Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 39 (15.5.1893)
- Date
- 1893-05-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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--V- ■ ,'■■ ..... ■ M.4Utri, J-.U.<....J yi. A»1I>5.^ J ,1,- l -v.-nti 743 Benjamin weinte, weinte wie ein Kind. Hatte er sich deßhalb ein ganzes Menschenleben so gequält, um nun die Früchte seines Schaffens an Fremde zu verlieren? Waren nicht morgen schon die Wechsel des Müllers fällig? Wird der Müller zahlen, wenn er ihm nicht den quittirten Wechsel ausliefern kann? Wird ihn der Antisemit nicht auslachen, ihn einen Lügner, einen Betrüger heißen? O, möchte es seinen Söhnen nur gelingen, den Dieb einzuholen und ihm die gestohlenen Papiere abzunehmen! Viertelstunde auf Viertelstunde verging; schon färbte die glühende Morgenröthe den östlichen Horizont und die Schatten der Nacht begannen zu weichen; schon zuckte hie und da ein goldner Strahl am Firmamente auf, die Dämmerung unterbrechend; die Vöglein im Garten begannen sich zu regen und hüpften, ihren Morgengesang in die frische Luft schmetternd, von Zweig zu Zweig. Der Hahn, der Wächter des Morgens, ließ seinen Weckruf erschallen; ihm antworteten von allen Seiten die Stimmen der befiederten Wächter, und als nun endlich die Söhne Benjamtn's erfolglos von ihrer Jagd zurückkehrten, da war cs heller Tag. Von allen Fenstern wurden die Läden zurückgeschlagcn und mit erstaunten Blicken riefen die schlaftrunkenen Bauern ihm einen „guten Morgen" zu. Benjamin war schon aufgestanden und vollständig angekleidet, als seine Söhne nach Hause kamen. Sie hatten gar nichts erreicht. Bis zum Walde ließ sich die Spur des Diebes verfolgen; dort aber hörte jede Spur auf. Nach allen Richtungen hatten sie den Wald durchkreuzt, jedes Buschwerk, jeden Strauch untersucht — vergeblich. Der Dieb war entkommen und hatte sich und seinen Raub wohl schon längst in Sicherheit gebracht. Es blieb also nichts übrig, als der Polizei die Anzeige zu machen und trotz der frühen Stunde machte sich der alte Mann selbst auf den Weg zum Bürgermeister, dem Polizeivorsteher des Dorfes. Der Bürgermeister stand gerade an dem Brunnen tn seinem Hofe und wusch sich Gesicht und Hände mit dem kalten Naß, als sich das Thor öffnete und Benjamin ekntrat. Erstaunt sah er den Juden an und rief: „Ei. guten Morgen, Herr Caro! Was bringen Sie denn so früh? Fast hätten Sie mich im Bette angetroffen!" „Guten Morgen, Herr Bürgermeister," entgegnete Benjamin traurig, „ja, ich komme früh zu Ihnen; bei mir ist heute Nacht eingebrochen worden und ich wollte Ihnen die Anzeige machen." „Etngebr—", das Wort erstarb dem Bürgermeister im Munde. Rasch trocknete er sein Gesicht ab, richtete sich stramm auf, trat zu Benjamin heran und sprach: „Sie sprechen doch nur im Scherz, Herr Caro. Fünfzehn Jahre bin ich jetzt hier Bürgermeister und noch nie habe ich einen Diebstahl — ach, gewiß ist es ein schlechter Scherz, den Sie sich mit mir erlauben." „Wollte Gott, ich könnte scherzen, ich hätte nicht mein halbes Vermögen verloren." Als der Bürgermeister das betrübte Gesicht Benjamin's sah, konnte er an keinen Scherz mehr glauben. Er sagte deßhalb: „Kommen Sie herein auf mein Bureau und entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich stehe zur Verfügung." Benjamin trat in das Bureau und schon nach einigen Minuten kam der Bürgermeister. „So, Herr Caro", begann er, „nun lassen Sie hören, was Sie mir mitzutheilen haben." „Ich fühlte mich nicht ganz wohl und blieb deßhalb zu Hause. Gegen Abend, nachdem ich ein Stündchen mit meiner Tochter im Garten verplaudert hatte, fühlte ich mich etwas angegriffen und ging früh zu Bett. Ich schlief auch bald ein und ich erinnere mich nicht so tief und fest geschlafen zu haben, wie am gestrigen Abend. Gegen Mitternacht wachte ich auf und fühlte, wie die Steppdecke, die bei Tage über das Bett gedeckt wird, über meinem Gesichte lag. Ich wollte sie abnehmen, aber es ging nicht; sie schien mit Nadeln am Bette festgesteckt worden zu sein. Wer konnte das gethan haben? Ich war ärgerlich und mit einem festen Ruck riß ich die Decke ab und richtete mich in meinem Bette auf. Da sah ich Jemand vor meinem geöffneten Schranke stehen und in meinen Papieren wühlen. Ich fing an zu schreien, worauf der Dieb, dessen Gesicht geschwärzt war, aus dem offenen Fenster in den Garten sprang und dem Walde zu eilte. Meine Söhne, die bald darauf zur Stelle waren, verfolgten ihn, konnten ihn jedoch nicht fangen und kamen abgemattet heute Morgen nach Hause." „Was hat der Einbrecher mitgenommen?" fragte der Bürgermeister. „Das ist ein eigenthümlicher Dieb gewesen. In dem Schranke war Papiergeld, Gold und Silber; das alles hat er liegen lassen und nur ein Packet mitgenommen, welches Wechsel, uneingelöste Schuldscheine und sonstige Dokumente enthielt, die nur für mich Werth haben, deren Verlust mich aber empfindlich schädigen würde." „Welchen Werth hatten die Papiere?" „Das kann ich nicht genau sagen; ich denke jedoch, zum mindesten sind die Dokumente 20000 Mark werth. Es ist fremdes Geld, für welches ich wieder Schuldscheine ausgestellt habe. —" Der Bürgermeister schüttelte den Kopf und sagte: