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Der Israelit · 1893-04-27 · Heft 34 (27.4.1893) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 34 (27.4.1893)
Date
1893-04-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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635 baren Spuren der Awera an sich und tritt so für die alte Wahrheit ein. NörP 31D niffj/’ ptO P'NL ]*H D*1N ’3 „Es gibt keinen gerechten Menschen auf Erden, der selbst bei dem Guten, das er thut, nicht fehlte." (Koheleth VII, 20.) Welch' großen Antheil haben selbst an unleugbar guten Thaten, an Akten der Wohlthätigkeit, an Stiftungen und Institutionen zur Ehre Gottes, nicht Stolz und Ruhmsucht, nicht Streben nach Ehre und Anerkennung und wie die kleinlichen, unlautern Rücksichten alle heißen, aus welchen menschliches Schaffen und Wirken so oft fließt. Erzählen doch die Weisen im Midrasch, daß selbst am salomonischen Gottestempel Schedim (Dämonen) mitgebaut haben! Wirft die Awera aber einen Schatten, selbst auf unsere guten Thaten, wie erhebt sie dann erst ihre Anklage, wo sie unverblümt, ohne durch ein edles Werk verhüllt, in ihrer nackten, wirklichen Häßlichkeit und Gemeinheit auftritt! Wie klagt sie selber die verblendeten Opfer an, die ihren Reizen und Lockungen erlegen nun vor dem unerbittlichen Richter im eigenen Innern verurtheilt werden. Und es gibt gegen diese Anklage und ihre schweren Folgen nur ein Mittel: der Vorsatz aufrichtiger Rückkehr zu Gott und seiner Pflicht und die aus solchem Vorsatz erblühende gute That: rown nujniBn Dnns D’aio, „Rückkehr und gute Thaten sind wie ein Panzer gegen das drohende Verhängniß!" Die aufrichtige Rückkehr zu Gott und die dadurch bewirkte Verzeihung und Versöhnung Gottes ist wohl das größte aller Wunder, das sich in jedem Menschen jederzeit aufs neue wiederholt, den der überwältigende Gedanke der Teschuba in seiner ganzen Tiefe ergreift. Sie ist ungemein leicht und ungemein schwer. Sie ist leicht, denn es bedarf nur der Erkenntniß des begangenen Unrechts und das ausgesprochene Bekenntniß desselben mit dem redlichen Vorsatz, nicht mehr der Sünde verfallen zu wollen, und die Rückkehr zu Gott ist vollzogen und Seine Verzeihung ist uns gewährleistet. Und doch ist sie schwer! Schwer ist es zunächst nur zu der Erkenntniß zu gelangen, daß man unrecht gehandelt hat. Die meisten Menscheu verschließen sich gegen diese Erkenntniß und schämen sich ihrer, indem sie sich dadurch etwas zu vergeben glauben. Selbst wo wir auf unser Unrecht aufmerksam gemacht und darüber zu Rede gestellt werden, suchen wir uns und andere zu bereden und wenigstens den Schein zu erwecken, als seien wir im Recht. Wir verübeln es demjenigen, der uns auf unsere Schwächen aufmerksam macht, und spinnen uns in ein ganzes Gewebe von Ausflüchten und Sophismen, um die Mahnung des Mahners als unberechtigte Zumuthung bezeichnen und leichter abweisen zu können. Mögen wir aber das Unrecht nicht anerkennen, welches wir so offen und ohne Zwe'fel geübt haben, daß es andere sogar als solches erkennen und zur Sprache bringen, wie sollten wir von allein darauf verfallen unser Unrecht zu suchen und zu finden. — Die meisten Menschen, die ihr Thun und Lassen wirklich redlich prüfen möchten, haben durch die unfehlbare Rechthaberei, welche sich alle zuschreiben, ganz den Maßstab dafür verloren, was wirklich gut und vor allem was schlecht und verwerflich ist. Hätte aber Jemand alle diese Hindernisse überwunden, hätte sein Unrecht erkannt und bekannt, so stünde ihm noch das Schwierigste bevor: der Vorsatz, nun für immer zu brechen mit der Sünde, alles zu meiden, was zu ihr führen könnte, alles zu suchen, was von ihr entfernen könnte, süße Gewohnheiten, liebgewordenen Reizen und Genüssen auf einmal zu entsagen und wirklich als neuer Mensch ein neues Leben zu beginnen. Das erfordert das ganze Ausmaß sittlicher Kraft, unablässige Aufmerksamkeit auf jede Regung unseres Innern und alle Aeußerungen unserer Thätigkeit, einen festen, starken Willen, kurz den ganzen Menschen in allen Beziehungen seines Strebens und Genießens. Eine einzige, schwache Minute, kann das Werk eines ganzen Lebens in Frage stellen! Der junge Vorsatz zum Guten soll nun Wache halten, über die alte eingesesflne Leidenschaft, die zurückgedrängt und gefesselt, täglich, stündlich auf die Wiedereinsetzung in ihre alten Rechte lauert. Dieser fortgesetzte Kampf gegen die Sünde und ihre Reize erscheint hart und schwer, weil er niemals aufhört, weil wohl wir schwach werden können, nicht aber die Leidenschaft — — und trotzdem! Der reine, feste, menschliche Wille ist stärker als die erstrickende Macht der Sünde. Wenn Gott uns zur Rückkehr ruft, so ist diese Rückkehr auch möglich, so sind wir nicht den Fangarmen verfallen, welche die Leidenschaft gegen uns ausstreckt. Sie fassen nur denjenigen, der von ihnen erfaßt sein will. Wer aber dem Verderben entrinnen will, zu welchem Leichtsinn und Sünde unrettbar führen, der wird an sich die beglückende Wahrheit erproben: nuypBn »äs Dnro D'iro n'wym nawn „Rückkehr und gute Thaten sind wie ein Panzer vor der Strafe." (Fortsetzung folgt.)

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