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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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767 Eine antisemitische Fraction, die in der Lage ist, selbstständige Anträge etnzubringen, ist das nächste Ziel der antisemitischen Wünsche. Um dieses Ziel zu erreichen, werden die größten Anstrengungen gemacht; ein ganze Reihe von Wahlkreisen in Hessen, Sachsen, Hannover und anderen Theilen des Reiches ist in Angriff genommen, vielfach sind die Candidaten bereits aufgestellt. Das sind die „reinen" Antisemiten, die „radikalen", die Radau-Antisemiten oder wie man sie sonst bezeichnet. Aber die Agitation der conservativen Antisemiten wird in dem bevorstehenden Wahlkampfe sich nicht minder bemerkbar machen. Hat man doch neuerdings den Antisemitismus in das conservative Programm ausgenommen und die Bündnißfähigkeit der anderen antisemitischen Richtungen anerkannt. Das Geplänkel, das hier und da entsteht und seinen Grund hauptsächlich im Concurrenzneide hat, darf uns nicht darüber täuschen, daß die Antisemiten sich häufig gegenseitig unterstützen werden. In vielen Fällen ist schon heute eine Art Cartel abgeschlossen worden. Welche Namen die Antisemiten auch führen, sie alle müssen aufs Entschiedenste bekämpft, kein Unterschied darf zwischen ihnen gemacht, ihr Eindringen in die Vertretung der Deutschen Nation muß nach Kräften verhindert werden. Es handelt sich dieses Mal nicht um eine einzige Ersatzwahl, bei welcher eine Zusammenfassung der Kräfte möglich ist. In allen Gauen des Vaterlandes entbrennt der Kampf, er erfordert deshalb bedeutende Geldmittel. Deshalb bitten wir unsere Gesinnungsgenossen uns kräftig zu unterstützen, damit auch wir in diesen Kampf eintreten können. Unser Verein ist kein parteipolitischer, wir werden uns deshalb am Wahlkampf der einzelnen Parteien nicht betheiltgen. Wir wollen nur dagegen kämpfen, daß ein Theil der Bevölkerung, der eine gemeinsame parteipolitische Rolle weder spielt, noch spielen will, zum Prügeljungen der politischen Bewegung gemacht wird. Nicht im Interesse der Juden, sondern im Interesse unseres Vaterlandes, das wahrhaftig andere Aufgaben zu lösen hat, als sich jahraus jahrein mit der halben Million Juden zu beschäftigen, im Interesse der Aufrechterhaltung der Verfassung und des innern Friedens werden wir diejenigen bekämpfen helfen, welche in der Wahlbewegung die antisemitische Fahne aufgepflanzt haben. Alle Geldsendungen für den Wahlfonds bitten wir an unseren Herrn Schatzmeister Jordan, Berlin W. Magdeburgerstraße 13, zu senden. Wir werden über diese Beiträge in den „Mittheilungen" quittiren. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, daß auch wir mit großem Vergnügen bereit sind, Geldseni düngen für diesen Zweck entgegenzunehmen und an die Berliner Stelle abzuführen. Für Süddeutschland nimmt auch die Centrale in Frankfurt a. M. * V. z. A. d. A. Stadtrath F l i n s ch, Paulsplatz 6, Beiträge Dt? wt im mn entgegen. Redaction des „Israelit." r; ©erlitt, 15. Mai. Der Aufruf der christlich-soziale« 1 Partei, der erste, den sie überhaupt erläßt, enthält das bel kannte Programm dieser Partei und ein Bekenntniß zur Militärvorlage. Ferner heißt eS: Sollte es schon diesmal möglich sein, christlich-soziale Abgeordnete zu finden, so sind wir zur Rath und That bereit. Sonst unterstützen wir in erster Linie die Deutsch- Konservativen entschiedener Richtung. In deutsch-sozialen Wahlkreisen helfen wir mit Freuden dieser uns nahestehenden Gruppe. Wo verschiedene Gruppen eine Einigung suchen, treten unsere Freunde für die sozial-monarchische Bereinigung kraftvoll ein, wie dies jetzt von den Christlich-Sozialen in Barmen mit Erfolg geschieht. Die Antisemiten von der Farbe Dr. Böckels haben die Heeresoerstärkung abgelehnt: mit ihnen können wir nicht zusammeng-hen, da sie auf Irrwege gerathen sind. Auch sonst haben unfähige Persönlichkeiten, widerliche Reibereien und falsche Strömungen , den Kampf gegen das Judenthum gestört, eine Richtung lästert sogar den Gott des alten Testaments und bedroht die christliche Kirche in ihrem Glauben. Wir aber wollen die christlich und konservativen gesinnten Wähler, welche auf sozialem Boden mit uns den Kampf gegen das Judenthum zu führen bereit sind, zu wirksamer Arbeit zusammenfassen* Das soll eine Absage gegen Ahlwardt fein. Der Aufruf ist außer von Stöcker von den bekannten christlich-sozialen, Größen, u. A. von einem Grafen v. Roon unterschrieben. Antisemitische Rcichstags-Candidaten. Berlin, 11. Mai. Ueber antisemitische Kandidaturen, berichtet das „Volk": „Die Deutsch-Sozialen werden in Sorau den Professor Dr. Paul Förster als Kandidaten aufstellen, der auch die Unterstützung der Konservativen finden würde. In Kasiel-Melsungen, wo Dr. Förster bei der Wahl aufgestellt war, werden die Deutsch-Sozialen voraussichtlich den konservativen Kandidaten v. AlvenSleben - Rorteberg unterstützen. Liebermann v. Sonnenberg wird in seinem alten Wahlkreise (Fritzlar-Ziegenhain) und in ein oder zwei benachbarten Kreisen kandidiren. Für Schmalkalden-Eschwege. hat die deutsch-soziale Kandidatur der Schriftsteller Pusch angenommen. In Kottbus soll der bisherige Landtagsabgeordnete von Werdeck-Schorbus, in Leer Schriftsteller Leuß, in Landsberg-Soldin und im ersten Berliner Wahlkreise Baron v. Langen, in Guben gegen Fürst Carvlath Pickenbach ausgestellt werden. In Neuß-Grevenbroich, München-Gladbach und Gelsenkirchen-Heinsberg werden antisemitische Kandidaturen ausgestellt werden. Auch im. sechsten schleswig-holsteinischen Wahlkreise ist eine antisemitische Kandidatur, die von Raab-Hamburg geplant. AuS Sachsen, 14. Mai. An Stelle Ackermann'S, der eine Wiederwahl ablehnt, haben die Kvnservativen des Wahlkreises Dresden-Land den Direktor des könrgl. Steinkohleuwerkes Zauckerode Geh. Bergrath Förster aufgestellt. Ihm stehen der Sozialdemokrat Horn und der antisemitische Branntweinbrenner Hänichen gegenüber. In Dresden-Reustadt stellten die antisemitischen Reformer den Kaufmann A. Klemm auf und im Wahlkreise Glauchau-Meerane wurde dem Sozialdemokraten Auer der Kaufmann Marx Schubert- Chemnitz als deutschsozialer Kandidat gegenübergestellt.

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