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Der Israelit · 1893-05-18 · Heft 40-41 (18.5.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 40-41 (18.5.1893)
Date
1893-05-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wären wir von der Wahrheit voll und ganz durchdrungen, daß der Mensch nicht nur vom Brod allein, daß er von demjenigen lebt, was Gottes Mund entströmt, wir würden in der Aufforderung, unseren Ort zu verlassen und die Thora aufzusuchen, da wo sie ihre Heimstätte hat, keine unbegreifliche Zumuthung erblicken. Wie Jeder den Ort verläßt, an dem er sein Brod nicht findet, so bedürfte es auch nicht erst der Mahnung, den Ort zu verlassen, an dem unser Seelenleben darben muß und die Thora da, wo sie reichlich quillt, aufzusuchen. Wenn Jeder für die höchsten göttlichen jüdischen Anliegen nur mit der Umsicht und Thatkraft eintreten wollte, mit welcher er für die Erlangung und Sicherung irdischer Güter thätig ist, was wäre das doch für ein Gewinn für Gottes Sache in unserem jüdischen Kreise. — Wenn Jemand sein Brod verdienen, die Wege suchen und finden will, welche zur Beschaffung der Mittel zum Leben führen, so kennt er keine Rücksicht. Er setzt sich allen Gefahren, allem Hohn und Spott aus, er schreckt vor keinem Wagniß zurück und nur auf diese Weise gelingt es, aus dem Kampfe um's Dasein sich den Bruchtheil zu sichern, der ihm und seiner Familie das Dasein fristet. Und für das Leben selbst, für das jüdische, in den Bahnen des göttlichen Gesetzes sich vollziehende Leben, sollte uns diese Art und Weise es zu erwerben, so befremdlich klingen, welche es aufzusuchen ermahnt, wenn wir es in unserer nächsten Umgebung nicht besitzen? Rur wer seinem Geschäft wirklich nach geht, darf den Segen Gottes dafür erwarten. Wer sich aber darauf beschränken wollte, über die schlechten Zeiten zu klagen, der würde sie damit nur noch schlechter machen, ohne daß ihm geholfen wäre. Wenn unsere Weisen, und gar wie hier der Weiseste der Weisen, ihre Wahrheiten unter dem Bilde eines Gleichnisses uns vorführen, so kann man sicher sein, daß das Verglichene und das Gleichniß nicht nur in dem einen oder anderen Punkte, sondern daß sie in jeder Hinsicht sich gleichen. Wenn uns hier die Aneignung des höchsten geistigen Guts an der Art und Weise veranschaulicht wird, mit der wir die irdischen Güter erwerben, so tritt uns die vollkommene Gleichheit beider Erwerbsarten auch hier entgegen. Niemand, und wäre er der tüchtigste, erfahrenste Geschäftsmann kann in stiller Zurückgezogenheit für sich allein Geschäfte machen. Der Verkäufer muß Käufer, Kunden, kurz Leute haben, mit welchen er in lebendigem Verkehr steht. Dieser Verkehr ist die stillschweigende Voraussetzung eines jeden Erwerbs materieller Güter und — geistiger. -p'3 rmrp’ inan» denn erst die mitftrebenden Genossen, sichern die zu erwerbenden materiellen und geistigen Güter in deiner Hand. In deiner Hand! Im Kopfe könnte Jemand wohl Geistesschätze aufspetchern. auch wenn er sie abgeschieden von der Welt in seiner Klause allein sammelt. Daß sie aber nicht als unfruchtbares Kapital allein im Kopfe liegen, daß sie den Weg vom Kopf zur Hand machen, daß die herrlichen Gedanken in Thaten umgesetzt werden, diese Blüthe alles Wissens erschließt sich nur aus dem Umgang mit gleichgesinnten Genossen, vra niobm ytcb sn» ’□ nrys. Wenn nach abgeschlossener Lebensarbeit, die treuen Arbeiter vor dem himmlischen Arbeitgeber zur Verantwortung hintreten, empfängt sie daher den Ruf: Glücklich, wer hierhergekommen und seine Wissenschaft in der Hand hat! Dieser Gedanke hat in früherer Zeit, noch in den Tagen unserer Großeltern, wackere Väter und Mütter bestimmt, ihre Kinder nicht nur für das Geschäft und den Broderwerb auszubilden, sondern sie in erster Reihe für die Thora zu erziehen. Sie entsandten sie früh aus dem Elternhause nach Orten, an welchen sie Thora lernten, und befolgten schon frühzeitig an ihrem theuersten Besitz die Mahnung: Flüchte nach einem Orte der Thora, und glaube nicht, daß sie dir nachläuft, denn nur Genossen, werden sie in deiner Hand aufrecht erhalten. — Es ist dies leider heute anders geworben. Den Eltern fehlt das Gottvertrauen, sich und ihre Kinder rückhaltlos der Thora zu weihen. Und diesen Mangel im Vertrauen auf Gott* sucht man durch Vertrauen auf die eigene Kraft künstlich zu ersetzen und glaubt allen Ernstes mit dem bischen Anflug und Firniß sogenannter Bildung desjenigen entrathen zu können, was allein unser Leben und die Dauer unserer Tage bedingt. Es scheint die Versuchung

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