Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 40-41 (18.5.1893)
- Date
- 1893-05-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage;»..U 40 5- 41 des „Israelit". Leitender Artikel. jürofelTor fjfiiftel über den Antisemitismus. Zürich, 14. Mai. Die „Deutsche Zeitung" in Wien hat eine Reihe von Jnterview's über den Antisemitismus veranstaltet, in welcher eine Unterredung Bahrs mit Hackel als letzes figurirt. — Die Schlußworte der Häckel'schen Aeußerungen lauten: „Jede Bewegung hat eben ihre Verdienste und ihre Gefahren. Ich halte es für ein Verdienst des Antisemitismus, daß in den Deutschen und in den Juden die Ueberzeugung erwacht: die Juden müssen ihre Sonderart aufgebcn und zu vollkommenen Deutschen in Sitten, Gebräuchen und Gefühlen werden. Das muß unnachgiebig erstrbt und es muß verhindert werden, daß das Eindringen immer neuer und oft sittlich bedenklicher Elemente aus dem Osten den Prozeß ihrer Erziehung zu Deutschen stört. Gerade im Inte' reffe der vielen ausgezeichneten, rechtschaffenen und ehrenwerthen Juden, die wir haben, möchte ich an gewisse Erschwerungen der jüdischen Einwanderung aus dem Osten denken, und ich frage, ob nicht den anständigen und gesitteten Juden selber, die sich ehrlich als Deutsche bekennen, diese erbärmliche Gesellschaft sehr unerwünscht sein muß, die gegen sie nur Mißtrauen erweckt und ihre ganze Aufnahme in unser Volk verzögert. Hier kann falsche Humanität nur schaden, und ich denke, daß man sich gegen die russischen Juden energisch schützen sollte, nicht weil sie Juden, sondern weil sie mit unserer Gesittung unverträglich sind — wie man sich in Californien gegen die Chinesen schützt; mit der idealen Liebe für „Alles, was Menschenantlitz trägt", kommt man eben leider praktisch nicht aus. Ich habe voriges Jahr auf dem Schiffe, das mich nach England führte, solche russische Auswanderer gesehen; von ihrem Schmutze und ihrer Gemeinheit macht man sich ja gar keinen Begriff, und die Engländer hatten ganz Recht, sie einfach nicht in ihr Land zu lassen. Gerade im Interesse der gebildeten Juden, gegen die solche unsaubere Elemente nur den Haß und die Erbitterung schüren — ich betone das ausdrücklich, weil ich diese geläuterten und vornehmen Juden für wichtige Faktoren der deutschen Kultur halte: denn das soll ihnen nicht vergessen werden, daß sie immer für die Aufklärung und Freiheit tapfer gegen die Reaktion gestanden sind, verläßliche Streiter, so oft es gegen die Dunkelmänner gilt, und gerade in den Gefahren dieser schlimmen Znt, wo überall wieder der Papismus sich mächtig regt, können wir ihren bewährten Muth nicht miffen." Wir legen diesen Aeußerungen weniger ihres Inhaltes als ihres Ursprungs wegen einige Bedeutung bei; denn Herr Professor Hackel sagt ja darin nichts wesentlich Neues. Da man indessen geneigt ist, den Aeußerungen einer wissenschaftlichen Autorität ersten Ranges eine größere Bedeutung beizulegen, als ihnen in der That zukommt, so scheint es angezeigt dieselben durch einige Anmerkungen zu begleiten. Nach der Meinung des Herrn Professor Häckel müßten die Juden zunächst ihre Sonderart aufgebcn j und zwar „in Sitten, Gefühlen und Gebräuchen." Betrachten wir uns das einmal etwas näher. Hätten wir es mit einem notorischen Antisemiten zu thun, so brauchten wir uns darüber nicht zu wundern, und stellten dieses Verlangen auf Conto seines Religions-Klaffenhasses. Um so mehr müssen uns solche Ausdrücke im Munde eines hochberühmten Gelehrten befremden, welcher doch wissen muß, daß es keineswegs, daß es selbst beim besten Willen nicht möglich ist, angeborene durch Jahrtausende hindurch vererbte und in Fleisch und Blut übergegangene Eigenschaften so schlechthin aufzugeben. Und dann? Könnten wir auch unsere Eigenart aufgeben, dürften und sollten wir dann wirklich auf unseren eigenen Untergang hinarbeiten, und mit einer höflichen Verbeugung vor dem Genius Germanikus uns die Adern unseres Volksthums selbstmörderisch aufretßen? Daß kann ein Häckel nicht verlangen. Abgesehen davon, daß es feig und ehrlos wäre, kann er's vom Gesichtspunkte des „Kampfes ums Dasein" nicht verlangen. Freilich haben manche unserer Stammesgenoffen mit dieser Selbstschändung die Probe gemacht. haben sich als Reformjuden aufgethan und gehofft nunmehr als vollblütige Deutsche anerkannt zu werden. Umsonst. — „Nicht den Orthoooxen, den Reformjuden gilt der Kampf", ward auf einmal eine Parole des Antisemitismus. Und darin hat er wemgstens consequent gehandelt. Dem Judenhaß saus phrase, der ehrlich eingesteht, daß er uns in unserer Eigenschaft als Juden haßt, wird mit dem Abstreifen des Judenthums der Gegenstand des Haffes bei seinen Opfern entzogen. Aber wer uns haßt, weil wir von Sem abstammen, weil wir Semiten sind, für den wird ja nichts daran geändert, wenn wir uns auch des Judenthums mit oder ohne Anstand in irgend welcher Form entledigten. Semiten blieben wir, auch wenn wir keine Juden mehr wären. Enttäuscht zogen sich daher die Brüder zurück. Einige ließen sich taufen; so waren sie eben getaufte Juden, von wenigen gehätschelt und belobt, von der ungeheueren Mehrheit mit Recht verachtet und gemieden. Und sie hatten sich doch alle Mühe gegeben „in Sitten, Gebräuchen und Gefühlen vollkommene Deutsche zu werden!" Wenn Herr Prof. Häckel unter Sitten die Art des äußeren Verkehrs, das Benehmen in Handel und Wandel versteht, so wüßten wir nicht, worin wir uns von unseren christlichen Mitbürgern unterscheiden und wir glauben, daß es Herr Häckel auch nicht weiß. Die Deutschheit unserer Gefühle haben