Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1893)
- Date
- 1893-04-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Meile Beilage ju M 29 des „Israelit“. Zeituugsnachrichten uad Correspoadeuzea. Rußland. Im Jahre 1891 erschienen in der bekannten enalischen Monatsschrift „Fortnightly Review" eine Reihe von Artikeln, welche die Zustände in Rußland behandelten und weitgehende Beachtung fanden, weil sie offenbar von einem mit jenen Verhältnissen genau bekannten Manne stammten. Eine Anzahl dieser Artikel erschien bereits im Sommer vorigen Jahres in deutscher Uebersetzung im Verlage von L. Ehlermann in Dresden unter dem Titel: „Russische Zustände von E. B. Lanin. Aus dem Englischen von Rudolf Dielitz." Soeben ist unter demselben Titel und in demselben Verlage der zweite Band erschienen, welcher in 5 Artikeln Armenien, die Sittlichkeit im Verkehr des Geschlechtes, Rußlands Finanzen und die fortwährende Zunahme des aus die Bauern geübten Steuerdrucks, Finland, die Juden in Rußland und in einem Anhänge die Hungersnöthe bis zum Januar 1892 behandelt. Dieselben Vorzüge, welche an der ersten Serie von Artikeln hervorgehoben werden konnten, finden sich auch hier wieder: eine genaue Kenntniß der Verhältnisse und eine fließende, anregende Darstellung. Einem etwaigen Vorwurfe, daß er, der Fremde, die Zustände nicht genügend kenne und zu pessimistisch ansehe, kann der Verfasser mit dem Hinweise darauf überzeugend entgegentreten, daß seine Schilderungen und Behauptungen sich in den wesentlichsten Fragen aus Selbstzeugnisse der Russen stützen. Von ungewöhnlichem Interesse in dem vorliegenden zweiten Bande des Lantn'schen Werkes sind die Artikel über die Sittlichkeit im Verkehr der Geschlechter und über die Juden in Rußland. In Betreff des erst erwähnten Gegenstandes stimmt Herr Lanin mit den Aufzeichnungen Victor Hehns, mit den Schilderungen des Grafen Tolstoi, des Herrn G. Uspensky A. Terptgotjew, A. Tschekow und mancher Anderen, welche ebensowohl die russische „Gesellschaft" wie den Bauern kennen, so vollständig überein, daß an der Richtigkeit dieser Darstellungen nicht zu zweifeln ist. Sie lassen sich zusammenfassen in die Behauptungen eines angesehenen, russischen Patrioten, des Herrn Nekjudow, welcher von seinen Landsleuten schreibt: „Wir können sicher annehmen, daß wenn das Gesetz Ausschweifungen, außerehellchesZusammenleben und Ehebruch bestrafte, auf der Richterbank nur Knaben, alle übrigen aber aus der Anklagebank sitzen würden." In starkem Gegensätze zu den in diesem Kapitel vorgeführten Bildern steht die Schilderung, welche Herr Lanin von den Juden in! Rußland entwirft, indessen wird ihm Jeder, der mit den Verhältnissen bekannt ist, zugeben müssen, daß er der Wahrheit keinen Zwang anthut. In überzeugender Weise legt der Verfasser dar, wie die seit Nikolai I. erlassenen unsinnigen und sich widersprechenden Gesetze eine Umgehung derselben unvermeidlich gemacht haben, wie man zuerst den jüdische» Handwerkern durch Gesetz gestattete, sich auch außerhalb des sog. Judenrayons anzusiedeln, wie sie dort wohlthätig wirkten, auch von der Bevölkerung willkommen geheißen wurden und wie sie dann unter dem jetzigen Regiment, allen früheren Gesetzen und Zusagen zum Trotz vertrieben und in's Elend gestürzt worden sind. „Hätte Kaiser Alexander II. noch ein Jahr länger gelebt", schreibt Herr Lanin, „so würde höchst wahrscheinlich in Rußland heute keine jüdische Frage mehr existiren, denn die Emanzipation dieses Volkes bildete einen Punkt in der Verfassung, die zu gewähren der Kaiser bereits eingewilligt hatte". Von seinem Sohne und Nachfolger glaube man zu wissen, daß er eine starke Abneigung gegen alle Bekenner des mosaischen Gesetzes hege. Ein Vorwurf, der ziemlich allgemein gegen die Juden in Rußland erhoben wird, ist, daß sie als Schanken-Jnhaber die Trunksucht befördern. Herr Lanin weist nun aber nach, daß es in den Gouvernements und Bezirken, wo die Juden gar nicht wohnen dürfen, unvergleichlich viel mehr Trunkenbolde gibt und von trunkenen Männern und Weibern viel mehr Verbrechen begangen werden, als innerhalb der Grenzen des Judenrayons. Daß so viele Juden als Branntweinschänker ihren Lebensunterhalt erwerben, ist nach Lanin einfach dadurch zu erklären, daß ihnen so zahlreiche andere Berufe verschlossen sind. Jedenfalls ist es nicht der Jude gewesen, der den Russen zu einem unverbesserlichen Trunkenbold gemacht hat. Schon Rußlands erster christlicher Herrscher, der heilige Wladimir, pries es vor allem Volke als einen schönen Zug des Russen, daß er sich gern einen Rausch antrinke und seine Nachfolger sind eifrig bemüht gewesen, diese Leidenschaft zu fördern, um aus dem reichlichen Verbrauche von Wodka gute Einnahme zu erzielen. Es ist sehr bezeichnend, daß die Volksstimme den Stundismus als „die Ketzeret des Nichttrinkens" bezeichnet, weil die Anhänger jener dem Protestantismus sich nähernden Lehre im Allgemeinen sehr mäßig sind. „Der christliche Schankwirth," so schreibt Herr Lanin, „der recht gut weiß, daß der Kampf mit den Sekttrern von vornherein ein vergeblicher ist, denunzirt sie der Behörde als „politisch Unzufriedene", schnürt sein Bündel, schüttelt