Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 33 (24.4.1893)
- Date
- 1893-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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621 Altona. Am Sonnabend fand in der Gemeindesynagoge der hochdeutschen Jsraeliten-Gemeinde die erste Probenpredtgt statt. Herr Rabbiner Dr. Schiffer-Karlsruhe, ein naher Verwandter der Schriftstellerin Karoline Deutsch, und den Lesern des „Israelit" wohlbekannt, fand mit seiner Predigt bei dem zahlreich erschienenen Publicum, unter dem sich viele Hamburger befanden, ungetheilten Beifall. Am Nachmittage fand ein talmudischer Vortrag statt. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Lemberg, 10. April. Bei der in Czernowitz stattgefundenen Wahl wurde Rabb. Dr. Rosenfeld aus Orszohaza (bekanntlich gewesener Kandidat für den erledigten Rabbinerposten in Altona) mit 392 Stimmen (auf 419 Stimmende) zum Oberrabbiner von Czernowitz gewählt. England. London, 16. April. Der bekannte Bilderhändler B. eröffnete ein Branche-Etabliffement in einer Hauplstraße des östlichen Stadtviertels. Da in diesem Stadttheile viele vermögende nichtjüdische Handwerker domiliziren, die gewöhnlich am Sonnabend schon frühzeitig ihre Arbeit einstellen und Einkäufe besorgen, so ist deßhalb der Sonnabend als ein Hauptgeschäftstag betrachtet, weßhalb der erwähnte jüdische Bilderhändler sein Geschäft am Sabbat öffnete. Die schönen Gemälde, welche die Schaufenster zieren, lockten eine große Menge von Beschauern an. Unter der versammelten Volksmenge beobachtete man auch den pn, Rev. Mr. B. Spier, welcher sich durchdrängte, um in das Geschäftslokal einzutreten. Das plötzliche Erscheinen des hochgeachteten ehrwürdigen Herrn setzte den Chef der Firma, welcher eben eine Anzahl von Kunden bediente, in nicht geringes Erstaunen. Der pi ersuchte im Namen des p rva den Geschäftsinhaber, seinen Laden zu schließen, da nebst der Uebertretung des Sabbatgebotes auch noch der Umstand zu bedenken sei, daß andere jüdische Firmen dem Beispiele des Herrn B., der geborener Engländer ist und eine hervorragende Stelle im Bezirke, als Stadtverordneter, einnimmt, folgen und sodann der nav W>n rasche Verbreitung finden würde. Der Geschäftsinhaber hörte trotz vielseitiger Beschäftigung aufmerksam auf die eindrucksreichen mahnenden Worte des verehrten pn und ertheilte dem Personal den Befehl, sofort das Geschäft zu schließen. Rußland. Rußland. In Sosnovice erhielten sämmtliche Juden den Befehl, binnen sieben Tagen den jetzigen Wohnsitz zu verlassen. Daraufhin fand eine allgemeine Versammlung der dortigen Geschäftsleute statt, an welcher auch Christen theilnahmen. Es wurde beschlossen, den Generalgouverneur Gurko um Aufschub der Maßregel zu bitten, da die Ausweisung der Juden die Handelsinteressen schädigen würde. Kiew, 29. März. Nulla dies sine linea. Kein Tag vergeht in Rußland, ohne daß er eine neue Geserah, eine neue Verordnung, gegen die ohnedies schon halb zu Tod gehetzten Juden dieses Reiches bringt. Jetzt wurde wieder die Verordnung erlassen, daß alle Juden längs der sibirischen Grenze dieselbe verlassen und sich mehr in das Innere dieses wüsten und fast mit ewigem Schnee bedeckten Landes zurückziehen sollen. Dadurch werden wieder, wenn schon nicht etliche tausend, so doch etliche hundert jüdische Familien ins Elend gestoßen. Längs der sibirischen Grenze existiren nämlich gegen zwanzig jüdische Gemeinden, kleinere und größere, deren Mitglieder sich fast ausschließlich, da doch an eine Feldwirthschaft in diesem rauhen Lande fast gar nicht zu denken ist, vom Handel, oder von einem Handwerke oder vom Verfrachtungsgeschäfte ernährten. Nun grenzt Sibirien einzig und allein an China, deffen nördlicher Nachbar es ist, und wird daher die Grenze dieses Landes in zwei Theile, in eine sibirisch-tatarische und eine sibirisch-mongolische, geschieden. Die Juden nun, die längs der erstercn Grenze wohnten und daher in ihrem Verkehre nur auf die Tataren d. h. die mohamedanischen Völkerschaften im chinesischen Reiche angewiesen waren, hatten noch eine leidliche Stellung, da Juden und Mohamedaner sich leicht vertragen und dann sind doch Letztere mehr für den Ackerbau und die Viehzucht als für den Handel und das Handwerk geboren. Sie kauften daher von den Juden nicht nur europäische Fabrikate, sondern auch deren eigene Kunsterzeugniffe, wodurch diese sich anständig ernähren konnten. Ganz anders erging es aber den Juden längs der sibirisch-mongolischen Grenze. Diese hatten dort zumeist mit den heidnischen Chinesen zu thun, die ohnedies Andersgläubige nur ungerne in ihrer Milte sehen und die nicht nur dem jüdischen Handwerker, sondern auch dem jüdischen Krämer an Geschicklichkeit und Geschäftsgeist bei weitem überlegen sind. Dazu kommt noch, daß nicht nur die chinesische sondern auch die mongolische Sprache nur schwer zu erlernen ist. Die Juden konnten sich daher mit den Mongolen und Chinesen nur sehr schwer verständigen, wodurch auch ihr Verkehr mit denselben stark litt. Diese Juden werden sich schwerlich stark darüber abhärmen, wenn sie nun gezwungen sind, die Grenzstätte zu verlassen und sich im Innern Sibiriens anzusiedeln; ganz anders ver-