Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 40-41 (18.5.1893)
- Date
- 1893-05-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448354--36375-2484399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
766 „Die Antisemiten von der Farbe Dr. Böckel's haben die Heeresverstärkung abgelehnt; mit ihnen können wir nicht Zusammengehen, da sie auf Irrwege gerathen sind. Auch sonst haben unfähige Persönlichkeiten durch widerliche Reibereien und falsche Strömungen den Kampf gegen das Judenthum gestört Eine Richtung lästert sogar den Gott des alten Testaments und bedroht die christliche Kirche in ihrem Glauben. Wir aber wollen die christlichen und konservativ gesinnten Wähler, welche auf sozialem Boden mit uns den Äarnpf gegen das Judenthum zu führen bereit sind, zu wirksamer Arbeit zusammenfassen." v Von dieser Seite also hat Herr Dr. Böckel und haben die Seinen nichts zu erwarten. Bedauerlicher Weise sind die Wahlmanifeste der Richtung Ahlwardt und der Partei Pickenbachs noch immer nicht erschienen. Ich kann sie daher den Lesern des „Israelit", die daran doch sicher ihre Freude gehabt hätten, nicht mittheilen. Dahingegen bin ich in der angenehmen Lage sie darüber zu. beruhigen, daß Ahlwardt wieder im Kreise Friedeberg - Arnswalde kandidiren wird und daß seine dortigen Spießgesellen nie auch nur daran gedacht haben, ihn fallen zu lassen. So wie Ahlwardt nun einmal ist, so gefällt er jenen Leuten. Und es wäre in der Thal jammerschade, wenn er nicht wieder gewählt würde. Ahlwardt darf dem künftigen Reichstag nicht fehlen. Er hat darin eine Mission zu erfüllen: von ihm ist der jeweilige Pegelstand der sittlichen Verrohung und der Gesinnungs- Verjauchung deutlich abzulösen. Solang ein Ahlwardt in den Reichstag gewählt wird und dort sein Wesen treibt, ist es unmöglich, sich über die Gemetngefährltchkeit des Antiseniitismus irgendwelchen Täuschungen hinzugeben. Ahlwardt ist eben ein konsequenter Antisemit. Vielleicht der einzige Mann von Konsequenz unter allen antisemitischen Führern. Er ist kein Vertreter des verschämten, sondern vielmehr der Repräsentant des unverschämtesten Antisemitismus, den mau sich denken kann. In ihm sind alle antisemitischen Keime und Triebe voll zur Reife und Entfaltung gediehen. Die ihm eigene sittliche Verwahrlosung steckt im Keim in jedem Antisemiten. . Ahlwardt hat eine große Mission zu erfüllen. Er hat zu zeigen, wohin der Antisemitismus führt, welche Früchte er zeitigt, wenn er durch Nichts in seiner naturgemäßen Entwickelung gehemmt wird. Bisher ist er dieser seiner Aufgabe getreulich nachgekommen. Sein abschreckendes Beispiel hat manchen zur Ein- und Umkehr bewogen, möge es ihm vergönnt sein, auch, fernerhin in diesem Sinne zu wirken. Auch kann cs iu heutiger Zeit nie genug Leute geben, die — wenn auch unfreiwillig — zur Erheiterung ihrer Mitbürger beitragen. In Ahlwardt haben wir solch' einen Mann kennen und schätzen gelernt. Hunderttausende sind ihm zu Dank verpflichtet für die Hingabe, mit der er in letzter Zeit in der antisemitischen Arena als Clown thätig war. Es war gleichwohl ein guter Einfall der Christlich-Sozialen. daß sie sich die Bereicherung des Programmes angelegen sein ließen, indem sie im zweiten Berliner Wahlkreis Professor Adolph Wagner als Kandidaten aufstellten. Ein gelehrter Pudel hat der antisemitischen Spezialitätenbühne gefehlt, seit sich Professor Wagner im vorigen Jahre nach vorhergegangener öffentlicher Absage von der „Bewegung" zurückgezogen hatte. Nun aber wird auch er wieder auftreten und den verehrlichen Wählern, die er im tiefsten Grund seines Herzens verachtet, in öffentlichen Versammlungen hübsch seine Aufwartung machen und ganz artig das Pfötchen geben. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird das Verhalten der Antisemiten im diesmaligen Wahltrubel von mehr als gewöhnlichem Interesse sein. Und dabei hat Schwennhagen bis jetzt noch immer keine Kandidatur zugewiesen erhalten, obwohl er sich durch seine kriminalistische Vergangenheit der Berücksichtigung seiner Parteigenossen doch ganz besonders empfehlen müßte. Schwennhagen und Ahlwardt gehören übrigens zusammen. Sie ergänzen einander in der glücklichsten Weise. Was der Eine nicht zuverlässig aus der Luft greifen kann, saugt der andere aus seinen stets gut tnformtrten fünf Fingern. Es ist thöricht von Schwennhagen, daß er im Enthüllen und andern antisemitischen Spezialfächern dem Ahlwardt Konkurrenz machen will Er soll sich vielmehr mit ihm associren, dann gibt es einen guten Klang — zum mindesten in der gemeinsamen Kasse. Die ausgetragene Firma „Ahlwardt und Schwennhagen" könnte ebenso gute und ebenso unsaubere Geschäfte machen, wie so viele andere (Londoner) Schlittenfahrer-Firmen, über deren Geschäftsmanipulationen wir in letzter Zeit durch die Presse sattsam aufgeklärt wurden. Wahlaufrufe. Berlin, 14. Mai. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus erläßt folgenden Aufruf: Der Reichstag ist aufgelöst, die Neuwahlen finden am 15. Juni statt. Diejenige Frage, welche den unmittelbaren Anlaß zu der Auflösung gegeben hat, wird im Vordergründe der Wahlbewegung stehen, aber auch von einer Reihe anderer Fragen wird die Rede sein und zu diesen gehört die antisemitische. Was in jahrelanger unermüdlicher Hetzarbeit gesäet worden, gedenkt man jetzt einzuhetmsen.