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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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774 wir geschichtlich erwiesen auf den Schlachtfeldern der nationalen Kriege, und überall wo die Freiheit und Ehre des Vaterlandes es erfordert. Daß wir damit nicht viel renommiren, wird uns wohl niemand als Fehler anrechnen. Bleiben noch die „Gebräuche", unter welchen wir nur religiöse verstehen können. Betreffs dieser können wir ebenfalls keine vollkommenere Deutsche werden, als wir bereits sind, schon aus dem einfachen Grunde, weil es „deutsche" religiöse Bräuche nicht gibt, sondern nur katholische, evangelische und noch eine Menge anderer, die in allen Ländern nicht minder geübt und gepflegt werden als in Deutschland. — Wir haben somit die Nichtigkeit dieser Zumuthung Häckels dargethan und wenden uns nunmehr zu seinen Angriffen auf die ausgetriebenen, russischen Juden. Diese immer neuen und oft sittlich bedenklichen Elementen aus dem Osten, sollen „den Prozeß unserer Erziehung zu Deutschen" stören. Welche Bewandtniß es mit der Erziehung zu Deutschen hat, haben wir bereits gesehen. Betreffs der oft sittlich bedenklichen Elemente aber, erfordert diese entschiedene und allgemein gehaltene Ausdrucksweise die schärfste Zurückweisung. Denn daraus, daß Herr Häckel erzählt, er habe voriges Jahr auf einer Reise nach England russische Auswanderer gesehen, ist doch zu schließen, daß er im übrigen keinen oder doch nur wenige oder vereinzelte von ihnen kennt. Dieses Generalisiren ist doch eines ernsten Gelehrten wenig würdig. Herrn Häckel genügt diese seine Erfahrung, um einer Erschwerung der jüdischen Einwanderung das Wort zu reden! Diese unglücklichen Geschöpfe, diese gequälten und zertretenen Wesen, diese schuldlosen Opfer des tartartschen Knutenregiments, sollten die Deutschen von sich treiben wie Aussätzige, ihnen kein Fleckchen ihres weiten Landes gönnen! So unmenschlich dieser Gedanke ist, er wird noch von folgender Insinuation übertroffen: „ich frage, ob diese erbärmliche Gesellschaft den deutschen Juden selbst nicht unerwünscht sein muß." Dieser erbärmlichen Gesellschaft hätte es nur ein Wörtchen gekostet, und Herr Häckel hätte nicht so über sie herfallen dürfen. Ein bischen Taufwasser und sie wären als Christen, frei, reich und glücklich. Doch die erbärmliche Gesellschaft ließ sich lieber in Jammer und Unglück stürzen, sah sich lieber wie wilde Thiere aus dem geliebten Vaterland getrieben, als daß sie ihr heiliges Vätererbe aufgegeben hätten. Sie hoffen in Deutschland menschlichere Herzen zu finden, als im Vaterland, sie bitten nur um ein Fleckchen Erde, auf dem sie ihr Haupt niederlegen können, und da ruft ihnen einer der vornehmsten Gelehrten Deutschlands entgegen: Erbärmliche Gesellschaft! Und das alles, nicht weil sie Juden sind — bewahre! sondern, „weil sie mit unserer Gesittung unverträglich sind." Unglückliche Gesittung, bte von russischen Bettlern, die nach Brod rufen und keine Ruhestätte auf Erden haben, gefährdet ist! Am allermeisten indeß schaudert Herr Häckel vor dem „Schmutz und der Gemeinheit" dieser Leute, die er auf einem Schiffe getroffen hat; davon macht man sich ja gar keinen Begriff! Von ihrer Gemeinheit allerdings nicht, wenigstens nicht eher als bis Herr Professor Häckel sich herbetläßt, Beweise und Thatsachen vorzubringen, und selbst dann wird man sich noch immer hüten von einzelnen Eindrücken des Herrn Professors auf die gesammten russischen Auswanderer einen Schluß zu ziehen. — Ihren Schmutz ihnen aber zu verzeihen, braucht man nicht die Bildung eines Gelehrten, sondern nur ein bischen Einsicht, um zu begreifen, daß man von einer in dumpfigenZwischendeckräumen zusammengepferchten Masse von Armen, die vielleicht schon Monate auf der Wanderschaft in unsagbarem Elend sich befindet, nicht die Bekundung der Reinlichkeit erwarten darf, wie etwa von einem Herrn Professor, der in der ersten oder zweiten Kajüte eine Dtudlenreise nach England unternimmt. — Unerwünscht sind sie ja freilich auch uns, aber allerdings nur in dem Sinne, wie den Opfern dieser Brutalität selber ihr Elend und Jammer nicht erwünscht sind. Wenn wir aber von ihrem unendlichen Jammer- Hören oder es gar selber sehen, dann sind wir nicht unbarmherzig genug Herzen und Hände den Brüdern zu verschließen, sondern dann stehen wir ihnen helfend und rettend bei, wie und wo wir cs vermögen. Das Lob, das den deutschen Juden, als wichtige Faktoren der deutschen Cultur von Herrn Prof. Häckel zum Schluß ertheilt wird, kann uns nicht dafür entschädigen, daß hier einmal ein hochbedeutender, deutscher Gelehrter sich zu Aeußerungen hat Hinreißen lassen, die weder vor dem Forum des Verstandes noch der Moral bestehen können, wohl aber geeignet sind, den Antisemitismus zu veranlassen, einen Meister der Wissenschaft wie Häckel für sich und seine unlauteren Zwecken zu reklamiren. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzen. Deutschland. Dortmund, 9. Mai. Der Buschhoffprozeß hatte heute ein Nachspiel vor der Strafkammer. Die antisemitische „Westfälische Reform" hierselbst veröffentlichte im Juli vorigen Jahres, als die

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