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Der Israelit · 1893-04-27 · Heft 34 (27.4.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 34 (27.4.1893)
Date
1893-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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auszumerzen, sie sind ihm so lange ausgewichen, bis sie sich seiner endlich entledigt haben; es stört sie nicht mehr. Es deckt nicht mehr den Tisch, es überwacht nicht mehr den Genuß, es mahnt nicht mehr, den Blick zu demjenigen zu erheben, zu dem der Jude ewporblickt, wenn der Donner grollt, wenn der Blitz zuckt, wenn er sein Brod bricht. Die Gesetze der Reinheit und Keuschheit in dem Familien- und Gattenleben sind zur Mythe geworden, die Tage der Ruhe und Feier sind aus dem Leben gestrichen, der Gedanke an Gott und sein Sittengesetz hat seine Kraft und Bedeutung verloren, kurz das moderne Heidenthum ist fertig, das uns auf Schritt und Tritt begegnet. Hunderte und Tausende, ganze Gemeinden, ganze Länderstriche, haben das alte, ernste Judenthum verlassen und sich leichtsinnig den Götzen des Tages in die Arme geworfen; sie haben Gott gänzlich vergeffen. Aber Gott hat ihrer nicht vergessen, tb »a rwy^> '*i ^’Nin '2 na» Tiaya nay ns 't teno* .oyV b ddps „Denn Gott gibt sein Volk nicht Preis; sein großer Name ist zu innig mit ihm verknüpft, denn er hat es durch seinen Eid besiegelt, euch sich zum Volke zu machen." (Samuel I, C. 12, V. 22.) Früher oder später, sobald die Stunde dafür gekommen, schickt er dem Einzelnen, wie der Gesammtheit seine ernsten Mahner in den nnemnon mjn my» d^ij£ to^>, in den bösen Stunden, die in entfesseltem Sturm in die Welt treten, um die fern und fremd gewordenen Seinen ihm wieder zuzuführen. Aber sie fühlen sich nimmermehr als die Seinen, sie haben den Muth und die Hoffnung verloren, auf seine Vaterliebe zu vertrauen, sie haben alle Bande und Fäden zerrissen, die sie mit Gott verbanden, bis vielleicht auf ein einziges, das noch in seiner alten Innigkeit und Festigkeit den Abfall und Treubruch überdauert hat. Greifen wir eine jener Mizwoth heraus, der auch der sonst pflichtvergessene Jude treu bleibt, z. B. die Einführung seines achttägigen Kindes in den Abrahamsbund. Zu welch' einem Fürsprecher muß eine solche einzige Mizwa nicht all den Zeugen des Leichtsinns und Abfalls gegenüber werden, welche ihre Anklagen erheben! Wohl hat die Sorge um das Dasein Viele hinweggescheucht von dem gottgewiesenen Wege, wohl mag der Leichtsinn und Spott der Genossen oft und lange Jahre hindurch seine unselige Kraft bewährt haben, wohl mögen die Opfer, die das ernste Gottesgesetz fordert, der Genußsucht und Lebensgemächlichkett einer leichtlebigen Zeit zu schwer erschienen sein, aber daß der Kern, der tief im jüdischen Herzen ruht, von allem dem unberührt geblieben ist, dafür zeugt doch unabweisbar vor Gott und für Gott die einzige Mizwah, der auch der sonst Gesetzlose die alte, unwandelbare Treue bewahrt hat. Wie geringschätzig scheinen doch alle Opfer, die er seinem Gott verweigert hat, gegen das Opfer, das er seinem Judenthum, seinem Gott und seinem Gesetze dennoch geweiht hat, indem er sein schwaches, blutendes Kind in das abrahamitische Bündniß einführte! Sein Gut hat er allerdings Gott versagt, aber sein Blut, noch mehr, seiner Kinder Blut hat er freudig Gott hingegeben. Er hat wohl auch durch sein ganzes gottentfremdetes Leben mit der großen Vergangenheit seines Volkes gebrochen, aber als er vor der Entscheidung stand, ob er dies auch für seine Kinder für alle Zeit thun solle, hat er ohne Bedenken einen neuen Knoten in dem rothen Faden geschürzt, der seit 4000 Jahren die jüngste jüdische Seele mit dem ersten Ahn unzerreißbar verbindet. Wer könnte daran zweifeln, daß eine solche einzige That viele schwere Jrrthümer zu sühnen vermag, daß ihre Fürsprache wohl geeignet ist, selbst eine ganze Kette ernster Vergehungen milder zu beurthetlen! v*>y »» dn D»noob m'va wbj nn»^> aipro mjns “ion’t uam h»» vfix »jd hin ybo .nDD tinsö nn» rrno „Naht dem Grabe die Seele und das Leben den Todesboten, wenn ihr ein Engel zur Sette steht, ein einziger Fürsprecher aus tausenden, dem Menschen seine Gradheit zu verkünden, so läßt er ihn Gnade finden und spricht: Laß ihn frei, daß er nicht ins Verderben sinke, ich habe Sühne gefunden." (Hiob, C. 33, V. 17—19.) Gewährt aber eine einzige Mizwah solche Fürsprache, wie viel mehr erst, wenn sie nicht allein steht. Plaidirt sie selbst für denjenigen, der ein ganzes verfehltes Leben hinter sich hat, wie viel mehr erst für diejenigen, deren Fehler und Schwächen auch eine stattliche Zahl sittlicher Thaten gegenübersteht, die sie als Trophäen in dem heißen Kampfe mit Leidenschaft und Sinnlichkeit in die Ewigkeit mitbringen. Unter demselben Gesichtspunkt tritt aber auch jede Awerah als Anklägerin auf, am Tage des Gerichts und der Verantwortung. Sie wirft mit ihrer Anklage einen Schatten selbst auf die guten, edlen Thaten, die wir die unseren nennen dürfen. Hätte uns der Gedanke an Gott und seinen von ihm vorgezetchneten Willen mit seiner ganzen ergreifenden Größe erfüllt, wie wäre es möglich, daß wir je geschwankt hätten von der Pflicht zur Pflicht- Vergessenheit, um dann von der Pfltchtvergessenheit wieder zur Pflicht zurückzuschwanken! Diese Unentschiedenheit, dieser Mangel an Festigkeit läßt das Gute selbst, das wir geübt, in einem bedenklichen Lichte erscheinen. Es trägt die unverkenn-

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