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Der Israelit · 1893-05-04 · Heft 36 (4.5.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 36 (4.5.1893)
Date
1893-05-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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682 das heißt, daß Ahlwardt schauderhafte, unerhörte Sachen dortselbst enthüllen werde; sodann wurden die zu erwartenden Produktionen im Einzelnen umständlich beschrieben — es war die Rede von Hunderten von Millionen Mark, um welche die Juden feiner Zeit den Jnvalidenfonds betragen hatten — und endlich kam die Vorstellung selbst. Das Känguruh sollte boxen — Ahlwardt sollte seine Anschuldigungen beweisen. Nun aber stellte sich heraus, daß Ahlwardt sich auch die Taktik des wohldresfirten australischen Säugethieres völlig zu eigen gemacht hatte. Er boxte nicht, ließ aber zwischendurch erkennen, daß er nicht abgeneigt wäre, nach den Osterferien sich in seiner ganzen Jahrmarktsglorie dem staunenden Parlamente zu zeigen. Dabei ging es denn allerdings ohne empfindliche Hiebe und Stöße, die dem Widerspenstigen gewissermaßen als kleine Aufmunterung verabfolgt wurden, nicht ab — erreicht aber wurde damit nicht das Geringste. Das Känguruh boxte nun einmal nicht, Ahlwardt streikte. „Wird er beweisen können, was er behauptete oder wird dieses nicht der Fall sein?" So lautete damals die Frage, die man allenthalben hören konnte. In den Volksversammlungen, die er um jene Zeit abhielt, verkündete Ahlwardt mit lauter Stimme allabendlich, daß er nach wie vor das einzige wirklich boxende antisemitische Känguruh sei, daß er nach den Ferien sich im Reichstage mit wahren Glanzleistungen produziren und eine große Anzahl der reichsten und mächtigsten Juden ntederboxen werde, so daß sie wohl das Aufftehen vergessen würden. Das Publikum gericth begreiflicher Weise nach einer solchen Riesenreklame in eine geradezu fieberhafte Aufregung und Spannung. Als dann endlich der Tag kam, an dem Ahlwardt im Reichstag Farbe sollte bekennen, da waren die Tribünen dicht besetzt von Neugierigen, und eine dichte Schaar von solchen, die keinen Einlaß mehr gefunden, wogte draußen in der Leipziger Straße aus und ab. „Heute wird unser Rektor den Juden da drinnen die Wurst schon anschnetden." — „Waih geschrieen Israel!" — „Ein wahres Glück für den Bleichröder, daß er schon todt ist, dem wär's am schlechtesten ergangen." ... So und ähnlich lauteten die geistreichen Betrachtungen, die hier der Hurrahmob des Herrn Rektors a. D. anstellte, um sich die Langeweile zu vertreiben, nachdem die diversen Schnapspullen schon in der ersten Viertelstunde gründlich geleert worden waren. Ein antisemitischer Mann thut Nichts halb, und wenn er schon einem Spiritusring angehört, so trägt er durch künstliche Steigerung der Nachfrage auch endlich das Seine zur Rentabilität der vaterländischen Schnapsbrennerei bei. Leider erwies sich der Abgeordnete Ahlwardt drinnen im Reichstage des Vertrauens seiner Anhänger durchaus unwürdig. Er nahm, wie man weiß, eine gar klägliche Haltung ein und wollte nun mit einem Male gar nichts gesagt haben, was er jetzt beweisen sollte. Von dem Jnvalidenfonds und den Hunderten von Millionen, um welche jüdische Finanzieute im Etnverständniß mit Organe» der Verwaltung denselben bestohlen hätten, sprach er nun schon gar nicht mehr, sondern stellte dafür andere Behauptungen auf, die natürlich ebenfalls unbewiesen blieben. Kurz und gut: Ahlwardt hatte es allem Anscheine nach darauf abgesehen, sich um die von ihm verlangte Beweisführung herumzudrücken. Er suchte dem Reichstag auf allerlei Weise Sand in die Augen zu streuen, um dies zu erreichen; er machte Winkelzüge verschmitzter Art und als schließlich das Alles ihm nichts nützte, da that er so, als ob er nunmehr bereit sei, mit seinen Beweisen hervorzutreten, falls man die von ihm gestellten Bedingungen annehme. Diese Bedingungen waren natürlich unannehmbar. Der Reichstag konnte sich von einem Ahlwardt keine Bedingungen vorschreiben lassen, um allerwenigsten solche, die dem vorgeschlagenen Gaffenpolttiker die Gelegenheit geboten hätten, immer wieder mit neuen Verleumdungen hervorzutreten und den Skandal noch größer zu machen. Das Parlament durfte nicht zur Kutscherstube erniedrigt werden, in der ein trunkfälliger Stallknecht Gott und die Welt mit Schmähungen überhäuft und eine Genugthuung darin sucht, anständige und unbescholtene Leute in der niederträchtigsten Weise zu verunglimpfen. Dieser Standpunkt wurde dem Ahlwardt energisch klar gemacht, unter andern auch von denSoztalvertretern, an die er sich um Hilfe gewandt hatte. Nun schien er abermals nicht übel Lust zu haben, unter dem Vorwände, daß er vergewaltigt werde, weil man seine Enthüllungen zu fürchten habe, sich ganz und gar der Beweispflicht zu entziehen. Jndeß das gelang ihm zum Glück denn doch nicht. Um ihm diesen Ausweg abzuschneiden, kam der Vorsitzende dem Ahlwardt etliche Schritte entgegen und so hatte er sich denn, ungeachtet all' seiner Schlauheit, in den letzten Tagen vor einer eigens zu diesem Zweck gewählten Commission zu verantworten, zu der auch antisemitische Mitglieder des Hauses zugezogen worden waren. Ich sage ausdrücklich: Ahlwardt hatte sich in der Commission zu verantworten — er war der Angeklagte. Die Rolle des öffentlichen Anklägers wagte er kaum noch für sich zu beanspruchen, wußte

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