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Der Israelit · 1893-05-11 · Heft 38 (11.5.1893) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 38 (11.5.1893)
Date
1893-05-11
Page
– (sequence 27)
Language
German
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Jahrzehnte zählenden Nationalitätsprincips, wird der Judenhass gepredigt. Es braucht kaum noch besonders hervorsrehoben zu werden, dass auch die Juden diese Frontveränderung ihrer Feinde mitgemacht haben. Waren wir ja als der angegriffene Theil doch stets gezwungen, die Wahl des Schlachtfeldes, sowie die Bestimmung des Feldgeschreies unseren Feinden zu überlassen. So kam es, dass auch wir, welche bis vor Kurzem „hie Jude“ und „hie Christ“ mitriefen, jetzt in das Feldgeschrei „hie Arier — hie Semit“ einstimmen müssen. Das neue Feldgeschrei hat, vom jüdischen Standpunkte aus betrachtet, vor dem alten den grossen Vorzug, dass er die Taufe vollständig ausschliesst. Früher konnte und musste jeder fahnenflüchtige Jude sofort nach Empfang der Taufe als Christ angesehen werden, jetzt kann der Makel der semitischen Geburt nicht einmal durch das Taufwasser mehr fortgespült werden. Jetzt bleibt dem Juden nur noch die Wahl zwischen Verfolgung und Auswanderung, und namentlich in den Ländern, wo eine antisemitische Propaganda der That betrieben wird, handelt es sich für die Juden thatsäcblich in erster Reihe um die bittere Frage: wo hinaus? Es handelt sich augenblicklich darum, was soll aus jenen Tausenden werden, wo soll sich ihnen die Möglichkeit erschliessen, neue Hütten zu bauen, nachdem der heimathliche Herd von roher Faust zertrümmert worden ist? Jahrein, jahraus werden Tausende unserer Glaubensgenossen gezwungen, irgendwo von Neuem festen Fuss zu fassen, müssen unzählige von unglücklichen, vaterlandslosen Existenzen ein neues Heim suchen, in dessen Boden sie feste Wurzel schlagen, wo sie ein Feld finden können, auf dem sie redlich arbeiten und von dem Ertrage ihrer Arbeit sich und die Ihrigen redlich ernähren könnten. Dass die Auswanderungsfrage, die Frage „wo hinaus?“ für uns so brennend geworden, so sehr, dass alles Andere ihr gegenüber in den Hintergrund treten muss, das ist eben die beklagenswerte Folge des Fehlers, den wir begangen, dass wir zu vertrauensselig und darum bisher untätig gewesen. Der Fehler ist aber einmal begangen, und unsere Aufgabe ist es, seine Consequenzen möglichst zu beseitigen, den plan- und ziellos umherirrenden russischen Glaubensgenossen ein schützendes Asyl und dadurch zugleich den Antisemitismus ein dauerndes Bollwerk zu schaffen, hinter dessen Wänden auch zukünftige Flüchtlinge sicheren Schutz und genügenden Raum finden könnten. Wo aber ist dieses Asyl zu errichten? Welche Erfordernisse hat es zu erfüllen? Sehen wir uns nach einem Lande um, welches den Strom der Auswanderer in sich aufzunehmen geeignet wäre, so müssen wir auf dieser Suche sorgfältig eine Reihe von leitenden Gesichtspunkten im Auge behalten, die auch nicht einen Augenblick lang übersehen werden dürfen. Das Land, das wir suchen, muss unbedenklich gewisse Voraussetzungen erfüllen, nicht eines davon können wir erlassen, sonst ist das ganze Werk gefährdet, ist die Zukunft der Auswanderer auch in der neuen Heimath bedroht. Vor Allem verdienen politische und religiöse resp. moralische Momente Berücksichtigung. Daneben erheischen auch die socialen und wirtschaftlichen Verhältnisse jenes gesuchten Landes sorgfältige Erwägung. Lassen wir alle diese Factoren, deren wir soeben Erwähnung getan, Revue passiven. 1. PolitischeGr linde. Wenden wir uns zunächst den politischen Gründen zu. Was haben uns die Lebensäusserungen des Antisemitismus bisher gelehrt? Der Satz, den wir ihnen entnehmen können, lässt sich dahin präcisiren, dass der Antisemitismus eines Landes im gleichen Verhältnisse zu der Zahl der Juden in diesem Lande steht. An der Spitze aller judenfeindlich regierten Länder steht Russland, und dieser Staat wiederum ist es, in dessen Ansiedelungsrayon die Juden 12—16pCt. der Gesammtbevölkerung ausmachen, eine Geschlossenheit, in welcher sie uns sonst nirgends wieder begegnet. Auf Russland folgt Rumänien, sowohl in Anbetracht der den Juden ungünstigen Volksstimmung, als auch der ziffermässigen Stärke dieser Glaubensgemeinschaft. Acht Procent aller rumänischen Bürger sind nämlich Juden. An dieses Land reiht sich in Antisemitismus und nach der Zahl seiner jüdischen Bevölkerung (4pCt.) Oesterreich-Ungarn, den Reigen scliliesst Deutschland, welches mit D/zpOt. Juden auf die gesammte Einwohnerschaft immerhin noch — wie wir ja Alle leider nur zu gut wissen — Anspruch darauf erheben kann, ein antisemitisches Land zu sein. Wächst der Procentsatz der Juden in einem Lande durch zahlreiche Einwanderung plötzlich an, so fangen auch sofort die antisemitischen Wogen anzuschwellen an, wie ja die judenfeindliche Litteratur in Frankreich, die Arbeitermeetings gegen die Concurrenz der jüdischen Handwerker in England und der Judenhass, der seit zehn Jahren notorisch in den Vereinigten Staaten herrscht, Jedermann, der Augen hat zu sehen, unzweifelhaft überzeugen müssen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Ursache dieser Erscheinung hier zu erörtern. Wir sind nun einmal da und können nicht dafür, dass wir der bestgehasste Volksstamm sind, dagegen müssen wir es nach Kräften zu vermeiden suchen, die Zahl der jüdischen Bevölkerung in arischen Ländern muthwillig zu steigern. Namentlich kann nicht dringend genug vor einer starken Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika gewarnt werden. Hier wohnt jetzt schon ca. eine Million Juden, und eine weitere Auswan-

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