Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-05-04 · Heft 36 (4.5.1893) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 36 (4.5.1893)
Date
1893-05-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448350--36272-2484292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

675 bischen Volkscharakters durch Insinuation zu trüben, als sei der Jude in Sachen der Ehre nicht so wählerisch und penibel. Und demselben Juden hält man gleichzeitig seine Empfindlichkeit vor, ohne zu bedenken, daß man beide Vorwürfe nur nebeneinander zu halten braucht, um sich zu überzeugen, wie einer den anderen ausschließt. Erst dieser Tage ist diese Thatsache der jüdischen Empfindlichkeit von einer wissenschaftlich hochautoritativen Seite, von dem berühmten Nationalökonomen Schm oll er in der Wiener „Deutschen Zeitung" mit den Worten ausgesprochen worden: „Erschwert wird der Assimilirungsprozeß durch „die Empfindlichkeit der Juden, die sich alle „solidarisch, und, wie man an einen von ihnen, „an irgend eine von einem Juden begangene „Schlechtigkeit rührt, sich gleich alle getroffen „fühlen." Was wir auf diese Behauptung zu antworten haben? Nichts als sie vollinhaltlich anzuerkennen; wir haben uns ihrer wahrlich nicht zu schämen. Unsere Gegner sorgen schon dafür, daß das Bewußtsein unserer Zusammengehörigkeit kein fiktiver Begriff bleibt. Der Jude, der eine Schlechtigkeit begeht, begeht sie nicht in seiner Eigenschaft als Jude, sowenig der schlechte Christ auf Grund seines Christenthums schlecht ist. Die Schlechtigkeit ist international und interkonfessionell. Der schlechte Jude ist es nicht, weil, sondern obwohl er ein Jude ist. Je entschiedener wir die Schlechtigkeit mißbilligen, um so milder und nachsichtiger mögen wir denjenigen beurtheilen, der ihr erlegen ist. Nicht die Sünder, die Sünde möge von der Erde schwinden, merkt der Talmud zu den Schlußworten des 104. Psalm an, und die Gesinnung, die keinen preisgibt, weil er sich einmal in einer schwachen Stunde vergangen, hat der Talmud den Talmudjuden zur zweiten Natur gemacht. Aber die jüdische Empfindlichkeit, wenn antisemitische Schamlosigkeit semitische Gesichter mit Schamröthe überzieht, ist in Wahrheit älter als der Talmud. Sie ist ein altes Erbstück des jüdischen Stammes, bei dem das volle Bewußtsein seiner Würde und Größe durch Verfolgungen nicht nur nicht unterdrückt, sondern erst recht ausgebildet und in seiner ganzen Bedeutsamkeit empfunden wird. Vielleicht wollen in den Sätzen, welche am Anfänge des II. B. M. die Geschichte des israelitischen Volkes einleiten, die Futura ibmi p©’ pi rm* p in« uv’ nicht nur unseren Ahnen in Egypten, sondern auch ihren späten Enkeln, dieses nunmehr durch mehrere Jahrtausende bestätigte Zeugniß ausstellen: Kein Druck vermag ihre Größe zu mindern, im Druck bewährt sie sich vielmehr erst; ihr Gemüth läßt sich durch Verkennung und Verhöhnung nicht stumpf und empfindungslos machen. es bleibt empfänglich für die bloße rauhe Berührung und bäumt sich um so höher auf, je tiefer man es verwundet. <■ Diese Empfänglichkeit und Empfindlichkeit ist jedoch nur die nach Außen hin bemerkbare Bekundung des stark entwickelten Ehrgefühls, welches zu den ausgeprägtesten Charactereigenthümlichkeiten des jüdischen Stammes zählt. Wer außerhalb des Judenthums stehend, die Quelle nicht kennt, aus welcher diese Empfindlichkeit fließt, ist leicht geneigt, sie zu verkennen. Aber für uns, wo Jeder weiß, welche bedeutsame Stellung das Wort: 11222 „in Ehren" in unserer Umgangssprache einnimmt, wie es für Alle, von Groß bis Klein, wie es bis zum gedrücktesten und geplagtesten ärmsten Juden im letzten Dorfe herab die Norm, den Sporn für sein ganzes Denken und Sinnen, sein Thun und Lassen bildet, für uns bedarf es keines wetteren Hinweises auf die Achtung und Rücksicht, mit welcher jeder Einzelne über feine eigene Ehre wacht. Sich „bekowed" zu ernähren, zu leben, zu ringen und zu kämpfen, daß kein Makel an irgend einem unserer Schritte haftet, und wir so einen Chillul Haschem, eine Entweihung des Gottesnamens, den wir tragen, zu verantworten hätten, das ist das Höheziel, welches dem Streben jedes halbwegs Gewissenhaften als Ideal seines Lebens vorschwebt und den Aermsten nicht seiner Armuth erliegen läßt. Auch hierzu hat den Talmudjuden sein Talmud erzogen, wenn er ihm ans Herz legt: „Lebe an Sabbat lieber wie an Wochentagen und habe keinen Menschen nöthig." „Erwirb Dir Dein Brod lieber als Abdecker, als zu sagen, ich bin ein großer Mann, ich bin ein Priester und lebe von fremden Gaben", wenn er die Taube, welche mit dem Oelblatt im Munde, die kärgliche Freiheit und Selbstständigkeit der Abhängigkeit und guten Verpflegung von Menschenhand in der Arche vorzieht, uns sagen läßt: „Lieber bittere Nahrung von Gott, als süße von Menschen gereicht", „wer die Hilfe Anderer in Anspruch nimmt, ohne sie nöthig zu haben, stirbt nicht, ohne wirklich menschliche Unterstützung beanspruchen zu müssen", und viele andere mehr. Es ist dieselbe Anschauung, die den Juden täglich zum Allbarmherzigen mit der Bitte emporbltcken läßt. «1.1 11222 ijdjid’, daß er uns alle in Ehren versorgen möge, die den Juden das Haupt bei dem schwersten Druck frei erheben läßt, wenn es ihm gelungen ist, aus dem heißen Lebenskämpfe seine Ehre makellos zu retten. Dann weiß er sich von seinem Gotte geschirmt und das Bewußtsein hebt ihm das Haupt, wenn sich auch eine ganze Welt verschworen hätte, es herab in ihre Misere zu ziehen, pv '1 nn«i ’ff«1 D'IDI '1122 '1V2. Von dieser Ehre nun, die unversehrt sich zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.