Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 34 (27.4.1893)
- Date
- 1893-04-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448348--36224-2484242- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
verbürgt vorliegt, so hat sie doch viel Wahrscheinlichkeit für sich. Vielleicht kann man auch die neuliche Zettelvertheilung auf die Bildung des Antisemitenklnbs zurückführen und wenn man weiter geht, so kann man die Blldung des Klubs auch mit dem konservativen Verein, in welchem sich vor einiger Zeit eine ultra-reaktionäre Strömung bemerkbar machte, in Verbindung bringen. Bekanntlich hatte die reaktionäre Strömung eine Krisis des Vereins zur Folge, auch ließ die Stellungnahme zu dem konservativen Ttvoliprogramm lange genug ans sich warten, diese Erscheinungen verdienen also entschieden Beachtung, umsomehr als man von einer Beendigung der Krisis nichts gehört hat. Auch hierüber wird ja voraussichtlich die Generalversammlung des konservativen Vereins Klarheit schaffen. Uebrigens deutet die jetzige Anberaumung der Generalversammlung des konservativen Vereins darauf hin, daß man auch dort mit einer Reichstagsauflösung rechnet. Daran sollten sich eigentlich unsere freiheitlich gesinnten Wähler ein Beispiel nehmen und bei Zeiten in die Agitation eintreten. Es hat hier bis jetzt noch stets so gut wie gar keine Agitation stattgefunden, hauptsächlich deshalb, weil unserer Bevölkerung die alltägliche Ruhe über alles geht, zum Thetl aber auch, weil man annahm, daß das Wahlergebniß doch stets dasselbe wie früher werden würde, d. h. daß der erzkonservative Abgeordnete Hahn mit liberaler Unterstützung in den Reichstag ziehen würde. Ob die kommenden Wahlen hier ebenso ruhig verlaufen werden, möchten wir angesichts der im Eingänge erwähnten Umstände dahingestellt sein lasten. (Pos. Zeit.) Rumänien. Bukarest. Wie uns von hier geschrieben wird, wurde die am 9., 10. und 11. d. zu Braila abgehaltene Versammlung rumänischer Reservesoldaten mosaischen Glaubens außer durch die von der Deputirten - Kammer bereits genehmigte Beschränkung des unentgeltlichen Volksschulunterrichtes auf die Kinder rumänischer Vollbürger zunächst auch durch die mannigfachen Rechtskränkungen veranlaßt, welchen die zum Waffendienste in der rumänschen Armee herangezogenen, aber trotzdem vom bürgerrechtlichen Standpunkte aus als Fremde behandelten einheimischen Juden ausgesetzt sind. Vom Avancement selbst zu Unterosficiersgraden sowie auch vom Re-Engagement vollständig ausgeschlossen, bilden, die jüdischen Soldaten trotz des Umstandes, daß ihnen zumeist eine weit bessere Schulbildung als der großen Maffe der übrigen Militärdienstpflichtigen zur Verfügung steht, die Parias der rumänischen Armee, und zwar lediglich deßhalb, weil man ihnen nicht durch Verleihung einer höheren Militär-Charge oder durch einen freiwilligen längeren Dienst unter der Fahne einen Rechtstttel für eine nachdrücklichere Bewerbung um das Bürgerrecht gewähren will. Darum hat sich denn auch die in Rede stehende Versammlung jüdischer Reservisten nicht aus die Absendung einer Petition an den König beschränkt, in welcher derselbe in seiner Eigenschaft als oberster Kriegsherr um Schutz gegen die auch die Kinder ausgedienter rumänischer Soldaten mosaischen Glaubens treffende Beschränkung des unentgeltlichen Volksschulunterrichtes gebeten wird. Es wurde auch über die Unsicherheit und Unklarheit des Rechtsverhältnisses debattirt, in welchem sich die nichtnaturalistrten oder, bester gesagt, von der Naturalisation ausgeschlossenen rumänischen Juden im Allgemeinen befinden. Besonders wurde hervorgehoben, daß man sie dort, wo es die Erfüllung der Militärpflicht gilt, als Einheimische behandle, daß man sie aber bezüglich ihrer Rechte der Oeffentlichkett gegenüber jederzeit als Fremde betrachte. Die Naturalisations-Frage als derzeit noch nicht lösungsreif ganz beiseite gelassen, liege in dieser Zwitterstellung eine mit den Anschauungen des modernen Rechtsstaates unvereinbare Unbilligkeit, welche nur durch eine genaue Definirung des Verhältnisses der nichtnaturaltsirten einheimischen Juden zum Staate beseitigt werden könne. Zu letzterem Zwecke wurde die Ausarbeitung eines motivirten Memorandums an Kammer und Senat beschlossen, welches den gesetzgebenden Körperschaften noch im Laufe der demnächst wieder zu eröffnenden außerordentlichen Parlaments-Session überreicht werden wird. Vermischtes. Berti». Ueber die Stellung der Nationalliberalen zum Antisemitismus schreibt die Bert. Börs.-Ztg.: „Die nationalliberale Partei hat ihren Standpunkt zum Antisemitismus nachgerade oft und deutlich genug erklärt: sie verurtheilt dieses verwerfliche Hetzen so entschieden, wie eS nur von irgend einem aufrichtigen Freunde der konfessionellen Gleichberechtigung, der Humanität und der Idee des Rechtsstaates, in dem vor dem Gesetz jeder Staatsbürger gleich ist — geschehen kann." Berlin. Gegen den antisemitischen Agitator Schwennhagen ist, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, das Strafverfahren wegen verleumderischer Beleidigung von Staatsbeamten eingeleitet worden. Berlin, 17. April. Die Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate hielt gestern ihre 80. Jahresversammlung ab, in der unter Anderem auch von Justizrath Makower dringend gemahnt wurde, als wirksames Mittel zur Bekämpfung des Antisemitismus das Ansehen des Handwerkes bei der jüdischen Bevölkerung und namentlich bei der jüdischen Frauenwelt zu heben. Dem Bericht zufolge hat der Verein im letzten Jahre seine Fürsorge 93 Lehrlingen zugewandt. Zur Unterhaltung und Bekleidung der Pfleglinge wurden 5629 Mark verwendet, 1006 Mark wurden