Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 39 (15.5.1893)
- Date
- 1893-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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738 Wer auch nur je einen flüchtigen Blick auf die markantesten Geschehnisse der Welt geworfen hat, kennt die heißen, blutigen Kämpfe zwischen den Trägern der Königs- und der Priesterkrone, zwischen Thron und Altar, zwischen Staat und Kirche. Dieser feindliche Gegensatz, an welchem schon so viele Völker und Staaten verblutet sind, sollte dem Gottesvolke erspart bleiben, seine Glieder sollten Könige und Priester zugleich sein. Der Staat sollte ein Gottesstaat sein, wie der Tempel ein Gottestempel. Der Boden, auf dem sich beide, Staat und Kirche gemeinsam, ohne Scheidung und eifersüchtige Abgrenzung ihrer Gebiete erhoben, war die Thora, der offenbarte Wille Gottes In seinem Dienste standen alle. Dieser Dienst war es, der jedem priesterliche Weihe und königliche Würde gab. Die Krone des Priesters wie die des Königs standen im Dienste der Thorakrone. Das, was sonst als unheilbarer Gegensatz die Geister und Gemüther entfremdet und verfeindet, sollte sich hier in harmonischer Einheit gegenseitig ergänzen. Und wenn dieses Ideal wohl auch nie seine volle Verwirklichung in dem gesammten Staats- und Volksleben Israels gefunden, so ist auch nie die Bedingung in ihrem ganzen Umfang erfüllt werden, an welche das jedem einzelnen zugängliche Königthum und Priesterthum von vornherein geknüpft war, die Bedingung : 'JT-q nx oniDtPi lyotyn jhcp dx nnyi: „Wenn ihr nun hören wollt auf meine Stimme und Wache halten werdet über meinen Bund." (ibid V. 5.) Aber als Ideal hat diese Aussöhnung jener feindlichen Gegensätze den Edlen Israels immer vorgeschwebt und hat in ihnen auch seine Verkörperung gcfunden. pa nnx am’ x^>i ,mi yatw pnu *afa ti-di by. „Geschworen hat cs Gott und wird es nicht zurücknehmen.- Du bist Priester für die Ewigkeit, bist auf Grund meines Wortes, mein Tugendideal eines Königs." (Psalm 110, 4.) Der Menschheitsprtester-Beruf Davids, mit den Lauten seiner Harfe die Geister und Gemüther der Menschen für das Göttliche zu gewinnen, und sein Wirken als König, beide flössen aus derselben Quelle, beide erhoben sich auf einem und demselben Boden, >m:n by, auf dem Thorawort. Wenn der Prophet die Gottesleuchte sieht, von Oelbäumen umgeben, einen zur rechten und einen zur linken, die den goldenen Oelstrom dem heiligen Lichte zuführen, so wird dem Prophet die Deutung dieses Gesichts: das sind die beiden Garanten jeder wahren Erleuchtung, Priefterthum und Königthum, die mit dem Blick empor zu Gott gerichtet, keine andere Lebensaufgabe kennen, als dem Thoralicht auf Erden seine Nahrung und Erhaltung zu sichern. (Sccharja, C. IV, V. 11—14.) muDn yo' by n^xn dthh w no l’bx "iöixi jyw □’n-in tuet nc r^x idxi rrw ]yxi h'pxöb' by'i idn’i 3-Tn nn'byn irpnon amn nnms tw tu ton r6x -MX'i ’n« x^? -iöxi r6x ns nyT x^n ->vx^ ^x px by dhdjh ( iyd^di mina -pp ’"Kns)-insrn oa 'W .pxn to Diese vollständige Unterstellung des ganzen Wirkens und Waltens des jüdischen Priesterthums und Köntgthums unter die Zwecke und Ziele der Thora bedarf zu ihrer Würdigung nur des Hinweises auf das, was eigentlich die Funktionen des Priesters und Königs in Israel ausmachte. Daß in einem Volke, dessen Lebensseele Gottes Wille ist, wie ihn sein Wort ausspricht, daß in einem solchen Volke die Kenner, Lehrer und Förderer der Thora eine hervorragende Stelle einnehmen, welche berechtigt, von einer Krone der Thora zu sprechen, liegt auf der Hand.. Wie auf die Luft zum Athmen, ist innerhalb Israel jeder Einzelne, Hoch und Nieder, Groß und Klein für jeden Schritt des Lebens auf seine Thora, als auf das Gesetz angewiesen, welches sein Leben bestimmt und regelt. Soweit jeder nicht selbst mit den Anforderungen des Gottesgesetzes vertraut ist, ist er für den Rath, die Belehrung und Entscheidung in allen zweifelhaften Fällen, auf die Kenner und Meister der Thora angewiesen. Ihr Erlaubt und Verboten, ihr Rein oder Unrein ist entscheidend. Auf Grund dieses Gesetzes conftituirte sich die jüdische Gerichtsbarkeit, die überall durch ein Collegium von drei Richtern alle Fragen über Mein und Dein, deren höhere Repräsentanz von 23 und deren höchste von 71 Mitgliedern über Leben und Tod entschieden. Die Verbindlichkeit dieses Gesetzes und die Hochachtung vor ihm ging auf alle diejenigen über, die ihm ihr Leben widmeten und gestaltete sich zur Krone der Thora. Diese rückhaltlose Hingebung des ganzen Lebens und seiner Güter in die Anforderungen der Thora fand seinen symbolischen Ausdruck in den Opfern des Heiligthums, deren Vollziehung den Priestern als pH »mto und xjarm pito, als die von Gott selber designirten Vertreter des Volkes überantwortet war. Eine Reihe von religionsgesetzlichen Entscheidungen, besonders bei den Reinheitsgesetzen, bei Aussatz- und anderen Schäden war ausschließlich in ihre Hand gelegt. Die durch das Opfer zu erlangende Reinheit des unrein Gewordenen, die ganze Instandhaltung des Tempelheiligthums zählte zu ihren Funktionen. Wenn aber gar die Lippen des Priesters über die Kenntniß der Thora wachten, so sucht man die Thora aus seinem Munde, er steht dann als „Bote Gottes da", (Maleachi II, 7) und diese erhabene