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Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 34

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 34)
Language
German
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832 trittst; nur wenige Muuten noch hast du Zeit. Wo hast du das Kind gestohlen?" Aengstlich blickte der Räuber um sich, dann sagte er mit matter Stimme. „In L." (er nannte den Namen einer polnischen Stadt). „Und wie hieß der Vater und was geschah mit ihm?" „Der Vater wurde erschlagen, die Mutter erdrosselt, das Hans beraubt und den kleinen Knaben nahm Pater Eusebius. Er — wollte ihn — als Buße für den Raub der Kirche zusühren-" „Aber der Name des Mannes, der Name des Kindes?" ries in furchtbarer Ausregung der Wachtmeister. Irre suchten die Augen des Sterbenden im Zimmer umher; der Tod begann schon sein Zerstörungswerk und die Lippen des Räubers schlossen sich im Krampfe. Er wollte sprechen, aber die Zunge war zu schwach . . . . „Uebt Barmherzigkeit und nennet mir den Namen, den Namen des Mannes!" Der Wachtmeister legte sein Ohr an den Mund des Verscheidenden. Wie ein Hauch kam es jetzt über seine Lippen, leise und doch verständlich, so daß das lauschende Ohr des Wachtmeisters es vernehmen konnte: „Mein — einziger — Mord. — — Der Jude Grünfeld.-" Nun sank sein Haupt zurück; noch ein Seufzer, und das Herz stand stille, der Geist war entschwebt. Der Wachtmeister war zuriickgeprallt und hatte sich, blaß wie die vor ihm liegende Leiche auf einen Stuhl fallen lassen. Der Sterbende hatte seinen Namen genannt; unzweifelhaft, er war das geraubte Kind, das man zur Sühne für den Raub der Kirche gewidmet hatte. Seine Eltern waren Juden gewesen und die Erinnerungen, die heute Abend seine Seele in Aufruhr versetzt hatten, waren die Erlebnisse seiner ersten Kindheit. War das nicht ein Fingerzeig der Vorsehung? Obschon getauft und im christlichen Glauben erzogen, fühlte er sich doch als Jude, und war es nun nicht seine Pflicht, jetzt, da er wußte, welchen Stammes er war, zur Religion seiner Eltern zurückzukehren? Eine Menge von Gedanken durchflutete sein Gehirn, ohne daß ihm einer davon so recht zum Bewußtsein kam. Wie lange er so dagesessen, wußte er nicht. Erst die Melodie eines von Pinchas und den Seinen gesungenen Liedes weckte ihn aus seinem Träumen. Fremd blickte er um sich. Die Leiche des Räubers war fort und friedlich saßen Pinchas und die Seinen am Tische und beendeten die Vorträge aus der Hagada. „Erbau', erbau dein Haus alsbald" erklang es in süßer Melodie von den Lippen der glücklich der Lebensgefahr enttonnenen Bewohner des einsamen Hauses. Wie ein Schlaftrunkener erhob sich der Wachtmeister und ging hinab in den Hof, woselbst ihn das rasende Gebell der beiden Wolfshunde empfing und ihn bewog umzukehren. Der Morgen begann zu grauen. Pinchas und die Seinen waren wie die Landjäger nicht mehr zu Bette gegangen, sondern sie hatten sich um die Verwundeten bekiimmert^und dafür gesorgt, daß die Leichen in einen Raum untergebracht wurden, woselbst sie bleiben konnten, bis die Behörde sie holen ließ. Als der Wachtmeister sich verabschiedete, drückte er Pinchas wiederholt die Hände und sagte: „Die verflossene Nacht ist die wichtigste meines Lebens. Sie hat mir zur rechten Zeit die Augen geöffnet und mir vorgeschrieben, was ich thun muß. Denn gestohlen wurde ich als Kind aus dem Hause meiner Eltern, ohne meinen Willen wurde ich dem Glauben meiner Väter entfremdet und stehe als Abtrünniger bei denen, die eines Stammes mit mir sind." „Ich verstehe nicht, Herr" — sagte Pinchas- „Danken Sie Gott, daß Sie mich nicht verstehen, denn das Verbrechen, das an mir begangen wurde, ist so unerhört, daß der gewöhnliche Menschenverstand es nicht begreifen kann. Soviel sei Ihnen mitgetheilt: Ich bin von Geburt ein Jude und andersgläubiger Fanatismus hat mich im fremden Glauben erzogen, bis die heutige Nacht Licht und Klarheit in meine Seele brachte und den Entschluß in mir reifte, zurückzukehren zu dem Glauben meiner Väter." „Die heutige Nacht ist die Ueberschreitungsnacht —" „Auch mir ist sie zur Ueberschreitungsnacht geworden. Ueberschritten habe ich die Kluft, die mich von meinen Stamm- und Glaubensgenossen trennte. Als Jude bin ich geboren, als Jude werde ich sterben und Gott wird mir beistehen meinen Entschluß auszuführen. Uebers Jahr lade ich mich wiederum zur Feier der Ueberschreitungsnacht ein und dann hoffe ich, daß diese Feier ungestört verlaufe und ich die heiligen Gesänge verstehen und mitsingen kann. Lebt wohl! Grüßt Eure Damen, auf Wiedersehen im nächsten Jahre." Die Gefangenen in der Mitte entfernte sich der Zug. Lange blickte Pinchas ihm nach, dann ging er seinem Hause zu, indeß seine Lippen murmelten: „hoscbato hocho, leschonoh habooh bearoh dejisroe), hoschato awdei leschonob habooh b’ne'i chorin.“ *) — — — Und der Wachtmeister hielt Wort. Jedes Jahr mit dem Ueberschreitungsfeste stellte er sich ein und feierte das Fest in der Familie des Pinchas, der ihn als seinen Retter liebte und achtete. Aber auch noch ein anderes Herz war ihm in Liebe zugethan und zählte stets die Tage, bis das Pesachfest und mit ihm der Geliebte erschien. Und als der corsische Löwe auf dem fernen Eilande brüllend seine Fesseln schüttelte, als das geknechtete Europa im Genuß der selbst erkämpften Freiheit aufatmete, da zog der Wachtmeister in das einsame Haus ein, ehe das Ueberschreitungsfest gekommen. Dina war sein Weib geworden und er lebte glücklich an ihrer Seite. Selbstredend lebten fie ganz in dem Geiste und nach den Lehren des Judenthums. *) Jetzt sind wir hier, im kommenden Jahr im Lande Israels, jetzt sind wir geknechtet, im kommenden Jahre aber frei. Berantwortliche Redaetion: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz.

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