Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 34 (27.4.1893)
- Date
- 1893-04-27
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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Die Kolonisation Palästina’s. Industrie in Palästina. (VI. Fortsetzung.*) --«*- Beträgt doch die Zahl der jüdischen Auswanderer, welche bis Ende Juni v. J. Charlottenburg berührten, nach Ermittelungen allein schon sechzigtausend, und nun, da sich die Thore des Zarenreichs weit aufgethan, ist der Strom der Fliehenden in das Endlose gewachsen, und etwa hundert Familien kommen täglich neu hinzu, die der Hilfe bedürfen. Will man nun den einzigen Weg zu radikaler Beseitigung des Hebels einschlagen und alle diese Bedrängten auf Kolonien — gleichviel ob in Palästina oder Argentinien unterbringen, so müssten mit einem Schlage schier Unsummen zur Stelle sein, denn jede Familie würde einen Kostenaufwand von zweitausend Mark verursachen, täglich würden die Ausgaben in Höhe von Zweimalhunderttausend Mark sich erneuern. Und solche Beträge bringen alle wohlthätigen Sammlungen nicht auf! In dieser Bedrängniss der Lage und bei dieser Beschränktheit der zu ihrer Bekämpfung zugänglichen Mittel möchte vielleicht Mancher, einen Ausweg suchend, an den grossen Menschenfreund, den Baron v. Hirsch, denken. Aber gerade von ihm — so stolz unsere Gemeinschaft auf ihn auch sonst sein darf — ist hier wenig zu hoffen. Denn er vornehmlich will ja die russische Auswanderung nach ganz anderen Zielen hin lenken, nach Ländern, dahin zu wandern die Neigung der Flüchtlinge durchaus nicht entspricht. Sein Ideal ist Argentinien! Aber auch dieses Eldorado, das Reich der Rothhäute und Mischlinge, winkt gar nicht einmal allen Denen, die jetzt fliehend die russische Heimath verlassen oder gern verlassen möchten; nur allmählich und erst im Laufe der Jahre will er die Auswanderer dorthin führen. Die augenblickliche Noth aber findet in ihm keinen Retter, und nach wie vor sehen wir uns der Frage gegenüber: „Wie hinaus?*4 Die Frage muss leider — das wiederholen wir in tiefstem Schmerze — für jetzt ungelöst bleiben. Das, was die Juden Westeuropas versäumt haben, das einmüthige zielbewusste Zusammenwirken mit ihren Glaubensgenossen im Osten — das lässt sich nun und *) 8. Nr. 4T0. nimmer nachholen, und die vieltausendköpfiigen Schaaren jener Unglücklichen müssen nun in ihrem Kerker weiter schmachten, oder sie müssen gehen, wohin der Zufall sie führt. Der Strom der Auswanderer lässt sich mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Mitteln weder hemmen, noch in ein geordnetes Bett leiten. Uns bleibi nur eine einzige, aber desto wichtigere Aufgabe — Vorsorge dafür zu treffen, dass wir das nächste Mal besser gerüstet sind. Denn wahrlich, der Tag wird nicht Ausbleiben, er kommt und ist vielleicht schon nahe, da ein neuer furchtbarer Schlag die Juden treffen wird. Von welcher Seite dieser Schlag ausgehen wird? Wir wissen es nicht, nur das Eine ist bei der unablässigen antisemitischen Agitation sicher, dass er fallen wird! Von Neuem wird er gewaltige Massen aufschrecken aus ihrer Ruhe, und wie mit elementarer Gewalt nach dem Westen schleudern. Dies wollen wir ständig im Auge behalten und zu guter Zeit noch um ein Asyl besorgt sein, das Jenen dann ein schützendes Obdach gewährt. Der Orient bietet in seinen weit ausgedehnten Ländergebieten noch genug des Raumes; Syrien, Mesopotamien und Arabien vermögen noch Millionen von Ansiedlern in sich aufzunehmen. Und jeder Jude, den wir dort untergebracht haben, kann bei sich in der neu erbauten Hütte wiederum einige der herandrängenden Flüchtlinge beherbergen, jede Kolonie, die wir in Palästina gründen, ist ein weiterer werthvoller Baustein zu dem grossen Asyl für verfolgte, heimathlos gewordene Juden, jeder Kolonist, der in Palästina rüstig in ehrlicher Arbeit schafft, trägt damit zugleich das Seinige zur Errichtung des mächtigen Bollwerks gegen Judenhass und Verfolgungswuth bei, er wirkt mit an der Lösung der grossen Frage: „Wie hinaus?“ Bildet eine Ansiedelungs-Genossenschaft! Können wir der augenblicklichen Noth leider nicht abhelfen, müssen wir schon darauf verzichten , die jetzt umherirrenden Flüchtlinge dauernd unterzubringen, so sind wir nur unter der einen Bedingung dazu berechtigt, dass wir mit unserer alten Politik brechen und unsere