Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 40-41 (18.5.1893)
- Date
- 1893-05-18
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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für dasÄ^ VrthodoFe MuderrthumÄ \<^M O S E S <J)- Mr S. 18. Mai 1893.] mmk üi W£m ISBBnXESfD' -ss-G Das erste Gebot. » Erzählung von H« Berger. — Alle Rechte Vorbehalten. Ein schöner Frühlingstag. Draußen knospet und blühet alles; neues Leben durchströmet die ganze Natur und das Menschenherz pocht freudig in der engen Brust, denn mit dem Frühling ist die Freude erschienen, die Freude, an der alle Menschen theilnehmen, die Freude an der Schönheit der Natur. Hinaus ins Grüne, in den höchsten und herrlichsten Dom des Schöpfers, dessen blaue Decke sich ausspannt von Ost nach West, von Süd nach Nord, ziehen die Menschen und erfreuen sich an der ewig jungen Schöpfung. Auch das Herz des jungen Mannes, der mit großen Schritten schon seit einer Stunde rastlos den engen Raum seines im vierten Stock eines Hauses in der Mraße in Berlin gelegenen Kämmerleins durchmißt, sehnt sich nach der balsamischen Luft duftender Wiesen und rauschender Wälder und ruft ihm unaufhörlich zu: Entfliehe, entfliehe diesem elenden Leben, welches nur Noth und Sorge, Haß und Verachtung für Dich und Deine Glaubensgenossen kennt. Und in seiner Aufregung hört er das Murmeln der Wellen des rauschenden Stromes seiner fernen Heimath, hört er den eintönigen Gesang der diesen Strom befahrenden Schiffer, vernimmt er die Worte, die sein alter Vater ihm beim Abschied an diesem Flusse mit auf den Weg gegeben: Nie mögen weichen die Worte unserer Lehre von Deinem Munde. Der Segen des alten Mannes ist er ihm nicht zum Fluch geworden? Werden die Bekenner der Worte dieser Lehre nicht verfolgt und von fast allen Rechten ausgeschlossen? Höhnen und verspotten nicht Tausende diese Lehre und sind wohlhabend und angesehen, während er, der bis heute diese Lehre aufs Genaueste beobachtet, keines ihrer Gesetze verletzt, keines ihrer Verbote übertreten hat, arm und elend ist! Während Jene au üppigen Gelagen sich mästen, wütet der Hunger in seinen Eingeweiden und verzehrt den letzten Rest der Kräfte seines Körpers. Seit drei Tagen hat er nichts gegessen als eine alte Brotrinde und nur ein Schluck Wasser hatte seine durstenden Lippen, seinen trockenen Gaumen genetzt. Er war arm; wenn er am heutigen Tage die paar Pfennige für seine Miethe nicht zahlte, hatte er am Abend kein Quartier, wo er übernachten konnte. Was blieb ihm übrig? Er hatte gestern einen Mann kennen gelernt, der seiner Noth mit einem Schlage ein Ende machen und seine Lage zu einer günstigen gestalten wollte, wenn er — jene Worte seines alten Vaters vergessen, sich über die Satzungen der Religion seiner Väter hinwegsetzen und der Lehre des Evangeliums zuwenden könne. Die Mission war an ihn herangetreten und die Lockungen jenes Missionärs erhielten Hilfe durch den Hunger und die Noth. Raphael Levi war ein tüchtiger Maler und hatte trotzdem er strenge die Gebote der Religion Israels befolgte, und an Sabbat- und Festtagen feierte, anfangs, als er nach Berlin kam, lohnende Beschäftigung gefunden, so daß er, da er höchst bescheiden lebte und nur wenig Bedürfnisse hatte, seine armen Eltern in Ungarn unterstützen konnte. Da war er krank geworden. Durch das Hantieren mit den bleihaltigen Farben hatte er sich eine chronische Bleivergiftung zugezogen, die ihn an den Rand des Grabes brachte. Zwölf Wochen hatte er im Krankenhause gelegen, und als man ihn als geheilt entließ, hatte man ihm die Mittheilung gemacht, daß er seinen Beruf wechseln müsse, da er bei einer Wiederholung der Krankheit unrettbar verloren sei. Was sollte er jetzt thun? wie sollte er sich ernähren? Ein Zittern im Arm, das zurückgeblieben war, machte ihm jede Beschäftigung, die eine sichere Hand erheischte, unmöglich. Einen neuen Beruf erlernen, verlangte Zeit und Geld. Er gab sich alle Mühe, eine