Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1893)
- Date
- 1893-04-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448343--36127-2484140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
554 den Staub von seinen Füßen und wandert in einen anderen Bezirk, dessen echt orthodoxe Bewohner von dem versengenden Hauche der fluchwürdigen Ketzerei noch völlig unberührt geblieben sind und ihn freudig willkommen heißen. Ganz anders verfährt der Jude. Er gibt seinen bisherigen Beruf auf und ergreift einen anderen. Da er weiß, daß die Stundlsten eifrige Leser der Bibel sind und sich deren Verbreitung sehr angelegen sein lassen, so wird er sich wahrscheinlich auf den Verkauf russischer Bibeln legen, die in London oder Wien, aber ohne die apoklyphischen Bücher herausgegeben werden, oder er wird ein Mäßigkeits Theehaus eröffclen oder endlich den Stundisten ein Zimmer für ihre geheimen Gebetsverfammlungen vermiethen Und — so paradox es auch scheinen mag — der Jude selbst wird der erste sein, der den veränderten Geschmack seiner Kundschaft willkommen heiß:; denn wie er von Natur alle Gewaltthat und alles Blutvergießen verabscheut, so sind ihm auch die Trunkenbolde zuwider, deren wüstes Betragen in der Schänke oft genug dem Schankwirthe selbst Gefahr bringt.'' Moskau. Das Stadthaupt (Bürgermeister) von hier, Alexejew ist von einem seiner Landsleute schwer verwundet worden und bald darauf gestorben. Es soll sich, wie ein russisches Blatt zuerst behauptete, um einen Akt der Privatrache oder wie jetzt berichtet wird, um die That eines Wahnsinnigen bandeln — mag sein, allein man wird doch gut thun, Näheres über die Beweggründe des Attentäters abzuwankn, denn man darf nicht vergessen, daß Alexejew auch wiederholt den Politiker gespielt hat. Er ist, um es kurz zu sagen, der Typus jenes brutalen und unwissenden Altrussenthums, dessen sich die gegenwärtigen Machthaber in Rußland mit scheinbar so großem Erfolge für ihre Zwecke bedienen. Eine recht traurige Rolle hat dieser Alexejew gespielt, als zu Ostern 1891 vor der Ankunft des neuen Generalgouverneurs, des Großfürsten Ssergei Asixandrowitsch die Massenaustreibung der Juden aus Moskau in grausamster Weise vollzogen wurde. In seinem vortrefflichen, bei Heinemann in London 1892 erschienenen Buche „The Exodus. A study of Israel in Russia" schildert der bekannte amerikanische Schriftsteller Herr Harold Frederic diesen Bürgermeister von Moskau folgendermaßen: „Die ersten Tage des Pasiahfestes im April 1891 werden nie vergessen werden, so lange die Juden sich Rußlands erinnern. Jene Tage sollen einer glücklichen Erfindung des Herrn M. Alexejew ihren unheimlichen Ruf verdanken. Ich sah diesen aufgedunsenen, schwärzlichen, rundköpfigen dickbackigen Barbaren mit dem Admiral Gervais in einer Troika fahren und er sah nicht aus, als wenn er je etwas erfunden hätte. Es ist ein Mann von 45 Jahren, der großen Reichthum und ein großes Handelsgeschäft von seinem Vater ererbt hat. Die Juden legen Gewicht auf die Thatsache, daß seine Mutter eine Griechin war — also einer Raffe angehörte, vor welcher sie eine große Furcht empfinden. Er ist ein ehrgeiziger Demagog, welcher in ostentativer Weise den Gehalt des Bürgermeisters im Betrage von 7000 Rubel unter den Angestellten seines Bureaus vertheilt und selbst jährlich 100,000 bis 120,000 Rubel für Unterhaltungen und städtische Ceremonien ausgibt. Das Jahr 1891 soll ihn 160,000 Rubel (340,000 Mark) gekostet tjabev, ba er alle Offiziere der französischen Flotte von Kronstadt nach Moskau bringen ließ, die Kosten für deren Unterhalt im Haupthotel während vier Tagen bezahlte und dieselben, wie sie gekommen waren, in einem Sonderzuge zurückschickte — alles auf seine eigenen Kosten. Die Thatsache, daß der alte Generalgouverneur (der bekannte Fürst Dolgorukow) stets seinem Chauvinismus eütgegcngetreten war und alles gethan hatte, um den Bürgermeister zu hindern, sich als Herrn von Moskau aufzuspielen, gab Herrn Alexejew den hauptsächlichen Anlaß, sich der Verschwörung gegen den Fürsten Dolgorukow anzuschließen. Aus demselben Grunde wurde er aus einem eifrigen, um nicht zu sagen überlauten Vertheidiger der Juden zur Zeit der Regierung Alexanders II. zu den heftigsten und erbarmungslosesten Judenhetzer im Reiche Alexanders III. Er brannte vor Begierde, sich beim Amtsantritt des Großfürsten Ssergei (des neuen Generalgouverneurs) durch eine ungewöhnlichere Tortur der Juden auszuzeichnen, als sie vorher einem anderen Anti-Semiten in den Sinn gekommen war. Das Levantiner Blut in ihmveraulaßte ihn zu diesem ungewöhnlich orientalischen Stückchen brutaler Verschmitztheit. Einige Tage vorher war ein kaiserlicher Befehl ergangen, welcher alle Rechte der Juden in Bezug aus ihren Aufenthalt in Moskau, die durch das Gesetz von 1865 jüdischen Handwerkern ertheilt worden waren, abschaffte. Dieses Dekret befand sich in den Händen der Moskauer Behörden schon einige Zeit vor dem Passahfeste. Es war Alcxejews Idee, dieses Dekret einige Zeit zurückzuhalten, um sich dann durch Ausführung desselben ein Vergnügen zu bereiten." So beurtheilt ein Amerikaner, ein durchaus unparteiischer Beobachter, den jetzigen Bürgermeister von Moskau. Es war übrigens derselbe Alerejew, welcher im Sommer 1891 den Befehl gab, daß keine jüdischen Kranken mehr in die städtischen Hospitäler ausgenommen werden dürften! Briefkasten der Expedition. M. H. in Kestrich. Betrag von 10 Mk. empfangen. S. B. in KolozSvar. Betrag empfangen.