Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-05-01 · Heft 35 (1.5.1893) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 35 (1.5.1893)
Date
1893-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448349--36255-2484274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

659 Wie sie unsere Zeit gezeitigt hat. Wenn ein Hillel und ein Schammai, wenn Abaji und Raba, wenn alle Rischonim und Acharonim in der Auffassung eines Gesetzes in erleichterndem oder erschwerendem Sinne auseinandergingen, so hat doch hinsichtlich der verpflichtenden Kraft des Gesetzes auf keiner Seite je auch nur der leiseste Zweifel gewaltet. Dies war nur ein einzigesmal bei der Sekte der Karäer der Fall, welche die Verbindlichkeit der mündlich überlieferten Thora thatsächlich leugneten, aber mit dieser Leugnung auch außerhalb des historischen Judenthums traten, und als solche auch von der Gesammtjudenheit angesehen wurden. Die ruinenhafte Existenz dieser Sekte, soweit sich noch vereinzelte Abzweigungen von ihr erhalten haben, bildet einen klassischen Beleg für den Verfall, dem jede dw n*DJD unaufhaltsam entgegentreibt. Aber wir brauchen nach Beweisen hierfür nicht in altersgrauer Ferne zu suchen. Wir verweisen noch einmal auf die oben angeführte Stelle in;r>j »an roaN, welche in ihrer ersten Lesart die rV>n:n noja *wn, die Männer der großen Versammlung als eine mustergiltige Vereinigung ons» für die Zwecke Gottes bezeichnet. Diese große Versammlung bestand aus 120 der hervorragendsten Männer Israels. An ihrer Spitze standen die Führer des Volkes: Esra, Nechemja, Serubabel, Scheraja, Realjah, Mordechai Balschon; zu ihnen gehörten die Propheten Chaggi, Secharjah und Maleachi. Sie waren es, welche alle Institutionen einrichteten, deren wir uns heute noch erfreuen. Sie waren die Autoren und Ordner unserer Gebete. Den Namen der großen Versammlung verdanken sie jedoch nicht ihrer numerischen, sondern ihrer geistigen und sittlichen Größe, mit welcher sie der Krone des Gottesgesetzes den alten Glanz wieder verliehen. Eine Veranlaffung, diese Tiefe ihres Geistes und den ganzen Adel ihrer Gesinnung zu documentiren, ist uns im Talmud Joma, fol. 69 d., aufbewahrt. — „Moscheh," heißt es daselbst, „hatte gesprochen ^run ui rmm mJn, der Gott, der große, der mächtige und der furchtbare (V. B. M., Cap. 10, V. 17); Jirmijahu hatte dagegen gesagt mn bmn, 'wn, Gott, der große und mächtige (Jeremia, Cap. 32, V. 18), er hatte also die Bezeichnung mum weggelassen; denn er sprach, die Heiden verwüsten sein Heiligthum — wo ist seine Furchtbarkeit? — Daniel sagte inuni Vrun 'nh, Gott der große und furchtbare (Daniel, C. 9, V. 4); er hatte also tdp fortgelaffen; denn er sprach: Die Heiden unterjochen seine Söhne, wo ist seine Macht? Da aber kamen diese Männer und fügten unserem Gebete (im Anfänge der mry ruiorr) die Bezeichnung wieder ein, wie sie Moscheh einst ausgesprochen; denn sie sprachen: Gerade darin liegt seine Macht und seine Furchtbarkeit, daß er mit Langmuth dem Treiben der Frevler zuschaut und daß er diese kleine und ohnmächtige Nation schützt inmitten ihrer zahlreichen und mächtigen Feinde." Sie erkannten, daß die ewige Wahrheit weder an den Bestand des Tempels noch an die staatliche Selbstständigkeit Israels geknüpft sei, und daß die Allgewalt und Furchtbarkeit des einzigen Gottes sich gerade darin offenbart, daß die Träger seines Namens auch ohne staatliche Selbstständigkeit erhalten bleiben, und daß alle ihre zahlreichen und mächtigen Feinde machtlos sind gegenüber dem mächtigen Schützer Israels, kurz, daß h’djd ho D"j?nr6 nDiD d»d» db6 «»nff sie wie jede Gesammthett, die sich in den Dienst Gottes stellt, unvergänglich ist. — So wie Israel ist auch das Wirken jener großen Versammlung bis auf den heutigen Tag in unverwelklicher Frische erhalten geblieben. Da haben sich seit einem halben Jahrhunderte Männer, die sich Rabbiner nannten, zu Synoden und Versammlungen vereinigt, um das zu zerstören, was die Männer jener großen Synode geschaffen und was Israel bis zu dieser Stunde erhalten hat. Und was war ihr Erfolg? Sie hatten das Schicksal jeder 2'vrv avb nra, sie sind versunken und vergessen, während uns die Anordnung der n^vun nDJan hmm noch täglich, ja stündlich mit neuem Muth und neuer Hoffnung aus statten. Die ewige Dauer jener großen Versammlung und ihrer Institutionen zeugen noch heute dafür, daß sie □w gewirkt haben. Die Hinfälligkeit und Haltlosigkeit aller zu ihrer Bekämpfung ins Leben gerufenen Vereinigungen beweist schon an und für sich, daß sie ow db6 töff zusammentraten. Noch prägnanter drängt sich einem diese Wahrheit an der Hand der Erklärung auf, die Rabbi Jzchak Arama, der Verfasser des Agada, zu unserer Mischna gibt. Er übersetzt: Jede Vereinigung dw avh hat zu ihrem Endzweck: Erhaltung des Bestehenden; das Ziel jeder Vereinigung db6 o'air dagegen ist: Zerstörung und Abschaffung. — Damit ist das ganze Unterfangen gerichtet, das wirklich eine Zeit lang geglaubt hat, durch geflissentlich zur Schau getragene Verachtung unserer großen Vergangenheit, das alte Judenthum aus den Angeln heben und eine zeitgemäß zugestutzte Modereltgion an dessen Stelle setzen zu können. Die Zeit ist mit ehrnem Schritt über diese ihre Schmeichler hinweggeschritten und hat aufs neue die erprobte Wahrheit bestätigt: nrwtn crpnr6 hsid v'vw N»ntv n»D33 .D"pnr6 nD'D ow oe6 (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.