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Der Israelit · 1893-05-04 · Heft 36 (4.5.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 36 (4.5.1893)
Date
1893-05-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Beilage )« M 36 des „Israelit". Leitender Artikel. Aus der antisemitische» Arena. □ Berlin, 2. Mai. Der wahre Philosoph ist bemüht, selbst den allerschlimmsten Dingen wenigstens eine gute Seite abzugewinnen. Demnach müßte Schreiber dieses ein bedeutender Philosoph sein, denn es ist ihm gelungen, die gute Sette des Antisemitisnius zu entdecken. „Das ist unmöglich", wird manch' einer einwenden, „denn der Antisemitismus ist so durchaus schlecht und verwerflich, daß eine gute Seite an ihm selbst mit dem schärfsten Vergrößerungsglas nicht wahrzunehmen ist." Dein Wort in Ehren, guter Freund, aber diesmal hast Du doch Unrecht. Der Antisemitismus ist, möge man sonst über ihn urtheilen wie man wolle, zum mindesten eine ebenso gesundheitsdienliche Bewegung wie die Zimmergymnastik und das Barfußgchen. Man kann nämlich dann und wann herzlich über ihn lachen, und die Heilkraft des Lachens, die direkte Einwirkung des jeweiligen Gemüthszustandes auf unser körperliches Befinden — das sind längst festgestellte wissenschaftliche Thatsachen. Die Welt ist krank, wohin man blicken mag. Eine tief pessimistische Verstimmung hat sich der Menschheit bemächtigt. Sie hat — in den höheren Gesellschaftsschichten — sich den Magen verdorben an den verfeinerten Lebensgenüssen der modernen Zeit, oder aber sie ist — in ihren untersten Schichten — krank geworden und griesgrämig, weil es an des Lebens Nothdurft ihr gebricht und weil kein versöhnender Lichtblick jemals ihr trostloses Dasein erhellt. Unheilverkündend lastet dieses hochgradige Verstimmung auf dem gefammten öffentlichen Leben. Die Spannung ist nachgerade unerträglich geworden, man befürchtet eine schlimme Explosion der gequälten Nerven und der zemarterten Menschennatur, wenn es nicht gelingt, rechtzeitig noch die Gefahr zu beschwören und die Menschheit abzubringen von der verzweifelten Richtung, die ihr Fühlen und Denken längst schon eingeschlagen hat. Und nie wäre dieses Ziel sicherer zu erreichen, als mit Hilfe des Humors, der luftreinigend wirkt in seiner befreienden Kraft, und unter Zuhilfenahme des heiligen Lachens, das jene heilsame Zwergfellerschütterung herbeiführt, die den ersten Anstoß gibt zur Ausscheidung der sittlichen Krankheitsstoffe? Es lacht aber nicht jeder, der lachen will und möchte. Und ein ganzes Volk erst ist schwer zum Lachen zu reizen. Große, weithin sichtbare Verdrehtheiten, Dummheiten und Verrücktheiten müssen sich schon in der Ocfferitllchkeit breit machen, bevor der Genius des Humors seine strahlenden Schwingen entfaltet und beglückend dahinschwebt über die laut aufjubelnde Menschheit. Das geschieht leider gar selten, und so ist cs denn erklärlich, daß in der großen Krankenstube der Zeit von dem hellen Lachen dieser kostbarsten aller Medizinen ein so überaus mäßiger Gebrauch gemacht wird. Das ist nun — wenn auch nur vorübergehend — anders geworden. Und zwar hat sich, wie schon angedcutet, als Retter in der Roth diesmal der Antisemitismus erwiesen, dessen Hauptvertreter Ahlwardt in letzter Zeit sich redlich verdient gemacht hat, um die Erheiterung der Zeitgenossen. Dem Rektor Ahlwardt war es hauptsächlich Vorbehalten, den Antisemitismus in seiner drolligsten Verkleidung dem Publikum vorzuführen. Der Herr Rektor a. D. ist neidisch auf jeden, dem von der enthusiasmirten Volksmenge zugejubelt wird — er befürchtet, seine Popularität könne eines Tages eintrockenen und aus diesem Grunde ist er fortwährend darauf bedacht, sie durch alle möglichen Mittel aufzufrischen. Er ist unter anderem ein fleißiger Besucher der reichshauptstädtischen Spezialitätenbühnen. Was hier dem „gebildeten" und ungebildeten Volke gefällt, sagt er sich, das muß unstreitig auch zur Erhöhung der Popularität eines Politikers beitragen; ein kluger Volkstribun kann also von den Spezialitätenbühnen mancherlei lernen. Das sensationellsteEreigniß auf diesem Gebiete war in der letzten Zeit das boxende Känguruh. Nicht daß das Känguruh überhaupt boxte, sondern daß es anfangs beharrlich streikte und erst nach längerer Arbeitsverweigerung die süße Gewohnheit des Boxens wieder aufnahm, entzückte die ulkfrohen Berliner am meisten. Das populärste Subjekt in der Mark Brandenburg war damals das Känguruh, und wenn gerade ein Parlamentssitz vakant gewesen wäre, wer weiß, was dann noch alles aus ihm hätte werden können. Meister Ahlwardt schrieb sich das hinter die bei ihm ziemlich kräftig entwickelten Geruchsmuscheln und nicht lange wählte es, da etablirte er sich im Reichstag „als boxendes Känguruh." Es ging dabei ganz zu wie bei den Vorstellungen der Spezialitätenbühne. Zuerst kam die marktschreierische Ankündigung, daß das boxende Känguruh sich demnächst auf der Bühne des Reichstages produziren

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