Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 33 (24.4.1893)
- Date
- 1893-04-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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628 bald diese moralische Epidemie ausbricht; unter den gleichen typischen Symptomen entsteht sie überall, nimmt ihren Verlauf, und wenn sie entschwindet, scheint sie nur eingeschlafen zu sein, um nach angemessenem Zwischenraum an anderem Orte mit den gleichen entsetzlichen Erscheinungen wieder zu erwachen. Nein, Niemand hat ein Recht, von czechischem Fanatismus zu sprechen angesichts von Thatsachen, die sich am deutschen Niederrhein nicht viel anders abspielen, als an der czechischen Ober-Elbe. Aber durch eine Eigenthümlichkeit zeichnet sich die Koliner Judenhetze doch vor anderen ihresgleichen aus. Sonst pflegen es clericale Einflüsterungen oder reactionäre Einflüsse zu sein, welche dazu helfen, daß der atavistische Judenhaß rechtzeitig in die Wochen kommt und die landesüblichen Scheußlichkeiten gebiert, denn Unwissenheit und Rohheit, welche die Triebfedern des Antisemitismus sind, bilden das Lebenselement der rückschrittlichen Parteien. In Kolin war es anders. In Kolin darf sich diejenige Partei unter den Czechen, welche sich die freisinnige nennt und gelegentlich auch mit demokratischer Gleichheit und Brüderlichkeit prunkt, rühmen, das Meiste dazu beigetragen zu haben, daß der Judenkrawall so üppig und glorreich sich entwickelte. Ein jungczechisches Blatt war es, welches am enlsigsten in der Verbreitung des Blutmärchens war und der Anerkennung des wahren unbj behördlich festgestellten Thatbestandes am hartnäckigsten sich widersetzte. Während der katholische Dechant mit rühmlichem Eifer bestrebt war, von der Kanzel aus beruhigend auf die Bevölkerung cinzuwirken, wurden in jungczechischen Versammlungen zur Anspornung der Exccdenten Geldsammluugen für diejenigen veranstaltet, welche in den Zusammenstößen mit der Sicherheitswache und dem Militär Verletzungen davongetragen hätten. Herr Grcgr, der das publicistische Sprachrohr der „freisinnigen" Partei beherrscht, erklärte in einer Unterredung mit dem Berichterstatter eines antisemitischen Blattes ganz offen, seine Partei sei diejenige, welche mit den Wiener Antisemiten die meisten Anknüpfungspunkte habe, und daß er die Wahrheit sprach, beweist der Umstand, daß in Kolin zur Begeisterung des Pöbels dieselben lithographirtcn Kunsterzeugnisse circulirtcn, die auch in den Korfuer Judenexcesseu eine so wirksame Rolle gespielt hatten und die sämmtlich dem Wiener antisemitischen Geschäftsgeifte ihre Entstehung verdanken. Ja, so intim sind diese Beziehungen der freisinnigen czechischen Partei zu dem sonst so verhaßten Wien, daß einer der Drahtzieher der hauptstädtischen antisemitischen Centrale sich für den Fall des Bedarfes den Kolinern telegraphisch zur Verfügung stellte! Für die bedauernswerthen Opfer der Koliner Ausschreitungen ist es freilich ziemlich gleich, ob ihnen die Fenster auf altczechisch oder auf jungczechisch eingeworfen werden. Aber da cs unter den ehrlich Liberalen anderer Nationalität und zumal unter den liberalen Deutschen nicht Wenige gibt, welche im Stillen die Hoffnung nähren, der jungczechische Liberalismus werde eines Tages zum Pfeiler für die Brücke der Verständigung mit den Deutschen werden, so ist es nicht übe flüssig, diese zarten Anknüpfungspunkre zwischen dem czechischen Freisinne und der Wiener anti liberalen Ochlokratie niedriger zu hängen. Es wird schon für den Fall von Nutzen sein, wenn Herrn Masaryk wieder einmal die Lust anwandeln sollte, den liberalen Deutschen darüber den Text zu lesen, daß sie von dem ungeheuren Culturfortschritte, der sich unter den Czechen vollzieht, keine Ahnung haben, und die Engherzigkeit des deutschen Liberalismus zu verhöhnen, der ein so hochherziges, nach Freiheit dürstendes Volk hindern will, „sich national auszuleben." D-c Blüthe dieser czechischen Cultur ist das Jungczechenthum, und diese Blüthe öffnet sich der Befruchtung durch den Antisemitismus der Wiener Vororte! Gewiß, wir wiederholen es, wir Deutsche haben keinen Grund zum Hochmuthe nnd kein Recht, vom überlegenen Standpunkte der reicher entwickelten Cultur auf die Koliner Excesse herabzusehen, denn wir müssen beschämt gestehen, daß die Nation Lessing's und Kant's von der nämlichen Schmach befleckt wird. Aber daß eine Partei, die sich sonst darin gefällt, sich mit den Emblemen des Fortschrittes und des Freisinns zu schmücken, der es somit am Verständnisse für den ethischen und culturellen Werth der liberalen Grundsätze nicht fehlt, gleichwohl zu der Brutalität sich hiugezogeu fühlt, die sich im Antisemitismus verkörpert und die Negation des Liberalismus ist, das gibt doch zu denken. Nationale Motive können diesen Widerspruch nicht erklären, denn die Juden in den czechischen Landestheilen Böhmens folgen national und politisch der dort vorherrschenden Richtnng, fühlen sich nur der Consession, nicht der Nationalität nach von ihren Mitbürgern unterschieden. Der jungczechische Freisinn ist also entweder überhaupt eine große Lüge oder die Wahlverwandtschaft dieser Partei mit den deftructiven Elementen jeder Art und jeder Nationalität ist um so viel stärker als ihre liberale Gesinnung, daß die letztere als Baustein für eine von der Natwnalität absehenden gesunden Volkspartei kaum in Betracht kommen kann. Als Lueger sich im Reichsrathe als Anhänger der konfessionellen Schule bekannte, donnerte ihm Eduard Gregr zu: „Sie sollten sich schämen!" Und nun findet sein Bruder, die Jungczechen hätten mit keiner Partei