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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Me Neichstagsmahl und die Antisemiten. Erste Neilage zu Nr. 40 & 41 des „Israelit". Aus der antisemitischen Arena. □ Berlin, 16. Mai. Die hiesigen „Antisemiten aller Schatttrungen" haben sich, nachdem sie einander lange genug in den Haaren gelegen, der Abwechselung halber wieder einmal „verbrüdert." Wenigstens theilte in einer am Freitag auf dem Berliner Bock abgehaltenen Wählerversammlung der Vorsitzende mit, daß die einzelnen Richtungen des Antisemitismus sich nunmehr zu einem geschlossenen Vorgehen vereinigt und beschlossen hätten, die etnlaufenden Gelder an eine gemeinsame Parteikasse abzuführen. In Norddeutschland würden 7 bis 8 Wahlkreise bearbeitet werden. Als Redner traten in dieser Versammlung auf: Dr. Paul Förster, Pickenbach, Dr. Bachler und — Ahlw ardt, dessen Motto immer noch zu lauten scheint: man stirbt nicht an der Schande, man lebt davon. Ueber das Weichbild der Reichshauptstadt hinaus scheint aber der Verbrüderungsbacillus noch nicht gekommen zu sein. Wenigstens wollen die um Böckel von einer Verständigung, infolge deren sie die eingehenden Gelder mit andern thetlen müßten, Nichts wissen. Sie gehen gesondert vor und haben im „Reichsherold" eine rührende Ansprache an den hohen Adel und ein verehrliches Publikum veröffentlicht, worin sie die schon längst bekannte Thatsache überflüssiger Weise abermals feierlich bekräftigen — die Tbatsache nämlich, daß sie alle mit einander den Dalles haben. Der Mangel an Geldüberfluß bildet das einigende Band, welches die edlen Seelen umschlingt. Ztmmermann, Böckel und Werner — sie versichern mit rührender Uebereinstimmung den Lesern des „Retchsherold", daß sie aus Liebe zum Vaterland zu jedem Opfer bereit seien und selbst die größten Geldbeträge, ohne mit der Wimper zu zucken, einstecken würden. Da erfahrungsgemäß bei der Beutetheilung sich in der Regel jene Differenzen ergeben, die nicht nur in Spitzbubenkreisen, sondern auch im Kriegslager der Antisemiten schon oft zu ernsten Konflikten führten, sind die edlen antisemitischen Paladine diesmal überetngekommen, daß das für sie bestimmte Geld — im Gegensatz zu Berlin — nicht an eine gemeinsame Adresse, sondern direkt an die Kandidaten gesandt werden sollen. Wer dem allezeit hilfsbedürftigen Böckel-Marburg unter die Arme greifen will, soll per Postanweisungs-Abschnitt nur mit ihm korrespondiren; wer Ztmmerman-Dresden in sein Herz geschlossen hat und seine Wiederwahl wünscht, möge H.rrn Ztmmermann selbst beweisen, daß sein Geld rund ist und wer gar für Werner Cassel eine kleine Schwäche hat, der möge sein unkoscheres Gelüste für diese Sorte von Caffeler durch eine Pön büßen, die er sich freiwillig auferlegt und möglichst ohne Zeitversäumniß an den stets empfangs- und qutttungsbereiten Werner abführt. Man sieht: Dr. Böckel und seine Freunde sind praktische Leute. In ihrem Wahlaufruf heißt es, Dr Böckel habe in 16 Kreisen die Wahlagitation begonnen, Ztmmermann in 9 Wahlkreisen und Werner in dreien. Werner scheint also der Faulste von allen zu sein. Er braucht sich daher nicht zu wundern, wenn bei ihm lange nicht so viel Geld eingeht, als bet den beiden andern Handelsfirmen, mit denen er das vorerwähnte gegen die norddeutschen Antisemiten gerichtete Kartell geschloffen hat. Natürlich nehmen im „Retchsherold" die Herrschaften den Mund gehörig voll. „Die Hoffnung ist vorhanden, daß wir eine Fraktion von mindestens 15 Mann in den Reichstag bringen" — sagen sie in ihrem Wahlaufruf und setzten gleich hinzu: Die Hauptsache ist die Unterstützung mttGeldmitteln. Je größer die Geldmittel, desto größer der Erfolg." Wenn ein so dringender Apell nicht hilft, was soll dann helfen? Daß Böckel, Ztmmermann und Werner die Kundschaft vor der „Unterstützung aussichtsloser Kandidaturen" eindringlich warnen und auf's wärmste die „Concentrirung aller Mittel" auf die von ihnen in Angriff genommenen Wahlkreise empfehlen, beweist, daß sie in allen geschäftlichen Schlichen und Praktiken erfahren sind. Allerdings d irfen sie die Conkurrenz nicht unterschätzen. Diese geht ganz in derselben geriebenen Weise gegen sie vor, und wenn Böckel öffentlich den Ansichten Ausdruck verleiht, daß Ahlwardt den Antisemitismus heillos blamirt habe, so sind umgekehrt nicht nur die Anhänger Ahlwardts, sondern überhaupt die norddeutschen Antisemiten der Ansicht, daß die Böckel'schen schlechter und nichtsnutziger seien, als die Angehörigen irgend einer andern Partei. Stöcker, der Biedermann mit dem christlich-milden Herzen, hat sich sogar nicht enthalten können, eine Bannbulle gegen Böckel vom Stapel zu lassen. Er hat nämlich mit einigen seiner GesinungSgenoffen ein „Christlich-Soziales Manifest" erlaffen, in dem die Christlich-Sozialen aufgefordert werden, falls sie eigene Kandidaten nicht aufstellen, entweder die Deutschkonselvativen oder aber die Deutschsozialen zu unterstützen. Dagegen heißt es in dem Manifest:

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