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Der Israelit · 1893-04-24 · Heft 33 (24.4.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 33 (24.4.1893)
Date
1893-04-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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627 keine Partei mit Ausnahme der Sozialdemokratie, es gewagt habe, in offener Debatte gegen die Antisemiten ihre ehrlichen, jüdischen Mitbürger zu vertheidigen. Die Unterlage des antisemitischen Programms sei ohne Sitte und ohne Tendenz. Es handle sich nur um eine Hetze. Aus allen Fugen des Partei-Programmes schaue Brutalität, Menschenfeindlichheit und Rohheit heraus. Redner bedauert es, daß die Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde nicht selbst die Vertheidigung führen. Wenn er eS wage, jetzt zu sprechen, so dränge ihn die Pflicht dazu, das Unrecht, das seinen ehrlichen Glaubengenossen bis jetzt widerfahren sei. Er werde von nun ab stets auf dem Posten sein. Schon viele antisemitische Reden habe er gehört. Eine so gemeine Sprache, wie sie Dr. Förster hier führte, sei in München Gottlob noch nicht gehört worden. Das waren keine Beweise, keine Tendenzen, das war nun eine Hetze, eine Aufforderung zur Gewaltthat. Eine ganze Raffe ohne Unterschied werde stets in den Schmutz gezogen, eine ganze Religionsgenoffenschaft beschimpft. Warum soll ich, der ich z. B. Versicherungsbeamter bin und meinen Lebensunterhalt ehrlich und redlich verdiene, schlechter sein, als ein Andersgläubiger, der ebenso ehrlich ist? Warum bin ich, wenn ich edel und ehrlich bin, schlechter als der edle Christ? Vielleicht nur deshalb weil ich Jude bin? Kann ich was dafür, daß mein Vater Jude war? Viele von Ihnen haben Juden zu Freunden und ich frage, ist gar kein edler Charakter dabei, sind es lauter Halsabschneider? Sie Herr Wenug, die Sie bis vor einem halben Jahre einen Juden als Affocie hatten, der ein großes Kapital in Ihrem Geschäfte einlegte und dann mit leeren Taschen abziehen mußte, sagen Sie mir, war dieser Jude auch ein Halsabschneider? ES scheint, vor einem halben Jahre waren Sie noch kein Antisemit, aber als der Jude kein Geld mehr hatte, dann wurden Sie erst einer. Sie thun den edlen Juden einen Gefallen, wenn Sie jenen Pack von Juden meinetwegen nach Afrika schicken, die den Namen Halsabschneider verdienen, Sie würden sich durch solche That den Dank der ganzen ehrlichen Judenschaft erwerben. Aber was hat denn der einzelne brave Jude^ gethan, daß Sie ihn fliehen und beschimpfen wie einen Aussätzigen. Beantworten Sie mir, meine Herren, die Frage, welches ist der Unterschied zwischen einem braven Juden und einem braven Christ, zwischen einem schlechten Christen und einem schlechten Juden? Wir werden eben von Ihnen nur verachtet, weil wir Juden sind, weil die Hetze Ihnen Geld einbringt, weil Sie einen Sündenbock brauchen und für das Alles muß der Jude herhalten. Einer Ihrer hiesigen Führer hat sich schon von Ihnen losgesagt; Ahlwardt, den Sie vor drei Wochen noch besungen haben in Ihrem Blatte, den schütteln Sie jetzt von Ihren Rockschößen ab. Der Erdball enthält 99*/2 pCt. Andersgläubige und nur '/, PCt. Juden. Wie beweisen diesen Zahlen schon die Feigheit der antisemitischen Bestrebungen! 99 werfen sich auf! Und wie traurig müßte die Welt beschaffen sein, wenn sie sich von diesem '/9 PCt. Juden regieren ließen? Der Jude soll arbeiten, sagen die Herren. Sie thun es, der eine mit dem Kopf, der andere mit der Hand. Allein wenn die Juden heute mehr dem Handel sich widmen, so liegt dies in der früheren Gesetzgebung, die dem Juden verboten hat, Grundbesitzer, Handwerker oder Oekonom zu sein, er wurde gezwungen zum Schachern und wenn er dies heute sich nicht abgewöhnen kann, so ist hier der gleiche Trieb, als wenn ich sage, der Mittenwalder macht nur Geigen, weil er das von seinen Eltern erlernt hat. Sehen Sie sich den rusischen Juden an, der ist Taglöhner, Dienstmann, Handwerker, kurz er ist Alles, nur kein Millionär. Und wie wird er von dieser Hetze des 19. Jahrhunderts betroffen.? Er wird schlechter behandelt wie ein Thier. Ich protestire im Namen der ganzen Kulturvölker der Welt gegen ein solches Bestreben. Führen Sie eine ehrliche Politik, erkennen Sie die Gleichberechtigung an, treten Sie mit offenem Visir vor die Rampe, dann können wir reden! Altona, 21. April. Nach zwölfstündiger Verhandlung verurtheilte heute das Schwurgericht die Antisemttenführer, Manusakturwaarenhändler August uud Emil Andersen aus Altona wegen betrügerischen Bankrotts und Wechselfälschung zu 21/, bezw. ix/2 Jahren Zuchthaus. Oefter. - Ungar. Monarchie. Wien, 21. April. Man würde dem czechischen Volke bitteres Unrecht zufügen, wollte man die empörenden Ereignisse, deren Schauplatz die czechische Stadt Kolin in den letzten Tagen war und zum Theile noch ist, auf die Rechnung seiner nationalen Eigentümlichkeit setzen. Es ist wahr, das Wachsthum des czechischen Nationalbewußtseins ist immer von ein wenig Hep-Hep-Politik begleitet gewesen, und lange bevor in Deutschland der„Ahlwardtismus" erfunden war, haben schon die czechischen Nagelschmiede von Horowitz und Hostomitz sich auf Kosten ihrer jüdischen Mitbürger im „praktischen Christenthum" geübt. Aber wo ist heutzutage die Nation, welche von der Höhe ihrer Cultur und Civilisation stolz auf den Koliner Pöbel herabsehen und sagen könnte: Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie diese? Es ist mit äußerst geringen Variationen immer und überall dieselbe Geschichte. Die Leiche eines ertrunkenen Mädchens wird aus dem Wasser gezogen. Der gerichtliche Augenschein stellt aufs unbestreitbarste fest, daß keine Verletzung an dem Körper sich vorfindet, die Zeugenvernehmungen, die Erhebung der Umstände ergeben mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit, daß ein Selbstmord vorliegt; allein wie ein von unsichtbaren Händen ausgegossenes Gift verbreitet sich das Märchen, die Ertrunkene sei geschlachtet worden, sei das Opfer einer unmenschlich grausamen religiösen Vorschrift, eines Ritualmordes, der von Juden begangen worden sei. Vergeblich sind die Abmahnungen der Besonnenen, vergeblich die kundgemachten Versicherungen der Behörden, daß die amtliche Erhebung einen solchen Verdacht ausschließt. Das Gift wirkt, das Volk hört nicht und will nicht hören, das Gerücht wird Ueberzeugung, die Ueberzeugung Leidenschaft; die im Menschen erwachte Bestie stürzt sich auf die fälschlich Beschuldigten, und nur der rechtzeitig erhobene eherne Arm der Staatsgewalt vermag sie von Mord, Raub und Plünderung zurückzuhalten. So war es in Kolin und ganz ähnlich war es in Tisza-Eszlar, in kanten, in Corfu. Als ob das Rechtsgefühl und der Sinn für Wahrheit plötzlich erstorben wären, verschließen die Menschen Augen und Ohren gegen die Wirklichkeit, so-

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