Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 32 (20.4.1893)
- Date
- 1893-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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«Wßff ••VW' ■ XXX1T- Jahrgang. 82. Der Israelit. Sin Kentrak-Hrgan für das orlhodoXe Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann tu Mainz. Donnerstag, den SV. April 5653 (1893). Leitender Artikel. Sprüche der Wüter. Viertes Buch. LX. Mainz, 19. April. Wenn man heutzutage der Mahnung Rabbi Me'irs mira pDjn tsvoo 'in, „Schränke dein Geschäft ein und beschäftige dich mit der Thora", ernstlich das Wort zu reden versucht, so hält man dem entgegen, welche große Ansprüche heute die Zeit an jeden stellt, und wie es nicht möglich ist, dieselben zu befriedigen, ohne die rastloseste geschäftliche Thätigkeit. In jener Zeit und noch zu den Zeiten der Großeltern sei das viel leichter gewesen. Damals hätte nur wenig dazu gehört, die Bedürfnisse der Familie zu erschwingen, das Leben sei einfacher und die Lebensmittel seien billiger gewesen, die Versorgung der Kinder hätte nicht so unerschwingliche Opfer auferlegt, man hätte überhaupt weniger Bedürfnisse gehabt und die schlichte Lebensweise hätte nicht so außerordentliche Anforderungen an den Einzelnen gestellt. In Folge dessen sei der Kampf ums Dasein ein viel heißerer geworden, die Concurrenz der Mitbewerber um die Güter des Lebens habe eine Bedeutung erlangt, von der man in jener Zeit keine Ahnung gehabt habe, und wie die Argumente alle heißen, welche unsere Zeit als die schlechteste aller bisherigen hinzustellen versuchen. Mau wird diesen Erwägungen gewiß nicht jede Berechtigung absprechen können, aber eine ruhige Prüfung derselben wird ergeben, daß es wohl niemals eine Zeit gab, die der Erfüllung der Thora nicht auch ihre Schwierigkeit entgegensetzte, daß viele von den Bedürfnissen unserer Zeit nur in unserer Einbildung existiren, und daß es wohl ersprießlicher wäre unsere sittliche Kraft zur Bekämpfung als zur Befriedigung vieler dieser Bedürfnisse zu verwenden. Deßhalb knüpft bereits Rabbi Me'ir an den Rath das Geschäft zu Gunsten des Thorastudiums einzuschränken, sofort den zweiten: .vid« bi om nn bw »im „Sei bescheidenenSinnes allenMenschen gegenüber!" Die Worte nn bsm lassen sich nur ungenügend wörtlich übersetzen. Rabbi Herz Wesel gibt in sei« nem Commentar zu den Sprüchen der Väter eine ganze Abhandlung über die Bedeutung dieser Worte. Sie selbst zutreffend zu umschreiben, würde einen Raum erfordern, der wett über den Rahmen dieser Aufsätze binausgebt, bv heißt nieder, und bsv nn ist die Gesinnung, die nicht hoch hinaus will, die sich mit demjenigen bescheidet, was sie bereits besitzt, nach welcher Bedeutung, wir es bescheidenen Sinnes übersetzt haben. — Ein ganz ähnlicher Ausspruch findet sich bereits in der 3. Mischna dieses Perek: "in ind *ind "idin nn' ttr« wb nn NN Hw Rabbi Lewitas aus Jabne sagte: „Sei sehr, sehr bescheidenen Sinnes. Der Zusatz: ow d*in b „allen Menschen gegenüber", scheint sagen zu wollen: Der bescheidene Sinn an und für sich genügt nicht. Viele mögen den Fluch empfinden, der in dem maßlos in die Höhe Streben liegt, das seine Umgebung überragen möchte, viele mögen von dem Segen der Anspruchslosigkeit und Einfachheit tief durchdrungen sein, aber sie haben den Muth und die Festigkeit nicht, diese Gesinnung vor der Welt zu vertreten, und ihr Thun und Lassen dieser Gesinnung entsprechend allen Menschen gegenüber einzurichten. So lange dies nicht geschieht, bleibt sie eine trockene, unfruchtbare Theorie. Keine Wahrheit ist noch je durch die Macht ihrer Gegner, sondern lediglich durch die Schlaffheit und Gleichgiltigkeit ihrer Anhänger unterdrückt worden. Hier aber gehört das ganze energische Aufgebot aller sittlichen Kraft dazu, um Herr über die Bedenken zu werden, die sich einer Einschränkung des Geschäfts zu Gunsten der Thora entgegenstellen.