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Der Israelit · 1893-04-20 · Heft 32 (20.4.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 32 (20.4.1893)
Date
1893-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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598 Wenn man der Einschränkung des Geschäftes zu Gunsten der Thora zunächst daS Bedenken entgegenhält, daß das geschäftliche Leben heutzutage den ganzen Menschen, seine gesammte Zeit und Muße in Anspruch nimmt, so widerspricht dem doch die tägliche Erfahrung in ganz handgreiflicher Weise. Wie viele ungezählte Stunden werden doch trotz der vorgeblichen Inanspruchnahme des Geschäfts täglich und nächtlich dem Besuch des Wirthshauses, der Cafes dem Herumstehen vor der Ladenthüre und zahllosen anderen Zerstreuungen gewidmet, und was wäre doch für die Thora und ihre Verwirklichung im jüdischen Kreise gewonnen, wenn ohne Einschränkung des Geschäfts diese Zerstreuungen eingeschränkt und die so gewonnenen Stunden der Thora zurückgegeben würden, der sie von jeher gehörten. So war es seit vielen Jahrhunderten fast bis an die Schwelle unserer neuen, „gebildeten" Zeit in der ganzen jüdischen Diaspora, so ist es heute noch in allen Kreisen unseres Volkes, die ihr Leben von den Anforderungen jenes Lebensregimes leiten läßt, das uns der Talmud auf seinen ersten Blättern aufbewahrt hat, in den Worten: *o din x-iip nnp6 dx nwan rvat> djd: mjn rrwn p nxnp «Tipi ruw roa«6 ox „Kommt man Abends vom Felde nach Haus, so geht man ins Versammlungs-Haus. Wer gewöhnt ist, die Schrift zu lesen, liest die Schrift, wer gewöhnt ist, Mischnah zu lernen, lernt Mischnah, lieft dann Schema und verrichtet sein Gebet." (Berachoth 4, b.) Freilich macht die leichtlebige Lebensgemächlichkeit dagegen geltend, daß die geschäftliche Anspannung und Abspannung des Tages unsere Zerstreuungen und Vergnügungen zu einem unabweisbaren Bedürfnisse mache. Aber das Traurige ist und bleibt, daß man seine Zerstreuung und sein Vergnügen eben nicht in der Thora und ihrem Studium suchen und finden will; Der Kampf ums Dasein erscheint doch vielfach deßhalb unserer Zeit so heiß, weil sie die Schwierigkeiten vergißt und unterschätzt, mit welchen auch in früheren Epochen die Mittel zum Leben zu erringen waren. Der in die Augen springende Unterschied zwischen einst und jetzt zeigt, daß quantitativ die Schwierigkeiten des Erwerbs allerdings gestiegen, daß sie aber qualitativ geringer geworden find. Durch die raschen und leichten Verkehrsmittel umspannt die geschäftliche Thätigkeit und damit auch die Aufregung und Sorge des heutigen Culturmenschen die ganze Welt, soweit der Schienenstrang seine eiserne Bahn zieht und soweit die elektrischen Drähte die Gedanken der Menschen mit Blitzesschnelle tragen. In früheren Zeiten beschränkte sich das Geschäft und die Sorge auf den nächsten Wohnkreis und nur ganz selten über ihn hinaus. Das Kampffeld ist heute ein größeres geworden und in demselben Verhältniß ist auch die Zahl der Mitbewerber gestiegen. Angesichts dieser größeren Zahl der Concurrenten vergißt man nur zu leicht die unermeßliche Erweiterung des Absatzgebiets, das unseren Großeltern gänzlich verschlossen war. Es ist wahr, die Bedürfnisse sind gestiegen, aber dadurch ist auch die Nachfrage nach allen Gegenständen des Handels und Verkehrs eine größere geworden, woraus sich naturgemäß ein viel rascherer und leichterer Umsatz und Absatz ergibt. Bet den natürlichen und künstlichen Schranken, die dem geschäftlichen Verkehr in früherer Zeit auferlegt waren, bei dem geringeren Bedürfniß auf diesem eingeschränkten Gebiet bedurfte es eines viel größeren Aufwandes an geistiger und körperlicher Kraft, aus diesem engen, harten Boden nun doch den Bedarf des Lebens zu gewinnen. Nimmt man dazu noch die ungeheueren Schwierigkeiten, die sich dem jüdischen Menschen besonders entgegenstellten, durch das Vorurtheil, dem er doch auf Schritt und Tritt in viel höherem Grade begegnete, als dies durchschnittlich heute der Fall ist, durch die Ausnahmsstellung, in die ihn die staatliche Gesetzgebung drängte, welche ihm den Besitz von Grund und Boden versagte, ihn von allen Handwerken, Zünften, ihn fast von jeder ehrlichen Berufsart ausschloß oder sie ihm doch durch ungezählte Chicane und Plackereien verkümmerte und verleidete und ihn ausschließlich auf Handel und Geldgeschäfte hinwies, so wird kein Unbefangener sagen können, daß speciell für uns Juden das Leben, die Erhaltung und Gewinnung der für seine Fristung erforderlichen Mittel heute schwieriger sei, als in früherer Zeit. Wir vor allen anderen haben keine innere und äußere Berechtigung zu dieser allgemeinen Klage, wir haben daher keinen Schein von Recht, die Vernachlässigung unseres eigentlichen Lebensberuss mit der Schwierigkeit des Geschäfts und Erwerbs zu begründen. Wir haben im Gegentheil eine nach vielen Jahrhunderten zählende Erfahrung hinter uns für den Segen, für das Glück und die nicht zu trübende Heiterkeit, welche die Einschränkung des geschäftlichen Berufes zu Gunsten unseres eigentlichen, von Gott uns ertheilten Lebensberufs zur Folge hatte. Zu dem Psalmworte: »npys dv snjnr 'x 'n -pJJ nW>3, Gott, Gott meiner Hilfe! Tags schrie ich, Nachts bin ich vor Dir (Psalm 88, V. 2), merkt ein tiefer Forscher an: Habe ich am Tage „geschrien", hatte ich am Tage mit allen Qualen meiner Stellung unter den Völkern zu kämpfen und zu leiden, die Nacht findet mich aufathmend vor Dir, als dem Gott mei-

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