Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
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530 „Heda! Wirth!" rief der Wachtmeister, indem er in die Gaststube trat. Der alte Knecht kam zum Borschein und fragte: „Euer Gestrengen befehlen?" „Den Wirth will ich sprechen, den Juden." „Der Wirth steht vor Ihnen," sagte der .Knecht höflich; „die nächsten acht Tage gehört das Haus und der Hof mir." „Sind Sie von Sinnens" fragte der Wachtmeister weiter. , „Ganz und gar nicht. Jedes Jahr kaufe ich vor dem Osterfeste das Haus meines Herrn und verkaufe cs ihm wieder, wenn das Fest vorüber ist." „Und wozu soll die Comödie dienend" „Weil mein Herr kein Gesäuertes während der acht Tage in seinem Besitze haben darf und unser Gehöft sowie das Vieh nicht ohne Gesäuertes erhalten werden kann. Jetzt bin ich Hausbesitzer und habe meinem .Herrn Wohnung und Küche vermiethet." „Läßt sich denn der Jude nicht sprechen während der acht Tage?" „Gewiß, doch heute Abend ist Familiengottesdieuft, da läßt er sich nicht stören." „Ein frommer Mann. Kann man dem Gottesdienst nicht beiwohnen? Wie lange währt er?" „Ich will den Herrn fragen und werde Euer Gestrengen die Antwort bringen." Der Knecht entfernte sich und kam nach kurzer Zeit wieder. „Es wird dem Herrn angenehm sein, wenn Sie den Abend in seiner Familie zubringen wollen." Die Schatten der Nacht hatten sich auf die Erde gesenkt und friedliche Stille lagerte über der Flur. Ein warmer Wind wehte aus dem Westen und trug den Schall des Geschreies der Uhu und des Gebells der Füchse aus dem nahen Walde herüber. Hie und da leuchtete es am Horizonte auf und diese geisterhafte Stelle ließ alle Gegenstände riesengroß erscheinen. Das ganze einsame Gehöft des Juden lag im Dunkeln, denn die Landjäger waren früh zur Ruhe gegangen, und die Stube, in welcher Pinchas und seine Familie sich befanden, hatte so dicht schließende Vorhänge und Fensterladen, daß, obschon sie hell erleuchtet war, kein Lichtstrahlnach außen dringen konnte. Die Stube selbst sah festlich aus. lieber dem Tisch hing die siebenarmige Sabbatlampe und verbreitete ein gemüthliches Licht. Ein schneeweißes Tuch lag auf dem Tische ausgebreitet. Fünf silberne Becher standen auf demselben neben der Sederschüssel und zwei Kissen waren auf der einen Seite des Sofas angebracht, auf dessen anderer Seite der Hausherr seinen Platz hatte. Für die Frau und die Töchter standen Stühle um den Tisch, während ein silbernes Lavoir auf einem kleinen Tischlein neben dem Sopha an der Seite stand, wo der Hausherr saß. Der Hausherr selbst hatte sein Sterbegewand an und sein Aussehen war wie das Aussehen eines Königs. Auch die Damen waren festlich bekleidet und mit herrlichen Schmucksachen geschmückt, so daß der Wachtmeister, als er jetzt cintrat betreten stillestand und sich im Zimmer umsah. Pinchas trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und führte ihn an seinen Platz am Tische. Dann bat er um Entschuldigung, daß er sich heute seinem Gaste nicht widmen könne, da ein höherer Herr seinen Dienst verlange. Der Wachtmeister entschuldigte sich nun selbst und bat, daß man sich durch seine An- - Wesenheit nicht stören lassen solle. Pinchas nahm darauf seinen Platz ein, füllte die Becher mit Wein und begann den Seder. Mit inniger Andacht und heiliger Ehrfurcht kamen die Worte der Hagada über seine Lippen, mit heiligem Eifer beteten seine Frau und seine Töchter mit, während der Wachtmeister wie versteinert dasaß. Dieses Zimmer, diese Umgebung hatte er schon einmal gesehen, diese Töne, diese Worte schon einmal gehört — aber lange, lange Zeit mußte es her sein, denn er konnte sich nur schwach, ganz schwach daran erinnern. Und wann nnd wo hatte er einem solchen Abend schon einmal beigewohnt? Und während Pinchas die Geschichte der Befreiung unserer Vorfahren aus Egypten mit den Worten der Hagada vortrug und einzelne Bemerkungen einschaltete und Gott für die Wunder pries, die er ait unseren Vätern und an uns that, an unfern Kindern und Kindeskindern thun wird, zermarterte der Wachtmeister sein Gehirn und sann und sann, wann und wo er dieselben Ceremonien schon gesehen, dieselben Worte und Gesänge schon einmal gehört hatte. Es mußte lange, lange her sein! So lange er zurückdenken konnte, hatte er noch keinen Abend, noch keinen Osterabend in jüdischem Kreise verbracht. In einem Kloster war er erzogen worden, fromme Schwestern hatten ihn die ersten Gebete gelehrt, dann war er zu den frorumen Brüdern gekommen und hatte bei diesen seine Knabenjahre verbracht. Seine Eltern hatte er nie gekannt, nie gesehen. Nie gesehen? Während seines ganzen Lebens hatte er es gemeint, jetzt wußte er es auf einmal, daß cs nicht der Fall war. Gewiß hatte er seine Eltern gesehen - er sah sie jetzt im Geiste wieder. Ein Zimmer, etwas kleiner als das, in dem er sich jetzt befand, hell erleuchtet wie dieses erschien vor seinem geistigen Auge. In dem Zimmer stand ein Bett, in welchem eine franfe Frau lag. Bor dem Bette stand ein Tisch, geordnet wie dieser, und ein Mann in weißem Gewände saß an dem Tisch und hatte einen Knaben auf seinem Schooß und ein Buch vor sich, in welchem hübsche Bilder waren, die dem Knaben viel Vergnügen bereiteten und deren Bedeutung er dem Kinde erklärte. Und der Mann betete aus dem Buche und tröstete die kranke Frau und liebkoste den geweckten Knaben. Und dieser Knabe war er, der Mann in dem weißen Gewände war sein Vater, die kranke Frau seine Mutter gewesen. Aber er war ja doch kein Jude! Aeffte ihn seine Phantasie? neckten ihn böse Geister, die der Jude mit seinen Gebeten beschwor? Nein, nein! er täuschte sich nicht. Immer deutlicher trat das Bild in seine Erinnerung, immer klarer stand es vor seinem Geiste. Er hörte die Melodieen wieder, die er nur einmal als Kind gehört; er sann und sann und konnte keine Klarheit in seine Erinnerungen bringen. Weder Pinchas noch die Seinigen achteten auf den Wachtmeister, der wie geistesabwesend da saß. Sie waren ganz bei den Erzählungen der Hagada und dankten Gott mit vollem Herzen auch für das Wunder, das er im verflossenen Winter ihnen selbst erwiesen hatte.