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Der Israelit · 1893-05-01 · Heft 35 (1.5.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 35 (1.5.1893)
Date
1893-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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660 Die Worgärrge in Kotin- Kolin, 18. April. Aus der Umgebung von Kolin kommen noch immer Meldungen von Gewaltthätigkeiten gegen die Juden. Im Orte Roth' peckan wurden dem Postmeister die Fenster eingeschlagen, und auf dem Felde, wohin er sich flüchtete wurde er mit Steinen beworfen. In Alt-Kolin wurde dem Kaufmann May das Dach mit Steinen eingeschlagen und wurden dem Kaufmann Hasenbach die Fenster eingeworfen. In Sugdo mußte der Kaufmann Freund Gendarmerie von Kuttenberg requiriren, um sein Leben vor dem wüthenden Pöbel zu schützen. Das Märchen vom ritualen Morde wird in allen möglichen Variationen in den grellsten Farben colportirt. Wenn sich die Juden bei den Ortsvorstehern beklagen, so erhalten sie die Antwort: „Seid froh, Juden, daß es so ist, es wird noch viel ärger kommen!" Koliner Agitatoren fahren in den Dörfern herum, um die abenteuerlichsten Gerüchte zu verbreiten und die Leute aufzuhetzen, gegen die Juden loszugehen, sobald das Militär Kolin verlaffen haben wird. Auch veranlassen Agitatoren die Weiber, welche in die Dörfer hausiren gehen, die weibliche Dorfbevölkerung aufzuhetzen. Es ist traurig, daß sogar Lehrkräfte, die doch aufklärend wirken sollen, mit dazu beitragen, daß der Haß gegen die Juden angefacht und in die Jugend getragen werde. Speciell zwei Koliner Lehrerinnen zeichnen sich hierin aus. Die Bewegung legt das geschäftliche Leben lahm. Zahlreiche Müßiggänger, Lumpen und notorische Betrüger sind, angelockt durch den ihnen versprochenen Lohn und die Hoffnung, hier Beute zu machen, nach Kolin gekommen. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. Frankfurt a. M. Herr Rabbiner Dr. Salomon Breuer hat auf einstimmiges Ansuchen der Gesammtverwaltung der Religionsgesellschaft, die an ihn ergangenen Berufungen aus Neutra und Wien abgelehnt und wird seine Wirksamkeit in Frankfurt in bisheriger Weise fortsetzen. Bom Rhein. Der Vorstand der Synagogen- Gemeinde in Neuwied versendet folgende Einladung: „Von hervorragenden Persönlichkeiten ist die Gründung eines Provtnzial-Verbandes jüdischer Gemeinden der Rheinprovinz angeregt worden. Dieser Verein soll die Fürsorge für den Religionsunterricht in kleinen und Landgemeinden, die Beseitigung der Wanderbettelei, die wünschenswerte Gestaltung der Gottesdienste (?!), die Anstellungsverhältntsse jüdischer Gemeindelehrer, die wirksame Abwehr antisemitischer Angriffe u. s. w. u. s. w. bezwecken. Die außerordentliche Bedeutung dieser und anderer Gegenstände tritt gerade zur Jetztzeit derart in den Vordergrund unserer idealen Interessen, daß die Juden in der Gesammtheit zu den einzelnen Fragen Stellung zu nehmen verpflichtet sind. Zur Gründung eines Provtnzial-Verbandes jüdischer Gemeinden der Rheinprovinz soll in Neuwied, am Mittwoch den 24. Mai d. I., N ach mittags 3 Uhr beginnend, im Hotel Rubens eine Versammlung stattfinden, wozu wir hiermit in der Hoffnung auf zahlreichste Beteiligung die Herrn Vorstände, Rabbiner und Lehrer der jüdischen Gemeinden Rheinlands ergebenst einladen. Anmeldungen und Anfragen wolle man an den Unterzeichneten Vorstand richten, welcher gerne bereit ist, jede gewünschte Auskunft zu ertheilen." Es ist zu hoffen, daß nicht nur Vorstände, sondern auch die Rabbiner und Lehrer Rheinlands der herzlichen Einladung zahlreich Folge leisten, damit die Gründung des Verbandes unter allgemeiner Mitwirkung vollzogen werde zum Gedeihen unserer religiösen und sozialen Zustände. (In der Nachbarprovinz Westphalen wurde vor einigen Jahren ein ähnlicher Verband gegründet, der durch vorgeschlagene neue Reformen, die er einzuführen beabsichtigte, die wenigen noch religiös Gesinnten in dieser Provinz tief verletzte. Wir möchten daher an unsere Glaubensgenossen in der Rhetnprovinz die ernste Mahnung richten, bei einer etwaigen Construirung eines Verbandes sich vor solch d estructiven Bestrebungen zu wahren. Nur wenn Vereinbarungen aus Grundlage des traditionellen Judenthums getroffen werden, könne solche „unsere religiösen und sozialen Zustände" bessern, andernfalls würden sie zu Streit und Zank führen, die schließlich Trennungen innerhalb der einzelnen Gemeinden zur Folge hätten. Red.) Aus Sachsen, 23. April. Während früher die sächsischen Verwaltungsbehörden jeden Boykottirungsversuch gegen Andersdenkende als groben Unfug unnachsichtlich ahndeten, scheint neuerdings eine andere Praxis nach dieser Richtung hin beobachtet zu werden. Allerdings handelt es sich nicht, wie früher, um Boykottirungsversuche von Socialdemokratien, sondern um solche, die von antisemitischer Seite in Scene gesetzt werden. Der Stadtrath in Zittau hatte vor einiger Zeit die Statuten des daselbst neugegründeten „Reform"-Vereins nicht genehmigt, weil er in dem darin enthaltenen Passus, „daß die Mitglieder des Vereins nicht bei den Juden

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