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Der Israelit · 1893-04-17 · Heft 31 (17.4.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 31 (17.4.1893)
Date
1893-04-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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591 Heer entfesselt wäre, also raste die Windsbraut über die Felder. Was sich ihrem Lauf hemmend entgegenstellte, zerbrach sie mit elementarer Gewalt und aus dem nahen Walde schallte wie Gewehrfeuer das Krachen all' der Bäume, welche der Sturm zerbrach. Ein furchtbares Gewitter zog auf; grelle Blitze erhellten die Nacht und furchtbar rollte der Donner Schlag auf Schlag, alles erweckend, was nicht in eisernem Schlummer gefangen lag. Nach und nach erhellten sich die Wohnungen, die Dorfbewohner erhoben sich von ihrem Lager, um wachend das Ende des Wetters abzuwarten; laut brüllte das Vieh in den Ställen und zerrte an seinen Ketten, so daß Knechte und Mägde vollauf zu thun hatten, es zu beruhigen. Auch Benjamin hatte sich erhoben, die Dienstboten geweckt und sein ganzes Haus revidirt. Rahe! saß in ihrem Schlafzimmer und blickte in die dunkle Nacht hinaus. Sie wußte, daß ihr Vater für Haus und Hof besorgt sein würde und ihr Gottvertrauen bannte jede Furcht aus ihrem Herzen. Was den Anderen Scheu und Schrecken einjagte, sie mit Zagen und Bangen erfüllte, riß sie zur Bewunderung der Allmacht und Majestät Gottes hin; wo Andere aus Furcht zitterten und bebten, stand sie andachtsvoll da und betete den an, aus dessen Händen alles kommt, das Gute wie das Böse, das Glück wie das Unglück. Furchtlos saß sie an einem kleinen Tische, ein Gebetbuch, aus dem sie einige Gebete laut gebetet hatte, lag vor ihr; sinnend blickte sie nun hinaus in den Sturm, und als ein Windstoß nun das Fenster aufstieß und das Licht verlöschte, blieb sie im Dunkeln sitzen. Sie hatte schon einmal solche Gewitter- und Sturmnacht erlebt; es war vor drei Jahren; sie dachte jetzt daran und lebendig steht jene Nacht vor drei Jahren vor ihrer Seele, jene Nacht, da sie in Sturm und Wetter einem Manne ihre Liebe geschenkt, ihm ewige Treue gelobt hatte. Jene Nacht war entscheidend für ihre ganze Zukunft gewesen und hatte die träumerische Jungfrau in ein liebendes, zielbewußtes und selbstständiges Weib verwandelt. Und er, dem diese Liebe galt? Ach, er war ein armer, heimathloser Flüchtling mit reichem Wissen und treuem Herzen, dem die Barbarei Heimath und Familie, Geld und Gut geraubt und der in der Fremde ein treues Herz gefunden, welches ihm die Liebe zu ersetzen versprach, die er so früh verloren, die Liebe der Eltern und der Geschwister. Bei ihrem Onkel in M., den Rahel vor drei Jahren besucht, hatte sie ihn kennen und lieben gelernt. Lange, lange hatte der junge Mann gegen diese Liebe gekämpft, da Rahel ihm unerreichbar schien; aber das Schicksal ist mächtiger als wir Menschen und dem, was Gott für ihn bestimmt hat, kann kein Sterblicher entgehen. Rahel hatte mit der Familie ihres Onkels, bei welchem der junge Russe Zuflucht und ein vorläufiges Unterkommen gefunden hatte, einen Ausflug nach der sechs Wegstunden von M. entfernten Ruine L. gemacht. Da man eigenes Fuhrwerk hatte, hatte man sich erst spät am Abend auf den Nachhauseweg begeben und war noch im ersten Viertel des Weges von einem Sturm und einem Gewitter überrascht worden, ähnlich dem, wie jetzt eines tobte. Die Pferde waren scheu geworden, hatten den Wagen zerbrochen und man war gezwungen worden, den weiten Weg zu Fuß zurückzulegen. Erst gegen Morgen erreichte man M. Auf diesem nächtlichen Spaziergange hatten sie sich gegenseitig ihre Liebe gestanden, und ewige Treue gelobt. „Unter Donner und,Blitz fand einst die Offenbarung auf Sinai statt," hatte er gesagt, „unter Donner und Blitz ist uns die Offenbarung unserer Liebe geworden. Wie jene Worte am Sinai ewig und unvergänglich sind, so soll auch unsere Liebe ewig und unvergänglich sein, bis über das Grab hinaus währen!" „Ja, ich will Dich lieben," hatte sie erwiedert, „wie es bei unserem Volke Sitte ist, rein und treu." Lange waren sie dann wortlos neben einander hergegangen, Hand in Hand. In ihren Herzen hallten ihre Worte wieder und ihre Seelen fanden sich in einem Gedanken. „Wie darf ich armer, heimathloser Flüchtling vor Deinen Vater treten, meine Geliebte," hatte er alsdann gesagt, „um Deine Hand von ihm zu erbitten? Das, was ich besitze, sind meine Kenntnisse und diese, Geliebte, kann man nicht auf den Tisch zählen." „Auch ich habe in dieser Hinsicht vor meinem Vater Angst. Nie wird er einwilligen, daß ich einen Mann heirathe, der meine Zukunft nicht sicher stellen kann, und er hat nicht Unrecht. Aber wir beide sind noch jung; mit Deinen Kenntnissen kann es Dir nicht allzuschwer fallen, Dir eine Stellung und auskömmliche Existenz zu verschaffen. Ist Dir dieses gelungen, so erwarte ich Dich in unserem Hause; mein Vater wird Dir alsdann Deinen Wunsch nicht versagen." „Und Du, wirst Du auf mich warten? Wirst Du mir treu bleiben?" „Ich bleibe Dir treu und solltest Du noch so lange zögern. Jedoch einmal jährlich erwarte ich Brief von Dir; an meinem Geburtstage sollst Du mir jedesmal Deine Hoffnungen und Erfolge mittheilen, mir von Deinen Plänen für die Zukunft berichten. Willst Du also thun?"

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