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Der Israelit · 1893-05-15 · Heft 39 (15.5.1893) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 39 (15.5.1893)
Date
1893-05-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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742 Inmitten der flanierenden Menge, welche die Stadt Bokhara mit ihren vielfarbigen Gewändern und ihrem unaufhörlichen Geplauder anfüllt, bemerkte ich ärmlich gekleidete Wesen, welche sich ängstlich fortbewegten und durch die Menge schlüpften mit der Sorgfalt, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu vermeiden. Das elende Aussehen dieser Leute sticht auffallend von dem Reichthum der Kleidung der anderen Spaziergänger ab, und ihr geängsteter Blick spricht deutlich ihre sociale Stellung aus. Man braucht nur zu sehen, wie sie zwischen den Vorübergehenden mit ängstlicher Miene hindurchschlüpfen, und man erkennt eine dem Lande fremde in Acht gethane Rasse Die Bokharianer betrachten sie mit dieser Verachtung. In Anzug giebt sie der Menge zu erkennen. Sie sind gezwungenermaßen und gleichmäßig in kurze, schäbige, abgenutzte Röcke gekleidet; von einer einfachen Schnur umgürtet, und ein kleines, schwarzes, tief in die Stirn gedrücktes Käppchen vervollständigt den ihnen aufgedrungenen Anzug. Es sind dies die Juden von Bokhara. Es ist ihnen bei Prügelstrafe verboten, sich anders als in obenerwähnter Weise zu kleiden; sie sind vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, und auf Grund des Gesetzes gezwungen, in einer besonderer Vorstadt zu leben. Sie haben nicht das Recht, ein Pferd zu bestiegen, und müssen besondere Steuern zahlen. Die Juden stehen außerhalb des Gesetzes, und Prozesse zwischen Juden Bokharianer sind untersagt- Die Polizeibeamten ziehen bedeutende Summen von den Juden, die Stelle eines Polizeiinspectors im Judenviertel ist sehr gesucht; es bedeutet ein namhaftes Vermögen nach wenigen Dienstjahren. Ich habe das jüdische Viertel ausgesucht. Die Häuser sind äußerst sauber, sowohl von außen wie von innen. In mehreren jüdischen Häusern herrscht ein gewisser Comfort, wie wenn die Bewohner nicht ohne Vermögen wären. Die Novoie Vremia bringt noch folgende Nachrichten: Aus Koslof, Tambos, erhallen wir folgenden Brief: «Als der Emir von Bokhara vor Kurzem durch unsere Stadt fuhr, ertheilte er Herrn A. Esner, einem jüdischen Kaufmann, eine Privataudienz. Herr Esner besitzt Handelshäuser in Bokhara, und der Emir hatte ihn des öfteren in seiner Hauptstadt gesehen. Der Gegenstand ihrer Unterhaltung war die Lage der Juden in Bokhara. Herr Esner hat Fürsprache eingelegt zu Gunsten seiner Glaubensgenoffen; er unterrichtete den Emir von der entwürdigenden Lage der eingeborenen Juden, die in vollem Widerspruch steht zu den Rechten und Privilegien der in Bokhara niedergelaffenen russischen Juden. Der Handelsminister von Bokhara war bei dieser Audienz zugegen und sah sich genöthigt, auf eine Frage des Emirs, die Behauptungen des Herrn Esner zu bestätigen. Schließlich gab der Emir Herrn Esner folgendes Versprechen: „In wenigen Wochen werde ich in mein Heimatland zurückgekehrt sein. Ich werde nicht ermangeln, die Juden der Gemeinde in meiner Hauptstadt zu berufen, und werde mich bemühen, die heutigen Vorschriften über die besondere Tracht der Juden und das ihnen auferlegte Verbot, außerhalb des Judenviertels zu wohnen, abzuschaffen. Im Falle, wo die Juden über meine Angestellten Klage zu führen hätten, soll ihnen schnelle Gerechtigkeit und voller Schadenersatz werden." Vermischtes. Frankfurt a. M. Die Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden im Taunus wurde von 72 Männern, wovon 41 verh. u. 31 leb., 59 Frauen, wovon 29 verh. u. 33 led., 4 Knaben und 3 Mädchen frequeutirt. Leider faßt unser Hauptgebäude sehr wenige Schlafzimmer, so daß nur einige der weiblichen Kranken hier Aufnahme fanden. Die übrigen mußten in den benachbarten M ietshänsern untergebracht werden. Trink- und Badekuren trugen zur Kräftigung des Qrganismns bei. In den Sool- und Sprudelbädern besitzt die Anstalt ein Heilmittel ersten Ranges, dessen Wohlkhat der Mehrzahl der Kurgäste zuteil wurde; im Ganzen wurde die riesige Anzahl von über 1000 Bädern genommen. Bei 31 Patienten wurden ausgezeichnete Erfolge erzielt, gute Resultate konnten bei 60 Kranken erreicht werden. Leider ist die Frist, welche den Leidenden für einen hiesigen Aufenthalt gesteckt ist, so kurz bemessen, daß die Kur oft schon unterbrochen wird, wenn eben die ersten Zeichen einer Besserung zu Tage treten. Bon diesen schwereren Patienten konnten 30 als gebessert entlassen werden. Man möge bedenken, daß die meisten Kurgäste in ihrer Heimath alle möglichen Heilmethoden durchprobiert haben und endlich in voller Verzweiflung hier Hülfe und Rettung suchen. Da ist es denn natürlich, wenn eine kleine Zahl von Kranken zurückbleibt, bei denen sich alle ärztlichen Bemühungen als fruchtlos erweisen. 6 Patienten kehrten ungebessert nach Hause. Bei 5 Siechen machte der Krankheitsprozeß weitere uuhemmbare Fortschritte. Daher möchte ich, schreibt der leitende Arzt Dr. H. Hughes, die Warnung vom letzten Berichte wiederholen: „Schickt uns die Kranken nicht zu spät, sondern möglichst früh beim Beginn des Leidens." Im Winter war die Anstalt von mehreren Patienten, so von zwei Herren aus Antwerpen, besucht, welche ganz ausgezeichnete Erfolge erreichten. Feuilleton. > Die drei Kronen. Von H. Berger. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Thränen rollten über die Wangen des alten Mannes. Ihn schmerzte der Verlust der Scheine nicht so, als die Nothwendigkeit, schwören zu müssen, wenn ein unredlicher Schuldner ihm sein Geld vorenthalten wollte. Der fromme Jude leistet nicht gerne einen Eid; selbst wenn er ihn mit gutem Gewissen zu schwören vermöchte, erträgt er lieber einen pekuniären Schaden, als den Namen Gottes zum Zeugen der Wahrheit anzurufen; er verliert lieber einen Rechtsstreit und verweigert die Ableistung eines Schwures, der den Streit zu seinen Gunsten entschieden Hätte, so heilig ist ihm das „dritte Wort". Für Benjamin jedoch stand zu viel auf dem Spiele; alle seine Schuldscheine, seine Wechsel, die einen großen Theil feines Vermögens ausmachten, waren verschwunden und nur von dem guten Willen der Schuldner war es abhängig, ob sie ihren Verpflichtungen Nachkommen wollten oder nicht.

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