Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 35 (1.5.1893)
- Date
- 1893-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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658 Wo gibt es einen bewährteren Zeugen für Gott und für die Wahrheit, daß jede Vereinigung, welche Ihn zum Mittelpunkt ihrer Bestrebungen hat, für alle Zeit besteht, als das jüdische Volk selber?! Unter Druck und Hohn ist es aus kleinen, unscheinbaren Anfängen in einem onay n>a, in einem Staate zum Volke erwachsen, in dem Knechtung und Sklaverei zu Hause waren. Es sah die Meeresfluthen sich theilen und zurückweicben, es hat die Gefahren und Schrecken einer vierzigjährigen Wüstenwanderung erfahren, es hat auf seinem ihm von Gott angewiesenen Ländchen, allen Weltmächten des Alterthums gegenüber sich fast ein Jahrtausend in einer Weise behauptet, daß nach rein menschlicher Auffassung nicht sein endlich erfolgter nationaler Sturz, sondern seine so lange und so wunderbar behauptete Anfrechterhaltung als ein Wunder erscheint. Es lebt seit fast zwei Jahrtausenden zerstreut, versprengt, gehaßt, gemieden und endlich — geduldet unter allen Völkern und Staaten auf weitem Erdenrund. Was hielt es aufrecht? Es hat keinen Boden, keine Politik, keine gezogenen Kanonen, es hat nichts von alledem, worauf die Staaten, in deren Mitte es lebt, Tag und Nacht sinnen als die unerläßlichen Behelfe zur Aufrechterhaltung und Vergrößerung ihrer materiellen Macht, was gibt ihm Bestand? Nichts anderes, als daß es eine große rroja dw OB'S eine große Vereinigung für Gottes Zwecke auf Erden ist. unN t>y pn Dwa». Wir haben keinen anderen Halt und keine andere Stütze als unseren Vater im Himmel und das genügt, um unseren Bestand zu sichern! — Die Anwendung dieses Satzes auf die jüdische Gesammtheit findet sich bereits in dem Traktat ma« pu m (Cap. 40): nSun ’bun noaa n O'v«' otvb n’hb' n'vaa b? u mxo ots^ ton ('j'd -in 'xb ^mar* noaa pa nu) .njuD,n "in 'bun riDJD „Jede Vereinigung um des Himmels willen, das ist die Vereinigung der Männer der großen Versammlung (nach anderer Lesart: Das ist Israels Versammlung vor dem Berge Sinai), eine Vereinigung nicht um des Gesetzes willen, das ist die Vereinigung zur Zeit der Sprachverwirrung." (I. B. M., Cap. 11.) Der Hinweis auf diese letztere Vereinigung ist ungemein bezeichnend für ein Zusammenwirken D’Dtc' OB'S Weil ja gerade jene Zeit es war, die den Himmel durch einen stolzen Thurmbau stürmen wollte, welche also nickt D’DB' OB'S sondern db6 icsy, für eigene persönliche Ruhmeszwecke sich unter der Devise zusammenfand: by psa jd ob' na'ya p«n bi ’jb. „Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir nicht zerstreut werden über die ganze Erdoberfläche." — Wir wissen, wie wenig diese Absicht erreicht wurde, welch' klägliches Ende diese Bestrebungen nahmen, wie gerade die Vereinigung der selbstsüchtigen Himmelsstürmer ihre Auflösung zur Folge hatte. — Eine Vereinigung egoistischer Menschen, die nicht einmal das Bedürfniß empfinden, das nackte Selbstintereffe durch kleidsame Floskeln zu verhüllen, trägt den Keim des Zwiespalts in sich. Sie wird so viel verschiedene sich gegenseitig bekämpfende Sinnesarten zählen, als sie Köpfe zählt. Sie wollen wohl auch alle eins und dasselbe, Ehre, Ruhm, Besitz und Genuß, aber jeder will es für sich und nur für sich und zwar auf Kosten der anderen. Deßhalb bestehen alle derartige Vereinigungen nur so lange, als jeder dabei seine Rechnung findet, was auf die Dauer unmöglich ist. — Diejenigen aber, die sich um Gottes willen zusammenfinden, die nicht sich, sondern der Sache Gottes auf Erden ihre vereinten Dienste weihen wollen, auch sie können verschiedener Ansicht über die Mittel und Wege sein, die sie einschlagen wollen, aber selbst diese Verschiedenheit führt zu einem einheitlichen, friedlichen Ziele, weil sie Alle im Dienste einer und derselben Sache stehen, weil sie um Gottes willen auseinandergehen, führt sie das eine. Allen gleich heilige Ziel wieder in Eintracht zusammen. In diesem Sinne heißt es im fünften Abschnitt der Pirke Aboth, daß selbst eine um Gottes Willen entstandene Meinungsverschiedenheit ihre Berechtigung und ihren Bestand hat. c'pnn^ nv'v w» nwb ton» npi^no *?a. „Selbst Vater und Sohn, Lehrer und Schüler, die sich bei der Beschäftigung mit der Thora durch eine und dieselbe Pforte bewegen, können sich als Gegner gegenüberstehen, aber sie gehen nicht auseinander, bis sie wieder Freunde mit einander geworden sind." (Talmud Kidduschtn, Fol. 30.) rpePni Din um ann dn na N”n nn ->ön djw ni7 m o’nib' onyya in« nyao n-rna o'poiM .nr nN m o*anix □’b'j/jb' ny □b'd o’rr Der Nachdruck liegt hier offenbar auf dem sonst überflüssig scheinenden nrw ->M, in der einen Pforte, in die alle noch so verschiedenen Wege einheitlich münden. o-QV.i nya? nt, das ist die Himmelspforte, in welcher alle ms» nvb sich Vereinigenden endlich friedlich sich zusammenfinden. Daraus ergibt sich, wie fadenscheinig die Beschönigung ist, wenn unsere Wortführer des Abfalls vom Gottesgesetze dieses ihr Vorgehen durch den Hinweis zu legitimiren suchen, als hätten solche Meinungsverschiedenheiten zu jeder Zeit und gerade damals zumeist stattgefunden, als das Thorastudium in höchster Blüthe stand. Solche Verschiedenheiten haben niemals ftattgefunden, so lange Israel als Träger der Thora in der Weltgeschichte dasteht,