und seine Tephilltn. „En Unmensch bin ick nicht," sagte sie, „Ihr gutes Verhältniß zu Ihrem Herrgott will ick nicht stören, dat können Sie ruhig mitnehmen." So stand Raphael Levy nach kurzer Zeit hilf- und mittellos auf der Straße; während der Hunger ihn quälte eilte er fort ohne zu wissen, wohin ihn sein Weg führte. Geputzte Leute begegneten ihm, fröhliche Kinder sprangen vor ihm her — er hörte und sah nichts. Immer weiter ging er, immer weiter wie ein Traumwandelnder. Das Leben der Großstadt umwogte ihn, er merkte nichts davon. Jetzt führt ihn sein Weg über eine Brücke. Ein Krüppel steht auf derselben und streckt die magere Hand nach einem Almosen aus. Der junge Mann sieht es nicht. Wahrscheinlich hatte der Bettler mehr als er selbst. Weiter treibt es ihn, immer weiter. Er leidet unsägliche Hungerqualen und doch bringt er es nicht fertig zu betteln. Jetzt steht er vor einem Bäckerladen. Einladend sieht das frische Gebäck aus, lieblich duftet das frische Brot und unerträglich erscheint ihm die Qual, die er erduldet. In der Hand zuckt es ihm; er sieht sich um, Niemand achtet auf ihn; ein Griff und die Qual hätte ein Ende; mit einem Brot konnte er den schlimmsten Hunger stillen; er ist seiner Sinne nicht mehr mächtig; die Hungerqual hat ihren Höhepunkt erreicht und besiegt jedes sittliche Bedenken; schon hebt er den Arm um hinzulangcn; er zieht die Hand aus der Tasche um zuzugreifen, aber die Hand folgt nicht. Er hat in die Ztzis seines Arbakanfos gegriffen und die Schaufäden haben die Hand zurückgehalten. Jetzt fallen ihm die Worte ein: Io tignof Du sollst nicht stehlen! Wohin war er gerathen! Entsetzt blicken seine Augen auf die willige Hand und sie füllen sich mit Thränen. Wie von Furien gepeitscht eilte er weiter aus dem Bereiche der Versuchung. Verschwunden war sein Hunger, vorüber war die Qual, die ihn fast zum Dieb gemacht hätte, und mit dankbarem Blick sah er gen Himmel und mit fester Hand erfaßte er die Fäden, die ihn vor dem Falle gerettet hatten und zog sie an seine Lippen und küßte sie. Innig dankte er dem Allmächtigen für diese Warnung zur rechten Zeit und langsam ging er weiter leise vor sich hin ein Gebet murmelnd. Noch einmal wollte er sein Glück versuchen. Wo ein Schild ihm ein Geschäft zeigte, in dem er meinte, thätig sein zu können, sprach er vor und bat um Arbeit. Ueberall wurde ihm derselbe Bescheid. Wer den bleichen, leise sprechenden Menschen um Arbeit bitten hörte, mußte ihn erstaunt ansehen und ein biederer Handwerker sagte zu ihm: „Dat is nich, min Jung. Du gehörst eher in's Krankenhaus als in die Werkstätte." „Herr, ich habe seit drei Tagen nichts genossen," sagte Levy. „So stehen die Sachen. Na, denn kommen Sie mal her. Hier ist noch ne Suppe und en Stück Fleisch. Lassen Sie es sich gut schmecken." „Ich danke Ihnen, tausendmal, guter Herr," entgegnete Levy, „aber ich darf nicht. Ich bin Jude, und wenn Sie Barmherzigkeit an mir üben wollen, so geben Sie mir ein Stück trocknes Brod —" Erstaunt sah ihn der Meister an. Mit dem schien es ihm nicht richtig zu sein, da er lieber verhungern zu wollen schien als daß er ein Verbot seiner Religion übertrat. Er schnitt ihm ein tüchtiges Stück Brod ab und gab es ihm mit den Worten.-