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Der Israelit · 1893-04-13 · Heft 30 (13.4.1893) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 30 (13.4.1893)
Date
1893-04-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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500 „Wer die Thora aus Armuth erfüllt, wird ste auch aus Reichthum erfüllen, wer sie aber aus Reichthum vernachlässigt, wird sie noch aus Armuth vernachlässigend!" (Fortsetzung folgt.) Zeitrrugsrrachrichte» und Correspondeuzen. Deutschland. Soldin, 3. April. Die Antisemiten haben sich hier förmlich eingenistet, die Niederlage, die sie in den Wahlkreisen Pr. Stargart und Liegnitz erlitten, suchen sie dadurch zu verschmerzen, indem sie ihren ganzen Apparat in Bewegung setzen, um den Wahlkreis Landsberg-Soldin für sich zu gewinnen. In einem Zeitraum von ca. 6 Wochen haben hier drei antisemitische Versammlungen ftattgefunden. Zu der am 18. v. Mts. stattgehabten Versammlung haben die Antisemiten den bekannten Reich i tagsabg. Wtlh. Pickenbach berufen. In seinem von den gröbsten Beleidigungen gegen die Juden strotzenden Vortrag, führte Redner u. A. aus: Die Zukunft gehört uns; die christliche Jugend auf den Universitäten jubelt uns zu, selbst Minister zittern vor uns. An den Diskussionen betheiligte sich zunächst der Sozialdemokrat Pätzel-Berlin. Derselbe wirft den Antisemiten Verhetzung des Volkes vor. Der Redner nahm dann das Judenthum in Schutz, bemerkt, daß das Kapital sich nicht allein in Judenhänden, sondern auch in Christenhänden befindet, und daß die Arbeiter von Urgermanen ebenso schlecht bezahlt würden wie von den Juden. Als zweiter Redner sprach Herr Rittergutsbesitzer Karbe- Adamsdorf. Er erklärt, ein konservativer Mann zu sein, wünscht den Antisemitismus nicht in unserm Wahlkreise und hat die Ueberzeugung, daß der Prozentsatz der ehrlichen Juden ebenso groß ist, wie bei den Christen, wirft aber den Juden Scheu vor Handarbeit vor und verstand es auch, von christlich-religiösem Standpunkt aus, ihnen einen wuchtigen Hieb zu versetzen. Als letzten Redner erhielt der Cantor Goldmann-Soldin das Wort, der Folgendes sprach: Meine Herren! Ich will es mir nicht verhehlen, daß ich heute einem größeren und weit überlegneren Gegner gegenüber stehe, als in der ersten Antisemiten-Versammlung; stellt mau aber der Rede Pickenbachs die des Werner entgegen, so kommt man zu der Ueberzeugung, daß, wenn diese Reden auch in ihren äußeren Formen auseinandergehen, ihr Kern- und Zielpunkt bleibt ein- und derselbe: hie Haß und Zwietracht, hie Hetze und Verfolgungssucht. Diese Reden sind alle nach einem Muster zugeschnitten, hier mehr, dort weniger gehetzt, im Großen und Ganzen sind sie alle über einen Kamm geschoren. Die Führer der antisemitischen Partei predigen den Antisemitismus ihres eigenen Vortheils halber, sie wollen nur ein Geschäft damit machen: Werner hat hier seine antisemitische Zeitung. Stock seine Flugblätter an Mann gebracht und auch Herr Pickenbach wird wissen, wo er bleibt. Dm besten Beweis hat uns Ahlwardt gezeigt. Als bei seiner jüngsten Anwesenheit in Arnswalde seine Getreuen ihm wohl eine große Ovation entgegengebracht, während er mit denselben leeren Taschen ging, w!e er kam, da schoß ein guter Gedanke in seinem Gehern: er geht nach Breslau, spricht dort vor einer Versammlung von ca. 1500 Personen, gegen ein Entröe von 75 ä Person und sein — Geschäft war gemacht. Mit diesem Gelde in der Tasche wird er wohl Ruhe und Muße genug haben, um zu seiner angekündigten großen Rede im Reichstage sich vorzubereiten. Ich bin schon recht gespannt darauf, denn mit seiner Jungfernrede im Reichstag kann er wahrhaftig keinen Staat machen. Und gerade diese Leute werfen uns Arbeitsscheu vor, während ihre ganze Thätigkeit darin besteht, von Ort zu Ott herumzureisen, die Gemüther aufzuregen und die Leidenschaft zu entfesseln. Ich komme nun zum Antisemitismus im Allgemeinen. Der Antisemitismus, vornehmlich sein großer (eneralstab, sucht stets sein sündhaftes Treiben mit dem Mantel des Patriotismus zu verdecken, sucht den Patriotismus einzig und allein für sich in Anspruch zu nehmen, als wenn er ihn in Generalpacht hätte. Meine Herren, auch wir haben Anspruch daraus, gute Patrioten genannt zu werden. Wir haben zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit bewiesen, mit welcher unwandelbarer Treue und Hingebung wir zu Kaiser und Reich stehen. Diese Königstreue ist uns nicht nur eigen und angeboren, sondern gerade der von Ihnen, meine Herren Antisemiten, in so schnöder Weise angegriffene Talmud legt uns diese Pflicht auf. Da heißt es: „Die Staatsgesetze seien eben so zu beobachten, wie die Religionsgesetze. Auf einer andern Stelle lehrt uns der Talmud: „Bete stets für die Wohlfahrt der Regierung, denn wenn diese nicht wäre, würde Einer den Anderen lebendig verschlingen." Meine Herren, am Rande des 19. Jahrhunderts, find wir so weit gekommen, von den Antisemiten verschlungen zu werden — wenn nur die Regierung nicht wäre. Meine Herren! Auf die Rede des Herrn P.kenbach näher einzugehen, das würde zu weit fv'iren, zwei Punkte sind es aber, die ich nicht unerurterl lassen möchte: Daß der jüdische Religionsunterricht in hebräischer Sprache ertheilt werde, und daß die Verhältnißzahl der jüdischen Soldaten ein weit geringerer sei, zu der der christlichen. Meine Herren

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