Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1893)
- Date
- 1893-04-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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555 Feuilleton. > Die drei Kronen? Von H. Berger. (Me Rechte Vorbehalten.) (Fortsetzung.) Die Abendmahlzeit war zu Ende; Benjamin hatte, nachdem das Gesinde und die Taglöhner das Zimmer verlassen hatten, das Tischgebet gesprochen und wollte sich gerade, um ein Schläfchen zu machen, in die Sophaecke legen, als die Thüre nochmals geöffnet wurde und ein älterer Taglöhner eintrat. „Nun, was wollt Ihr noch, Huber?" fragte Benjamin. „Ich möchte zehn Mark Vorschuß aus meinen Wochenlohn", versetzte gepreßt der Taglöhner. „Ihr wißt doch, Huber, daß ich das nicht thue", rief Benjamin ärgerlich; „warum kommt Ihr immer wieder damit, daß ich Euch „nein" sagen muß." „Nur diesesmal macht eine Ausnahme", bat der Mann flehentlich. „Ach," erwiederte Benjamin, „immer heißt es nur diesesmal, nur diesesmal. Wenn alsdann die Woche vorüber ist und Ihr bekommt einen um so viel kleineren Lohn, da heißt es, für die paar Pfennige muß ich mich die ganze Woche schinden und plagen. Ihr habt dann jedesmal vergessen, daß Ihr schon einen Theil Eures Lohnes in der Tasche habt. Dadurch gibt es Unzufriedenheit und Verdruß. Nein, Huber, wir wollen gute Freunde bleiben und deßhalb sage ich „nein". „Herr Caro, ich habe noch nie —" „Spart Euere Worte, ich thu' es nicht." Mit thränenden Augen wandte sich der Mann zur Thüre. Er hatte es im Voraus gewußt und hätte sich die Antwort zu hören ersparen können; sein Herr, so meinte er, war eben ein gefühlloser, harter Mann. Betrübt schlich sich der Taglöhner fort. Vor der Thüre kam Rahel zu dem Weinenden heran und fragte: „Nun, Huber, was ist los? Warum weint Ihr?" Er theilte dem jungen Mädchen die Ursache seiner Thränen mit und dieses sagte: „Ja, Huber. Ihr wißt ja, daß mein Vater das nicht thut. Wozu braucht Ihr denn das Geld?" „Mein Sohn, der bei den Dragonern dient, ist vom Gaul gefallen; er liegt im Lazareth und *) Neu eingetretene Abbonnenten erhallen auf Verlangen die Anfänge dieser Erzählung kosten- und portofrei nachgeliefert. hat mir geschrieben, ich solle ihm ein paar Mark schicken, da er sonst verhungern müßte; meine Vronie, die seit vier Wochen in der Stadt dient, haben sie gestern ins Spital gebracht. Sie hat's Scharlach und bittet mich um Geld. Wie kann ich meinen armen Kindern helfen, da Ihr Vater so hart —" „Still, Huber. Mein Vater hat Recht in dem, was er thut. Ich will Euch zehn Mark bis Samstag Abend leihen." „Wollen Sie? O, Sie sind ein Engel; meine Kinder —" „Seien Sie doch ruhig. Hier haben Sie zehn Mark. Samstag Abend, wenn Sie Ihren Lohn bekommen, bringen Sie mir das Geld wieder." Sie nahm ihre Börse, gab dem Taglöhner ein Goldstück und begleitete ihn zur Thüre. Diese wurde in demselben Augenblick geöffnet und der Müller trat ein. „Kann ich Herrn Caro sprechen?" fragte er Rahel in barschem Tone. „Mein Vater schläft ein wenig," antwortete diese, „kann ich nicht ausrichten, was Sie wollen?" „Nein, ich muß ihn in einer wichtigen Angelegenheit sofort sprechen." „Warten Sie einen Augenblick, ich will sehen, ob mein Vater schon schläft", versetzte Rahel; „in diesem Falle müßten Sie sich eine halbe Stunde gedulden, da wir Kinder unsere Eltern nie aus dem Schlafe wecken." Sie öffnete die Thüre des Wohnzimmers und trat leise ein. Benjamin saß noch wachend da; als seine Tochter eintrat, sah er diese fragend an und Rahel sprach: „Vater, der Müller ist draußen und wünscht Dich in einer wichtigen Angelegenheit sofort zu sprechen." Benjamin richtete sich ein wenig auf; ein höhnisches Lächeln umspielte seine schmalen Lippen und er sagte: „Ei, ei, die Sache scheint noch schlimmer zu sein, als ich gedacht habe; der Müller soll hereinkommen." Rahel ging hinaus und kurze Zeit darauf saßen der Müller und Benjamin sich einander gegenüber. „Nun, was bringt Ihr noch so spät?" fragte Benjamin. „Ich möchte gerne wissen," antwortete der Müller zögernd, „wieso mein Wechsel in Eure Hände gekommen ist." „Das ist die so wichtige Angelegenheit, die nicht aufgeschoben werden kann!" spottete der Jude, „nun übermorgen könnt Ihr ganz genau lesen, in weffen Hände der Wechsel gewesen und von wem ich ihn bekommen habe. Es ist ein Jungfern-