Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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531 Oder war cs nicht ein Wunder, das; der Heeresstrom, der an ihnen vorbeigezogen war, sie nicht verschlungen und vernichtet hattet War es nicht ein Wunder, das; die fliehenden, jeder Manneszucht entbehrenden Hecreshaufen, sie von Plünderung und jeder Kriegseontribution verschont und die gewaltthätigen feindlichen Truppen das, was sie ihnen geliefert, bezahlt und nicht geraubt haltend War cs nicht ein Wunder, das; sie, die so einsam außerhalb jedes menschlichen Verkehrs lebten, von den Leiden und Drangsalen des schrecklichen Krieges nicht heimgesucht wurden, der Krieg ihnen im Gegentheil Gewinn gebracht Hatted Ja, hätte Gott sie nur am Leben erhalten inmitten des großen allgemeinen Sterbens, es wäre Wunder genug gewesen. Al achas kamo wekamo towo urachupeles hamokaum olenu tönte es voll Dankbarkeit über ihre Lippen und die Gebete, in denen wir Gottes Lob und Preis verkünden, stiegen ans tiefstem Herzen znrn Allvater empor. — Der erste Theil der Hagada war beendet. Wie aus einem Traume schreckte der Wachtmeister empor, als ihn jetzt Pinchas anredete und ihn zur Theilnahme an dem Abendmahl einlud. Er dankte zerstreut und entschuldigte sich; da er zu müde sei, wolle er sein Lager anfsuchen. Er sah bleich und aufgeregt aus und Pinchas entließ ihn, indem er ihm eine „gute Nacht" wünschte. Der Wachtmeister suchte sein Bett auf und legte sich angekleidet auf dasselbe. Er schloß jedoch kein Auge. Der heutige Abend hatte Bilder aus seiner ersten Kindheit in ihm wach gerufen, die ihn keine Ruhe finden ließen. Wenn seine Eltern Juden waren, wieso war er in dem christlichen Glauben erzogen mordend War er dann nicht auch Juded Trug er denn nicht das Zeichen des Bundes an seinem Körper d Hatten seine Eltern ihn taufen lassend Sicher nicht und erst am heutigen Abend war die Erinnerung an dieselben in ihm aufgestiegen. Er sann und sann. Wer konnte ihm das Rärhsel seines Lebens lösen, auf alle diese^Fragen Antwort gebend Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme. Bon jeher fühlte er sich zu den Juden hingezogen und verkehrte gern mit denselben. War das nicht die Stimme der Natur, die unbewußt in ihm gesprochen hatte und die ihm jetzt laut zurief: „Kehre zurück zu den Deinen." Unruhig warf er sich auf seinem Lager herum und dachte nach über die Lösung der Frage jeines Lebens. Pinchas hatte inzwischen mit den Seinen das Mahl eingenommen und hatte dann den Seder fortgesetzt. Mit lauter Stimme hatte er gerufen l’schonoh habooh bi jeruscholajim, *) als laut an das Hofthor gepocht wurde und die beiden Hunde in ein fürchterliches Geheul und Gekläff ausbrachen und wie wild an dem Thore in die Höhe sprangen. Von außen wurde laut gerufen: „Aufgemacht, Jude, oder wir setzen Dir den rothen Hahn auf das Dach!" Der Knecht war alsbald auf dem Hofe und orientirte sich, wer draußen sei. Durch eine Spalte in der Mauer erkannte er zehn bis zwölf bis an die Zähne" bewaffnete Reiter und zitternd und bebend eilte er zu seinem Herrn. *) Im kommenden Jahre in Jerusalem. „Herr! Herr! Die Räuber sind unten. Zehn Mann bis an die Zähne bewaffnet; sie begehren Einlaß und drohen das Haus anzuzünden." — Während sich der Frauen ein lähmender Schreck bemächtigt hatte, der sie jammernd im Zimmer fest hielt, war Pinchas hinabgeeilt, um die Landjäger zu wecken. Schon am Fuße der Treppe begegnete ihm der Wachtmeister und als er erfuhr, was der Lärm bedeute, ging es wie Wetterleuchten überfein Antlitz. Ereilte zu seinen Landjägern, ließ die Pferde satteln und die Jäger rasch aufsitzen, dann hieß er den Knecht das Thor öffnen. Die vor dem Thore Harrenden wurden immer ungeduldiger. Als sie endlich den Knecht an dem Thore hantiren hörten, riefen sie: „Warte, alter Rabe, wir wollen Dir flinkere Beine machen, wenn wir drinnen sind. Kette aber zuerst die Hunde an, die Bestien könnten uns unangenehm werden." Es dauerte einige Minuten bis der Knecht die Hunde beruhigt hatte. Dann öffnete er das Thor. Vorsichtig ritten die Räuber in den Hof. Da erscholl der Ruf des Wachtmeisters: Thor zu! und mit donnerähnlichem Knall flog das Thor zu und versperrte den Räubern den Weg zur Flucht. Kaum hatten diese die Falle gernerkt, in die sie ahnungslos gerathen waren, da entspann sich ein verzweifelter Kampf zwischen den Räubern und den Landjägern, der mit der Niederlage und Gefangennahme der ersteren endete. Drei von ihnen lagen mit zerschmettertem Schädel todt im Hofe, und während vier andere schwer verwundet sich in ihrem Blute wälzten, ergaben sich die übrigen auf Gnade und Ungnade. Sie wurden gefesselt in einem Magazin umergcbracht, während die Verwundeten ins Gastzimmer getragen und ihnen ein Nothverband angelegt wurde. Auch von den Landjägern waren zwei verwundet, so das; nicht alle in dem großen Parterrezimmer untergebracht werden konnten. Den Anführer der Räuber trug man, da er sehr schwer verwundet war, in das Zimmer im ersten Stock, wo Pinchas und die Seinen zitternd den Ausgang des Kampfes erwartet hatten. Menschenfreundlich selbst gegen den Feind zu fein gebietet das Judenthum, und so bemühten sich Pinchas und die Seinen eifrig um den Schwerverwundeten. Er hatte nur uoch Minuten zu leben; das sah man ihm an. Rastlos irrte sein Blick im Zimmer umher und blieb endlich am Sedcrtifche haften. Entsetzen prägte sich in seinen Mienen aus und seine Lippen murmelten, unverständliche Worte. Da trat der Wachtmeister ins Zimmer und beugte sich über den Sterbenden. Als dieser in das Antlitz des Wachtmeisters sah, schrie er laut auf: „Werden die Todten lebendig! fort, fort, dein Knabe ist wohl aufgehoben. Tie Schwestern vom heiligen Herzen erziehen ihn im alleinseligmachenden Glauben! — Ich habe ihn dem Pater Eusebius unversehrt überliefert." Starr hörte der Wachtmeister die anklagenden Worte des Räubers. Sollte die Vorsehung ihm heute noch das Räthsel seines Lebens lösen und ihn hierhergeführt haben, daß er das erfahre, wonach seine Seele lechzte. Er sah den Räuber ernsthaft an und sprach: „Mensch, entlaste deine Seele, bevor du vor den Rrchterstuhl Gottes