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Der Israelit · 1893-04-17 · Heft 31 (17.4.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 31 (17.4.1893)
Date
1893-04-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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584 edlen Wettstreit für die höchsten Güter der Menschheit handelt, so ist es der Flügelschlag jenes Geistes, der aus der Lebensauffassung spricht, die den Werth der geistigen Güter höher schätzt, als den Erwerb der zeitlichen. Es ist leider auch in diesem Punkte vieles bei uns anders geworden. Die Strömung der Zeit hat auch uns in ihren Strudel gerissen und prägt ihre Signatur auch ihren jüdischen Kindern auf. Auf ihrer Tagesordnung stehen die sogenannten „socialen Fragen" oben an und absorbiren alles Interesse. Und doch ist das, was man die sociale Frage nennt, ein Streit um lediglich materielle Interessen, ist vielleicht nichts als eine Magenfrage, die zur Stunde alles beherrscht. Das ganze Dasein erscheint als ein Kampf ums Dasein und es ist nicht zu leugnen, daß er für die jüdischen Menschen besonders heiß wird und immer erbitterter zu werden droht. So sehr es auch zu erklären ist, wenn in dieser Confusion viele von uns unseren erprobten Idealen den Rücken kehren und den Tagesgötzen ihren Tribut zollen, so bleibt das ganze doch eine beklagenswerthe, verhängnißvolle Verirrung, die bereits solche Dimensionen angenommen hat, daß man die alte Mahnung: „Schränke das Geschäft ein und beschäftige dich mit der Thora" als eine überspannte Zumuthung von sich weist, und ein gewisser Muth dazu gehört, ihr heute noch das Wort zu reden. Und doch hat es sich bereits bitter gerächt, daß diese Mahnung nur noch so geringe Beherzigung findet und doch würde es vielleicht besser um unsere gefährdete sociale Stellung stehen, wenn wir jener alten Weisung noch heute und vielleicht heute mehr als je, die gebührende Würdigung entgegen zu bringen uns entschlössen. (Fortsetzung folgt.) Die Vorgänge in Kolm. Prag, 13. April. Blättermeldungen aus Kolin zufolge begeht die dortige Bevölkerung seit vorgestern Ausschreitungen gegen die Juden in Folge des Gerüchts von einem Ritualmord, veranlaßt durch den konstatirten Selbstmord einer Frauensperson, deren Leiche aus der Elbe gezogen wurde. Gensdarmerie und Polizei schützen energisch die Juden. Wien, 13. April. In Kolin erneuerten sich heute die Exzesse gegen die Juden. Läden der Juden auf dem Ringplatze wurde geplündert. — Es sind bereits 200 Mann Militär aus Kuttenberg eingetrossen, wodurch weitere Exzesse wohl verhütet werden dürsten. Seit Wochen schon treiben die Antisemiten hier ihr Wesen mit Flugschriften: „Kauft nicht bei Juden l" und dergleichen, obgleich die hiesigen jüdischen Kaufleute in durchaus bescheidenen Verhältnissen leben. Zur Beruhigung der Volksunruhen wurde die Obduktion der Selbstmörderin vor vielen Zeugen, darunter dem Bürgermeister und Abgeordneten Dr. Syl vorgenommen, wobei keinerlei Spur von Gewalt, sondern zweifellos Selbstmord, Tod durch Erstickung festgestellt wurde. Doktor Syl erklärte in czechischer Sprache den Leuten: „Es ist nichts, Ihr könnt ruhig sein;" aber vergebens. Es erschollen Rufe: Die Kommission und auch der Dechant seien von den Juden bestochen. Bei dem Zusammenstoß asststirte der Bürgermeister der kleinen Stcherheitsrruppe, die viele Verhaftungen vornahm. Es kamen schwere Verletzungen, aber keine lebensgefährlichen vor. Die Exzedenten gehören den untersten Volksschichten an. Eine Tante der Selbstmörderin, die sich an der Spitze der Menge befand, verlangte, die Leiche solle nochmals exhumirt werden. Wien, 15. Aprile Unter den in Kolin verhafteten Excedenten befindet sich der Administrator des Jungczechen-Blattes „Polaban". Gegen den Redacteur Hejnic, dem die Schuld an der ganzen Bewegung betgemessen wird, wurde Untersuchung wegen Verbrechens der Aufreizung und Vergehens der Verbreitung falscher Nachrichten eingelettet. Kolin, 14. April. Die zweite Tante der Selbstmörderin hat heute vor Gericht deponirt, daß das Mädchen, dessen Selbstmord bekanntlich den äußeren Anlaß zu den Exceffen gegen die Juden gegeben hat, schon einige Wochen vor dem Selbstmord melancholisch gewesen sei und erklärt habe, sich in die Elbe stürzen zu wollen. Prag, 14. April. Ueber die antisemitischen Straßen-Exzesse in Kolin bringen österreichische Blätter jetzt eine Darstellung, der wir zur Ergänzung der Berichte Folgendes entnehmen: Vor einigen Tagen wurde die Leiche eines Dienstmädchens, Namens Marie Hawlin, aus der Elbe gezogen, welches man seit 2. März vermißt hatte. Seit dem Verschwinden des Mädchens, welches bei einem Herrn Brett bedienstet war, war unter dem Volke das Gerücht entstanden, daß die Hawlin als rituelles Opfer getödtet worden sei. Dieses Gerücht fand auch in dem jung-czechisch-antisemitischen Lokalblatte Kolins „Polaban" Verbreitung. Dieses Blatt brachte nach Auffindung der Leiche die mit fetten Lettern gedruckte Nachricht, daß an dem Leichnam Spuren von Stichwunden, die mittelst eines spitzen Instruments betgebracht wurden, bemerkbar seien, so daß ein Selbstmord ausgeschlossen wäre. Nachmittags wurde der Leichnam von dem städtischen Arzte Reichsrathsabgeordneten Dr. Sil obduzirt, welcher konstatirte, daß an der Leiche nicht die geringste Spur aufzufinden ist, welche auf einen gewaltsamen Tod schließen lassen

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