Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 33 (24.4.1893)
- Date
- 1893-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448347--36203-2484220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wird, in den Worten: )b rmp nnx mxo nitnyn bv nn« O’^p-iD Wer eine einzige Mizwa erfüllt, der hat sich einen Fürsprecher erworben. Wenn man vom Lichte dieser Wahrheit einen Strahl auf unsere Zeit, und besonders auf die Bestrebungen innerhalb der zeitgenössischen Judenheit fallen läßt, so zeigt sich der Abstand zwischen dem, wie es sein sollte und wie es in der That ist, in seiner ganzen Tiefe. Wenn sich von allen Ecken und Enden die Ankläger gegen uns erheben, wenn wir allerorts der Fürsprecher bedürfen und sie nur so spärlich finden, so erklärt unsere Mischnah diese merkwürdige Erscheinung. — Ersteht uns aus jeder Mizwah, die wir üben, ein Fürsprecher, so muß der Sinn für die treue Erfüllung der Mizwah, der Lcbenspflichten, die Gott zahlreich, wie die Tage des Jahres und wie die Glieder des Körpers mit unserem Dasein verwoben hat, wieder aufs Neue geweckt und gestärkt werden. Wir stehen heute unter dem Zeichen der Phrase, des tönenden Worts, dessen hohler Schwall die That nicht anfkommen läßt. Auch diejenigen, denen der religiöse Verfall zu Herzen geht, sprechen vom Sinken des religiösen Sinnes, vom Schwinden des jüdischen G e ist es und suchen ihn auf ihre Weise durch Worte und äußere Mittel wieder zu beleben, die aber alle den Kern der Sache nicht berühren, weil die Erkenntniß für die Bedeutsamkeit der That, der wackeren, lebensfrischen That fehlt. Man wird diesen gesunkenen Sinn — bavübex täusche sich Niemand — nicht durch Literaturvereine, nicht durch Vorträge, nicht durch belehrende und erbauende Schriften wieder bei uns heimisch machen, sondern durch rückhaltlose Rückkehr zu unseren von Gott gebotenen Mizwoth. Davon sind wir aber zur Zeit noch weit entfernt. Sind doch Viele von denen, welche nach Mitteln und Wegen zur Besserung ausschauen, der beklagenswerthen Ansicht, nicht Fürsprecher, sondern Ankläger erwachsen uns aus der treuen Erfüllung unserer religiösen Pflichten, und Fürsprecher erstünden uns aus ihrer scrupellosen Hintansetzung. Vielleicht hat es noch nie eine Zeit gegeben, in der so viel gepredigt, gelehrt, moralisirt, geschrieben und gedruckt wurde zur Hebung unserer Religion, während gleichzeitig die practische That ganz leer ausgeht. Man hat eine ganz neue jüdische Wissenschaft gezimmert, fördert die Geistesprodukte unserer großen Meister aus bent Dunkel der Bibliotheken an das helle Tageslicht, schreibt ihre Geschichte, erzählt ihr Leben und Wirken, damit — nun damit wir auch danach leben und handeln? Bewahre, sondern damit wir auch unsere Geschichte, unsere Wissenschaft nach dem Schnitt der anderen, in stattlichen Compendien besitzen. Das Leben und Streben, das Wirken und Handeln unserer großen Altvorderen ist den Schreibern ihrer Geschichte ein längst überwundener Standpunkt, den sie als altväterische Einfalt belächeln, den sie aber nimmermehr zur Norm des eigenen Lebens machen möchten. Und da sollen wir uns wundern, wenn uns aus den Kreisen, denen man mit dieser neuen jüdischen Wissenschaft imponiren möchte, keine Fürsprecher erstehen? Wohlgemerkt, wir fragen nicht, wie viel Religion durch alle diese schöngeistigen, sogenannten jüdisch-wissenschaftlichen Bestrebungen gehoben wurde, wie viele Zaddikim und Chassidim sie erzeugt, sondern wie viel Anerkennung, Beachtung und Achtung diese Liebesmüh' in jenen außerjüdischen Kreisen gefunden hat, mit welchen man auf diese Weise coquettirt und um deren Gunst man so geflissentlich gebuhlt hat. Hat nicht gleichzeitig mit diesen Bestrebungen die Abneigung, ja die offene Feindseligkeit gegen Juden und Judenthum einen Höhepunkt erreicht, dem alle machtlos und rathlos gegenüberstehen? Und da sollten wir unsere Fürsprecher nicht einmal auf demjenigen Wege suchen, den unsere Mischnah empfiehlt? Wahrlich, jede beliebige aus den 613 Mizwoth, die wir heute noch voll und ganz, frei und offen erfüllen, würde zum beredten Fürsprecher für uns in dieser ernsten, schweren Zeit, so gewiß wie jede Awerah noch heute als unsere laute Anklägerin vor Gott und den Menschen dasteht. Was ist es denn, was unsere Ankläger gegen uns geltend machen, wenn sie mit einem dürftigen Schein von Recht ihre Anklagen ausstaffiren müssen? Daß der Jude in einer Zeit, in der Alle, Einer den Anderen ausbeutet, auch diesen Beutezug mitmacht, daß er durch seine durch und durch materialistische Neigung gar in den ersten Reihen dieses Zuges steht, daß er also gewinnsüchtig, geldgierig, anmaßend und genußsnchrig ist und wie diese Liebenswürdigkeiten alle heißen, die sich dann bis zur Bezichtigung des Christenkindermords versteigen. Was uns gegen diese Anschuldigungen am Besten zu rechtfertigen vermöchte? Nichts Anderes, als die treue, vor aller Welt vollzogene Erfüllung unserer von Gott gebotenen Pflichten. Haben wir es doch vor gar nicht langer Zeit erlebt, wie die letzte und schwerste dieser Anschuldigungen, die sich gegen einen jüdischen Mann richtete, der treu den Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes lebte, eben an dieser Treue vor aller Welt zu Schanden wurde. Aber unsere Mischnah sagt, daß jede einzelne Mizwah, die wir erfüllen, schon zum Fürsprecher für uns wird, wie jede einzelne Awerah als Anklägerin gegen uns auftritt. Greifen wir zum Nachweis für das Zutreffende dieser Behauptung irgend eine Mizwah heraus, die leider in unserer Zeit nicht die