Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-04-24 · Heft 33 (24.4.1893) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 33 (24.4.1893)
Date
1893-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448347--36209-2484226
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

624 glücklich gesehen. Nach einem Vierteljahre besuchten wir sie in der Stadt. Wir erschrocken, als wir sie sahen. War das unser fröhliches, lebenslustiges Kind? Wo waren die Rosen, die noch vor kurzer Zeit auf ihren Wangen geblüht? Wo war der frische Muth und die heitere Lust, die auch^ unsere Freude war? Bleich und abgehärmt, mit hohlen Augen und blassen Wangen trat sie uns entgegen, ein Bild des Jammers. Besorgt fragten wir, was ihr fehle. Scheu wich sie unseren Blicken, unseren Fragen aus und schien glücklich zu sein, als wir endlich gingen. Betrübt traten wir den Heimweg an; die Sorge um unser Kind nagte an unseren Herzen. Mit Sehnsucht erwarteten wir Nachricht von Dina. Nach sechs Wochen schrieb sie uns, daß sie wieder ganz gesund sei, auch wieder wohl aussehe, aber ihren Dienst gewechselt habe. Wir waren glücklich über diese Nachricht, obschon die letzte Mitthetlung uns verstimmte. Von Zeit zu Zeit schickte sie uns Grüße. Die Sommer- und Herbftarbeiten machten es uns unmöglich, in die Stadt zu kommen. Während dieser Zeit fiel es mir öfters auf, daß, sobald im Dorfe die Rede auf unsere Dina kam, die Leute entweder höhnisch lachten oder mich mitleidig ansahen. Gegen Weihnachten schrieb unsere Dina, daß sie krank gewesen wäre, nun aber wieder ganz gesund sei und einen anderen Dienst habe. Gern hätten wir sie einmal aufgesucht, aber es ließ sich nicht machen. So kam das Fest; es brachte uns ein ansehnliches Geldgeschenk von unserer Dina. Wir waren überglücklich! Ich erzählte überall davon und meinte, es sei Neid, wenn die Leute über meine Erzählung lächelten. Ich war blind; aber bald wurden mir die Augen geöffnet. Ich prahlte eines Tages wieder mit dem Geschenke meiner Dina. Da sagte mein Nachbar zu mir: „Klaus, Du schwiegest besser stille; mit Sünden- und Schandegeld soll Niemand prahlen!" „Ich sah ihn groß an; ich verstand ihn nicht und fragte: „Was meinst Du damit, Nachbar?" Mitleidig blickte er mich an und sagte: „Du weißt wirklich nichts?" und der Nachbar begann mir eine lange Geschichte von meiner Tochter zu erzählen. Als ob ich einen Keulenschlag auf den Schädel versetzt bekommen hätte, so taumelte ich zurück. Starr sah ich ihn an. Er wollte mich sicher zum Besten haben. Ich lachte und sprach: „Ich hätte nicht geglaubt. Nachbar, daß Euch der Neid —" „Neid!" rief er aus, „um Eure Schande beneidet Euch niemand." „Ich hatte genug. Am anderen Tage ging ich zur Stadt. Stolz trug ich den Kopf; es konnte nicht so sein. Rein und fleckenlos mußte meine Dina dastehen — so wähnte ich! Es war anders. Der Nachbar hatte Recht. Gebrochen kehrte ich heim. Den Jammer meiner Frau konnte ich nicht mit ansehen — an jenem Tag war ich zum ersten Male betrunkeu. Im Rausche vergaß ich die Schande meines Kindes, den Fleck auf meiner Ehre." (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 28. April, 12. Jjar. Sabbat-Anfang in Mainz 7 Uhr 15 Min. (dl. 8. Z.) Samstag, 29. April, 13. Jjar. '»ttnpi nnx Sabbat-Ausgang in Mainz 8 Uhr 30 Min. (M. E. Z.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montag-und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Brei» de» Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel w besiegen bei L. F. Ktrinackrr, Leipsig, Uoßplah 16. — Inserate 2b Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Lours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung vo« an die Redactiou eingesandten Manuscripte« findet nicht statt, «an bittet deshalb fich von allen Einsendungen eine Kopie znrückzubehalte«. Inhalt (Hauptblatt): Leitender Artikel: Sprüche der Väter. — Zeitungsnachrichten u. Korrespondenzen: Deutschland: Berlin. Altona. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Lemberg. — England: London. — Rußland: Kiew. — Vermischtes. — Feuilleton: Die drei Kronen. Erzählung von H. Berger (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Zur jüdischen „Seelsorge" in Württemberg. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: München. Altona. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Prag. — Serbien: Belgrad. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Rr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Job. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aktien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu eine Beilage.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.