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Der Israelit · 1893-04-13 · Heft 30 (13.4.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 30 (13.4.1893)
Date
1893-04-13
Page
– (sequence 10)
Language
German
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!MWWWMW^WPMWW 566 Molka Chalzhin lebte seit drei Jahren als Weißnäherin in Moskau; von ihrem Verdienste sendete sie monatlich zehn Rubel ihrer ferner Mutter. Als sie die Austreibungsordre empfing, befand sie sich vor der Alternative, entweder ein „gelbes Billet" zu nehmen und als geduldete Prostituirte in Moskau zu bleiben oder in das „Territorium" zurückzukehren, wo sie keine Aussicht auf Erwerb hatte. Sie irrte mehrere Nächte durch die Gassen, dann stürzte sie sich in die Moskwa, wurde aber gerettet und mußte, von mehreren Moskauer Damen mit Reisegeld versehen, in die Heimat zurück. Indessen erstreckte sich die Austreibung nicht etwa blos auf Handwerker und Arbeiter, auch sehr wohlhabende, an der Spitze großer Geschäfte stehende Individuen, wenn sie Jahrzehnte bereits im Innern Rußlands gelebt hatten oder von Zugewanderten aus dem „Territorium" abstammten, wurden nicht geschont, nur daß ihnen aus Rücksicht auf den allgemeinen Geschäftsgang längere Fristen gewährt wurden. Daß dabei erworbene Rechte oder gesetzliche Hindernisse nicht respectirt wurden, kann man sich denken. Der Commissär Weber fand bei dem Besuche eines Gefängnisses, der ihm amtlich verweigert, aber auf bekanntem Umwege gestattet wurde eine Jüdin aus Mohilew; sie hatte als Köchin das Recht, in Moskau zu wohnen, und dasselbe war auf ihrem Passe ausdrücklich bestätigt. Als der Termin zur Erneuerung des Passes kam, ging sie zur Polizei, dort wurde ihr der Paß abgenommen, aber nicht wieder herausgegeben; sie selbst aber wurde, weil paßlos, ins Gefängniß geworfen. Dasselbe Schicksal widerfuhr einem fünfzehnjährigen Knaben, der in Moskau geboren und dessen Aufenthaltsrecht auf dem Paffe seines Vaters bestätigt war. Der Vater war auf einige Tage verreist, und sofort wurde der Knabe als paßlos ergriffen und zur „etappenweisen" Verschickung in das „Territorium", woher sein Vater stammte, verurtheilt. Ein Vater von sieben Kindern sucht der Austreibung nach Kiew zu entgehen, indem er zur orthodoxen Kirche Übertritt; aber nach wenigen Monaten wird ihm erklärt, er könne selbst zwar in Moskau bleiben, doch Gattin und Kinder müßten in das „Territorium" zurück. So wurden unzählbare Existenzen systematisch ruinirt; Leute, welche Hunderttausende von Rubeln besaßen, mußten rasch ihren Besitz liquidiren und kamen auf der Flucht nach dem Auslande nicht mit dem zehnten Theile ihres Vermögens in die Fremde. Aber auch das Recht ehemaliger Soldaten, die sich im Felde ausgezeichnet hatten und zum Aufenthalte im Innern Rußlands privilegtrt waren, wurde ignorirt Ein Veteran von Plevna, der verwundet nach Mttau gekommen, wurde nach Kowno ausgewiesen, wo er „eingeschrieben" war. ein Veteran von Achal-Teke, dem ein Bein im Kriege weggeschossen war, mußte betteln, um sich das Geld zur Fahrt in das „Territorium" zu verschaffen. Der Bericht der beiden amerikanischen Commissäre producirt Hunderte solcher Thatsachen, und alle sind actenmäßig beglaubigt. Aber er bleibt dabei nicht stehen. Die Cnmmissäre haben sich in dem „Territorium" selbst umgesehen, um sich darüber zu vergewissern, daß die Austreibung in das „Territorium" für die Meisten, welche von ihr betroffen werden, und für dieses selbst den sicheren Ruin bedeutet. Sie schildern die Armuth und das Elend in Minsk und W'.lna, um darzuthun, wie berechnet und methodisch die Grausamkeit ist, die Juden, welche im Innern Rußlands einen Erwerb gefunden haben, in die Noth des „Territoriums" zurückzutreiben, wo sie verhungern müssen. Und sie geben der Überzeugung Ausdruck, daß auch die Juden im „Territorium" auf die Dauer von dem Schicksale der Austreibung nicht verschont bleiben werden. Sie sagen: „So viel wir aus der Gesammtheit der Thatsachen zu schließen im Stande sind, scheint es uns, daß der Ursprung dieser Verfolgungen hauptsächlich auf religiösen Fanatismus und thetlweise aucb auf ökonomische Gründe zurückgeführt wurde. Wenn man jedoch die Zahl der Nichtjuden erwägt, welche aus Rußland nach Amerika kommen und nicht der orthodoxen Kirche angehören, die Deutschen, Stundisten, Mennoniten u. s. tu., so sind wir geneigt zu glauben, daß diese Verfolgung fast einzig, wenn nicht ausschließlich, religiösen Ursprunges ist." Und weiter berichten die beiden Commtssäre über eine Unterhaltung, welche sie in Warschau mit dem bekannten Statistiker Bloch über die Judenaustrcibungen gehabt haben. Staatsrath Bloch ist nicht Jude, er ist mit einem Werke über die russischen Juden beschäftigt. Er hat dasselbe begonnen in dem Glauben, daß die Statistlk die Juden im ungünstigen Lichte zeigen und die Maßregeln der russischen Regierung rechtfertigten werde; aber im Fortgange seiner Arbeit ist er zu dem entgegengesetzten Resultate gelangt, und er hofft, auf den Ezar, wenn er demselben sein vollendetes Werk überreicht haben werde, im Sinne einer Milderung einzuwirken. Bloch ist überzeugt, daß die commerziellen Interessen Rußlands von den jüd sehen Unternehmungen abhängen, und daß die Verfolgung der Juden im tnnern Rußland und im „Territorium" ein verhängnißvolles Resultat für Rußland haben werde. Dem schrecklichen Eulturbilde, welches der amerikanische Bericht mit echt Yankeehafter Gegenständlichkeit entwirft, schließt sich eine politische Nutzanwendung an. Diese verdient, wörtlich citirt

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