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Der Israelit · 1893-05-11 · Heft 38 (11.5.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 38 (11.5.1893)
Date
1893-05-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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728 Nun ward Rahel aber ernstlich böse und sie sprach: „Du könntest ja bei der Schwiegertochter um die Liebe betteln, die Deine Tochter Dir so gerne erweist, nicht wahr? Mich könntest Du des Verdienstes berauben wollen, das Gott gebot: „Ehre Vater und Mutter", an Dir erfüllen zu dürfen, so lange Du lebst? Nein, Vater, das kann Dein Ernst nicht sein. Das Alter bedarf der Pflege; die Pflege der alten Eltern ist die Pflicht des Kindes, die Pflicht der Tochter. Also mußt Du zu mir gehen, wenn ich einst heirathen sollte und nicht zu meinen Schwägerinnen." „Darüber wollen wir später wieder einmal sprechen", versetzte lächelnd der Vater. Doch Rahel war damit nicht zufrieden. Sie quälte den Vater so lange, ließ nicht eher nach mit Bitten und Vorstellungen, bis dieser ihr versprochen, sie nicht zu verlassen. „Der Vater gehört zur Tochter," sprach sie, „ihre Pflicht ist es, ihn zu pflegen, wenn die Tage des Alters kommen, von denen es heißt, daß sie nicht schön sind. Deine Söhne haben mit ihrem Geschäft zu thun; ihre Frauen sind nicht Deine eigenen Kinder; ihre Liebe zu Dir ist nicht groß genug, kann nicht groß genug sein, um alle die Kleinigkeiten freudig zu erfüllen, die nur das Auge der Liebe sieht und die das Leben so angenehm machen. Nein, mein Vater, Du gehörst zu mir und wohin ich auch gehen werde, ich nehme Dich mit." „Des Himmels Segen wird Dir Deine Liebe lohnen", versetzte Benjamin bewegt; „Du erfüllst in der That das Wort: Ehre Vater und Mutter, und der Lohn, den Gott auf die Erfüllung dieses Wortes gesetzt hat, wird Dir zu Theil werden." Rahel schwieg. Der Vater war heute so weich und zärtlich, wie sie ihn nie gesehen. Sie blickte von ihrer Arbeit auf und fand ihn sehr bleich aussehend. Deßhalb stand sie auf, trat zu ihm heran, legte ihre zarte Hand auf seine Schulter und sprach: „Du siehst angegriffen aus, Väterchen; fühlst Du Dich nicht wohl?" „D?ch, mein Kind," sprach Benjamin, „ich fühle mich ganz wohl; nur müde bin ich; zum ersten Mal in meinem Leben so recht müde." „So gehe in Dein Bett, Vater; da kannst Du ruhen und schlafen. Morgen, so Gott will, wirst Du wieder ganz wohl sein." Sie erhoben sich und gingen ins Haus. Benjamin legte sich zu Bette und bald verkündeten die tiefen, regelmäßigen Athemzüge Rahel, daß ein gesunder Schlaf ihren Vater umfing, aus dem er gesund und gekräftigt erwachen werde. Da es im Schlafzimmer des Vaters sehr schwül war, öffnete sie ein Fenster, welches nach dem Garten führte und bald erfüllte die frische balsamische Gartenluft das kleine Zimmer, in welchem ihr Vater so fest schlief. Rahel ging ihren häuslichen Pflichten nach. Von Zeit zu Zeit warf sie einen Blick in das Schlafzimmer und freute sich über den gesunden Schlaf des Vaters. Der Abend begann zu dämmern. Melodisch ließ die Vesperglocke ihr Geläute ertönen und die Glocken der benachbarten Dörfer beantworteten mit ihren ehernen Stimmen diesen friedlichen Gruß. Die fleißigen Bauersleute kehrten vom F^lde heim, um nach der Arbeit des Tages in süßer Ruhe die müden Glieder zu stärken; sie gehen alle früh' zu Bett, denn für den fleißigen Landmann ist die Nacht rasch zu Ende und mit der Sonne erhebt er sich von feinem Lager zu neuer Arbeit und neuem Schaffen. Wenn der Städter sich noch lange im weichen Bette wälzt, hat der Landmann oft schon Stunden schwerer Arbeit und Anstrengung hinter sich, aber auch lange bevor der Stadtbewohner sein Lager aufsucht, umfängt ein gesunder, traumloser Schlaf den Bauern. Deßhalb sind auf einem Bauerndorfe, um die neunte Stunde des Abends, obschon alsdann die Nacht noch nicht vollständig eingebrochen ist, die Straßen leer, die Häuser liegen stille und dunkel im Dämmerlichte da. Im Hause Benjamins brannte heute länger Licht als gewöhnlich. Die Söhne und der Knecht waren spät mit Vieh nach Hause gekommen und bis dieses gefüttert und getränkt war, war es elf Uhr geworden. Rahel konnte sich erst um zwölf Uhr auf ihr Zimmer begeben, woselbst sie noch eine Weile, nachdem sie das Licht verlöscht hatte, im Dunkeln die Ereignisse des Tages an ihrer Seele vorüber ziehen ließ. Sie wußte nicht, wie lange sie so sinnend im Bette gelegen hatte, als plötzlich ein gellender Hilferuf rasch die Stille der Nacht unterbrach. Rahel sprang erschrocken aus ihrem Bette, warf sich rasch einen Schlafrock über und horchte mit verhaltenem Athem. Sie meinte die Stimme des Vaters erkannt zu haben, und wollte, um ganz sicher zu sein, nachsehen. Horch! wieder dieser gellende Hilferuf! Nun erkannte sie die Stimme des Vaters und rasch eilte sie hinab, um zu sehen, was ihm fehle. Zitternd vor Angst und Aufregung riß sie die Thüre zum Schlafzimmer auf und erstarrte fast vor Schreck über das, was sie sah. Der Vater stand, nur mit dem Hemd bekleidet auf einem Stuhle vor dem geöffneten Fenster und stieß gellende Hilferufe aus. Rahel sprang hinzu, faßte den Vater bei der Hand und sprach: „Großer Gott, Vater, was hast Du? Komme, lege Dich zu Bett. Du könntest Dich erkälten."

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