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Der Israelit · 1893-04-24 · Heft 33 (24.4.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 33 (24.4.1893)
Date
1893-04-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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lassen und hält daselbst Vorträge. Man braucht nur die marktschreierische Ankündigung dieser Vorträge und ihre confusen Titel zu lesen, um sofort zu begreifen, in welcher Richtung sich das ärztliche Gutachten bewegt, auf Grund dessen er seines Amtes enthoben ist. Zum Ergötzen der Leser möge hier eine solche Ankündigung folgen: Theosophische Vortrüge des Rabbiners Ciriin am 21., 27 und 29. März, 8 Uhr abends im Konzertsaal der Liederhalle. 1. Die Posaune deS Weltgerichts. Oder: WaS hindert die Juden, sich zum Evaug zu bekennen? Allg. relig. Erweckung und Widerlegung des Antisem. 2. An ihren Früchte« sollt ihr sie erkennen! Oder: Ist daS heutige Indent, eine Nation od. Konfession? Ein Mahn- und Weckruf an Israel. 3. Das Bessere ist der Feind des Gute«. Oder: Wie kan« JSrael auS seiner Erniedrigung sich erneuern? Anregung zur Gründung eines interkonf. Friedensbundes. Eintritt frei für jedermann, doch sind freiwillige Beiträge zur Deckung der Kosten willkommen. Die alten Bekannten des Herrn Grün, die ihn von seinen Wanderungen in verschiedenen Kurorten kennen und sich dessen Sammelfleißes und des einnehmenden Wesens erinnern, das derselbe bei allen Tischgesellschaften zu entfalten pflegte, erkennen in den letzten Worten, in welche diese Ankündigung ausklingt, sofort ihren Pappenheimer wieder. Hier ist wohl auch die eigentliche Tendenz der Vorträge zu suchen und weniger in der Nachahmung Schrempfs, wie Herr Rabbiner Grün vorgibt. *) Herr Grün und Herr Schrempf unterscheiden sich wesentlich dadurch, daß letzterer nicht auf Grund eines ärztlichen Zeugnisses entlassen wurde! Das, was diese Vorträge Gereimtes und Ungereimtes enthalten, interesfirt uns hier wenig. Wie sich erwarten ließ, liefern dieselben Wasser auf die antisemitischen Mühlen, und deren Inhaber werden wenigstens ihre Freude an diesem saftigen Bissen haben. Die vernünftigen Leute betrachten die Expectorationen dieses depossedirten Kirchenlichts unter dem Gesichtswinkel des ärztlichen Zeugnisses und sehen mit verschränkten Armen dem Skandal zu, wie da wieder ein württembergischer Rabbiner in das Lager übergeht, in welchem sich Stern-Butten- *) Schrempf ist ein entlassener Pfarrer, der an der Spitze einer Bewegung steht, die gegenwärtig durch die evangelische Kirche Württembergs geht. — Red. hausen unseligen Andenkens seine Lorbeeren geholt hat. Für das öffentliche Aergerniß, welches dieses ganze Gebühren bedeutet, kann man weniger Herrn Grün veranwortlich machen, als unsere Israelitische Oberkirchenbehörde, deren offenkundigen Mißgriffen wir ausschließlich diese und ähnliche Bescheerungen zu verdanken haben. Dieselbe ist gegenwärtig wieder in der Lage, die Wahl eines ersten Rabbiners für Stuttgart vorzunehmen. Es gibt noch sanguinische Optimisten bei uns, welche sich von dieser Wahl eine Wendung zum Besseren versprechen. Wir gehören nicht dazu. Wie die Dinge bei uns liegen, läßt sich auf diesem Wege kein Heil erwarten. Bei diesem Staats- Judenthum, wie es bei uns en voque ist, ist nichts zu hoffen. Unsere Zustände sind so faul und verrottet, daß 'kein halbwegs gewissenhafter Mann auch nur eine solche Stelle annehmen kann, deren Annahme schon die Anerkennung des religiösen Verfalls und Leichtsinns aller Gemeindeinstitutionen bedeuten würde. Was uns allein helfen könnte, wäre ein mannhaftes Erheben aller gutgesinnten Kreise, um mit diesem verrotteten Schlenderian zu brechen, sich unabhängig von diesem durch und durch faulen Salon- Judcnthum zu machen und sich Vs-ien ntpo rro selbstständig zu constituiren nach dem Vorgang der Religionsgesellschaften in Preußen, Baden nnd Hessen, wo ja auch die staatliche Legislatur diese Bestrebungen unterstützte. Nur so wird neues Leben aus den Ruinen erblühen. — Diese Zeit liegt heute für diese Bestrebungen günstiger wie damals, als Gabiah ben Pesisa gegen die hierarchischen Uebergriffe des Oberkirchenraths Meier auftrat. Ein einziger energischer Mann würde genügen, um eine solche Bewegung einzuleiten und sie mit Gottes und treuer Gesinnungsgenossen Hilfe durchzuführen. Sollte er sich wirklich nicht finden? — Dann geht die württembergische Judenheit wirklich trüben, verhängnißvollen Zeiten entgegen. Zeitungsnachrichten und Correspondeuzeu. Deutschland. München, im April. Die M. N. N. berichten: In der gestrigen demokratischen Versammlung, in welcher der österreichische Reichsratsabgeordnete Dr. Kronawetler sprach, kam es auch zu einer Debatte über den Antisemitismus- Bei dieser Gelegenheit ergriff auch ein Jude, Herr Versicherungsbeamter Mayer das Wort, um von seinem Standpunkt aus die antisemitische Bewegung zu kennzeichnen. Da dies bis jetzt der einzige Fall dieser Art ist, wollen wir die Ausführungen dieses Herrn ausführlich wiedergeben. Der Redner beklagte sich zunächst darüber, daß der antisemitische Weizen nun auch bei uns in Blüthe stehe und daß bis jetzt

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