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Der Israelit · 1893-05-08 · Heft 37 (8.5.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 37 (8.5.1893)
Date
1893-05-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage zu M 37 ües „Israelit“. Leitender Artikel. |>ie Stellung der Juden zu den Neuwahlen.' Der deutsche Kaiser hat die Entscheidung über die Militärvorlage durch Auflösung des Reichstags dem deutschen Volke anheimgegeben. Um diesen Punkt wird sich in erster Linie die Wahlschlacht bewegen. Für uns Juden aber haben die diesmaligen Wahlen eine spezielle und vielleicht tiefeingreifende Bedeutung, deren Wirkung innerhalb fünf vollen Jahren gar nicht abzusehen ist. Die Feinde Israels haben sich zu einer politischen Partei zusammengethan und kämpfen mit einer Kraft, einer Ausdauer und einem Muthe, der einer besseren Sache würdig wäre. Zwar hat der lauteste Rufer im Streite erst vor einigen Tagen eine gewaltige Niederlage erlitten, aber man glaube ja nicht, daß der Antisemitismus durch das Auftreten Ahlwardts empfindlich geschädigt worden ist! Ganz im Gegentheil: es ist sogar wahrscheinlich, daß er aus den Neuwahlen wesentlich gestärkt hervorgehen wird. Nun haben ja in letzter Zeit die Herren Konservativen im Hinblick auf Ahlwardt's lächerliches und verächtliches Gebahren äußerlich wenigstens so gethan, als ob sie sich von dem Antisemitismus, mit dem sie im Trivoli-Saale Orgien gefeiert hatten, zurückziehen wollten; das war aber mehr der Ausdruck einer augenblicklichen Verlegenheit, als das Ergebniß einer gründlichen Einkehr. An eine dauernde Besserung ist da nicht zu denken. Angenommen nun, daß die Konservativen eine irgendwie beachtenswerthe Stärkung durch die Wahlen erführen, daß ferner die Antisemiten einige Erfolge errängen und daß diejenigen unter den Ultramontanen, welche dem Antisemitismus nahe stehen, wiedergewählt, würden, so wäre die Voraussetzung zu einer nachdrücklichen antisemitischen Aktion im Reichstage vorhanden. Und dabei würde es nicht bleiben. Die Reaktion würde sich auch auf anderen Gebieten breit machen. Aus diesen Gründen ist es dringend zu wünschen, daß seitens der volksthümlichen Parteien die Wahlkampagne weniger auf die Militärvorlage zugespitzt, als vielmehr im Sinne einer allgemeinen Volksaufklärung geführt werde. Es muß den Wählern klar gemacht werden, welche ungeheuere Verantwortlichkeit sie gerade diesmal durch Abgabe ihres Stimmzettels auf sich laden. Die Annahme *) Wir stellen diese beachtenswerthe Kundgebung unseres schon durch frühere Artikel unseren Lesern bekannt gewordenen gelegentlichen Mitarbeiters zur allgemeinen Diskussion. Red. der Militärvorlage würde dem Volke gewiß große Opfer auferlegen — dennoch aber wäre der hieraus vielleicht entstehende materielle Schaden Nichts im Vergleich zu der Einbuße an ideellen Gütern, zu der wir durch eine reaktionäre Reichstagskoalition verurtheilt würden. Materielle Verluste lasten sich ersetzen, lassen sich verschmerzen; die ideellen Schädigungen aber wirken fort und fort in verhängnißvoller Weise. Was nun speziell die Stellung der Juden zu den Neuwahlen betrifft, so muß eingeräumt werden, daß sich hier ein Rath, der für alle Fälle patzt, gar nicht geben läßt. Unlängst wurde den jüdischen Wählern angerathen, sie sollten im Falle einer Reichstagsauflösung im jüdischen Interesse nur den Anhängern der Militärvorlage ihre Stimmen geben. Der Rath war thöricht und verdiente gar nicht die ernste Zurückweisung, die er gefunden hat. Die Wähler jüdischer Glaubens- oder Stammeszugehörigkeit sind in erster Linie Deutsche und werden als solche ihr Verhalten bei der Wahl lediglich denjenigen Gesichtspunkten unterordnen, die ihr Patriotismus und das Maß von politischer und sozialer Einsicht, über das sie verfügen, ihnen vorschreiben. Als Ju^e ist Niemand verpflichtet, einer bestimmten politischen Partei anzugehören, leider aber wird das Urtheil manches jüdischen Wählers dadurch verwirrt, daß die Judenfeinde sich zu einer politischen Partei zusammengefunden. Es hat durchaus nichts auffallendes an sich, wenn ein Jude konservativen Anschauungen huldigt. Aus dem Judenthum sind sogar schon bedeutende Vertreter der konservativen Weltanschauung und Staatsauffassung hervorgegangen. Mit der Parteistellung der Menschen hat es überhaupt eine eigene Bewandtniß. Die richtet sich weniger nach der Abstammung und nach der Konfession des Einzelnen, als vielmehr nach seinem Temperament, nach der ihm angeborenen oder anerzogenen Geistesrichtung und nach der Summe seiner Lebenserfahrungen, sowie der Lehren und Nutzanwendungen, die er aus letzteren zieht. Zugegeben mag dabei werden, daß das Temperament eines Menschen in seiner Grundstimmung wenigstens, durch seine Abstammung mit beeinflußt wird. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sind alle Parteien, soweit sich inMnen die vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Triebkräfte deutlich verkörpern, nothwendig und verhältnißmäßig nützlich. Nur beschränkter Parteifanatismus kann diese Wahrheit bestreiten, die der gereiften Erkenntniß sich unabweisbar aufdrängt. Alle Parteien aber, in denen nicht die erhaltenden und nicht die neu

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