Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 37 (8.5.1893)
- Date
- 1893-05-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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710 aufbauenden, sondern lediglich die zerstörenden und korrumpirenden Triebe sich geltend machen, sind schädlich und zu bekämpfen. Es ist die Pflicht eines jeden Bürgers, nach seiner Ueberzeugung seine Stimmabgabe einzurichten. Daß ein jüdischer Wähler einem Antisemiten seine Stimme nicht geben kann, ist selbstverständlich. Aber er kann dcr Wahl eines konservativen Mannes sehr wohl zustimmen, wenn es sich um einen ehrlichen Mann handelt, der nicht des Antisemitismus verdächtig und der konservativ gerichtet ist, weil dies bei ihm Ueberzeugung und Herzenssache ist. Eben so gut wie für einen Konservativen können die jüdischen Wähler auch für einen andern Kandidaten stimmen, wenn derselbe ihrer Ueberzeugung nahe steht und sie sich von seiner Wahl einen Vortheil für das allgemeine Beste versprechen. Eine Verpflichtung der Juden, einen freisinnigeu oder sozialdemokratischen Bewerber zu wählen, kann es nach dem vorstehend Ausgeführtcn nicht geben — eben so wenig aber kann eine Pflicht, derartige Kandidaten nicht zu wählen, für sie konftruirt werden. Die Wahl ist Ueberzeugungssache und muß es bleiben. Wenn die Wähler jüdischer Abstammung von solchen Erwägungen sich ihre Stellungnahme zu den Neuwahlen vorzetchnen lassen, dann wird Niemand ihnen daraus einen Vorwurf machen können. Dann werden sie als gute Bürger einer patriotischen Pflicht genügen und dieses Bewußtsein wird sie mit dem erhebenden Gefühl der Selbstachtung erfüllen, au dem, wie an einem starren Felsen, die schmutzigen Wogen der gewissenlosen Verleumdung und der gehässigen Anfeindung ohnmächtig zerschellen werden. Die Wahlenthaltung aber wäre Feigheit. In einer Zeit, da mau darauf aus ist, dem Juden seine bürgerlichen Rechte zu verkümmern, dmf er freiwillig auf keinS dieser Rechte verzichten. Im Gegentheil.- er hat durch eine in jeder Hinsicht korrekte und mit dem Geiste der Verfassung übereinstimmende Haltung zu zeigen, daß er von seinen Rechten in verständiger Werse Gebrauch zu machen weiß und daß er nicht gewillt ist, sich dieselben irgendwie verkürzen zu lassen. Das ist der einzige Rath, den ein aufrichtiger Freund des Judenthums den jüdischen Wählern im Hinblick auf die am 15. Juni stattfindende Reichstagswahl zu geben vermag. ZeituugSuachrichteu und Corresponderrzcn. Deutschland. Berlin, 2. Mai. lieber das Treiben der Antisemiten im Königreich Sachsen wird in der „kölnischen Ztg." wie folgt geklagt: „Die schlimmen Eigenschaften der antisemitischen Demagogie treten besonders in Sachsen gegenwärtig in sehr schroffer Weise zu Tage. Die jetzt fast täglich startsindenden Versammlungen gewisser mittlerer Bürgerkreise sind leider durchaus aus den Ton sozialdemokratischer Radanversammlnngen gestimmt. Hat in Sachsen die Sozialdemokratie die Ärbeitermassen verhetzt, so ist der Antisemitismus jetzt bei uns mit großem Erfolg am Werk, in den mittleren Biirger-und Bauernkreisen nicht nur Verachtung und fanatischen Haß gegen die jüdische Bevölkerung zu säen, sondern über dieses Ziel hinaus auch gegen unser heutiges Staatswesen und dessen hervorragende Lrägcr Mißtrauen und Erbitterung zu verbreiten. Was in Sachsen gegenwärtig durch den Antisemitismus an vcrsönlicher Verunglimpfung, was an Verdächtigung der Reichsregiernng geleistet wird, hat man sich dort unter geordneten staatlichen Zuständen in dieser Rücksichtslosigkeit und in diesem Umfange noch niemals erlauben dürfen. Wie die Sozialdemokratie es ansspricht, daß alle anderen Parteien ihr gegenüber „eine reaktionäre Blasse" bilden, so betrachtet der Antisemitismus neuester und rohester Auslage in Sachsen jetzt jeden als „verjndet", der seine stimme gegen solche Ausschreitungen erhebt. Durch den Antisemitismus ist das Rechtsbewußtseiu in breiten .Streifen des Mittelstandes in Sachsen arg erschüttert. Wie die sozialdemokratischen Arbeiter, so ist auch jene bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung bereits jetzt mit dem gegenwärtigen Staat und der heutigen Gesellschaft zerfallen. Sozialdemokratie und Antisemitismus berühren sich auch darin, daß sie das Gefühl der wirthschaftlichcn Selbstverantwortlichkeit bei ihren Anhängern ersticken und dieselben mit Ansprüchen an die Staatshilse erfüllen, die niemals in Erfüllung gehen können. Zn Sachsen hat der Antisemitismus in jener breiten, mittleren bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkernngsschicht, die früher die feste Grundlage einer ruhigen politischen Entwickelung, eine kräftige Stütze der staatlichen Autorität und Drdnnng war, eine Verbitterung grvßgezüchlet, die sich in zahlreichen köpfen zum leideuschaslichsten Haß gegen alles steigert, was dem Antisemitismus nicht zu willen ist. In dieser Partei hat sich ein volitisches .Nrastiiieierthnin bei uns entwickelt, das es für eine Großthat hält, mit möglichst schroffen Redensarten um sich zu werfen, Ehre und Ueberzeugung anderer Politiker init Füßen zu treten. Wan kann in Sachsen geradezu von einer Verrohung des öffentlichen politischen Gebens, von einer politischen Entsittlichung sprechen, die der maßlose Antisemitismus in die bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung hineingetragen hat. Wenn in den Arbeitcrkreisen niedrige politische Triebe zügellos entfeffelt werden, so ist das seit je verurtheilt worden, aber schwere Bedenken erregt auch die Aufstachelung derartiger Triebe in der bürgerlichen und bäuerlichen Bevölkerung. Diese Volksschichten in eine leidenschaftliche Gegnerschaft zu unserm heutigen Staatswesen zu bringen, kann in Sachsen zuerst politisch verhängnißvoll werden. Dem neueren Antisemitismus gegenüber ist eine Aufrüttelung der Gewissen Pflicht. Es handelt sich keineswegs nur um die Behauptung etlicher Reichstags- und iüandtagsmandate, sondern um höhere Güter. Bei uns gilt es, sich dagegen zu wehren, daß