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Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 31)
Language
German
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^- r- -^ -.- 52V Schritt. Die drei Landjäger ritten nebenher und hatten bald ihr Ziel erreicht. Eine Strecke vor seinem Thore war Pinchas abgestiegen und führte jetzt den Ponny am Zügel. Als die Wirthin ihren Mann unversehrt erblickte, eilte sie auf ihn zu, umarmte ihn und weinte bitterlich. Auch die Mädchen traten thränenden Auges herbei, umarmten ihren Vater und Dina führte das Pferd in den Hof, während Pinchas immer wieder von neuem von seiner Frau umarmt und geküßt wurde. Jetzt kam der Knecht herbei und versorgte Pferd und Wagen, während Pinchas und die Seinen sich ins Haus begaben und die Landjäger dem Wachtmeister Rapport abstatteten. Nachdem Pinchas sich erholt und restaurirt hatte, mußte er erzählen, weßhalb er so lange sortgeblieben war. Es hatte ihn gar manches aufgehalten, was erledigt werden munte, wenn er nicht großen Schaden hätte erleiden wollen. Dann hatte er seinen Bruder, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hatte, getroffen und einen Tag mit ihm verbracht. „So ist die Zeit im Fluge dahingcgangen, und als ich Mazzotz und Colonialwaaren endlich im Wagen hatte, da ging es fort. Der Wagen ist schwer, die Wege sind schlecht und so mußte ich langsam reisen. Daß mein Ausbleiben Dich so ängstigen würde, habe ich nicht gedacht." „Und von den Räubern, die hier herum Hausen, hast Du nichts vernommen?" „Nein." „Der Wachtmeister meint, sie seien bei unegewesen und hätten hier übernachtet." „Wenn sie, was sie verzehrten, bezahlt haben, dürfte es dir einerlei sein, ob es Räuber oder Kauflcute sind." Die Frau schüttelte das Haupt. Sie konnte diese Ruhe und den Gleichmuth ihres Mannes nicht verstehen. Hatte die Angst keine Macht über ihn? Sie lieh mtrf) ihrer Verwunderung Worte. Er aber entgegnete: „Vor Menschen habe ich keine Angst, denn Eon ist mein Schutz. Adoschem Ji lo iro mah jaase li odom."*) Die Landjäger hatten sich zur Ruhe begeben. Nur der Wachtmeister saß noch, das Haupt auf die Hand gestützt, sinnend in der Gaststube. Pinchas stand, das Gesicht nach Osten gewendet, vor seinem Gott und betete. Als sein Gebet zu Ende war, sagte er: „Nun will ich noch die mizwoh bedikas ehomez mekajem sein, und dann wollen wir zu Bette gehen. Haft du das Ehomez hingelegt?" Dina nickte und gab dem Vater ein kleines Brett, einen leinen Lappen und einen Flederwisch. Sie selbst nahm eine Kerze in die Hand und ging leuchtend voran, während der Vater folgte. Sie gingen in jedes Zimmer, woselbst an leicht in die Augen fallenden Stellen kleine Stückchen Brot hingelegt worden waren. Vorsichtig, daß auch kein Krümchen verloren ging, fegte sie der Vater zusammen in das Leinentuch und als er alles gefunden und beisammen hatte, band er das Leinen an das Brett, legte die Kerze dazu, verschnürte alles mit Bindfaden und legte cs an einen sicheren Ort; des andern Morgens in der *) Gott ist mit mir, nichts fürchte ich; was können mir Menschen thun? Frühe sollte es verbrannt und damit angedeutet werden, daß alles Gesäuerte, das sich noch im Hause befinde, der Asche gleich angesehen werde. Bald nachdem Pinchas diese Eermonien verrichtet hatte, legte er sich nieder, und als die Mitternacht herbeikam, lag alles füll und ruhig im tiefsten Schlafe. Am anderen Morgen wurde es im Hause lebhaft, ehe es ganz hell geworden war. Die Landjäger rüsteten sich zum Ritt an die Grenze, während die Bewohner des Gehöftes die Vorbereitungen für das am Abend beginnende Pesachfest ttafen. Pinchas hatte noch allerlei am Thore auszubessern, was er, da es die Sicherheit des Hauses erhöhte, nicht bis nach dem Fest ausschieben wollte. Um neun Uhr wurde das letzte Ehomez gegessen und die Pesachwohnung bezogen. Der Vertrag mit dem Knecht war ausgefertigt und unterschrieben und Pinchas wohnte für acht Tage zur Miethe bei seinem Knechte. Dina und Rachel waren mit ihrer Arbeit fertig. Festtäglich gekleidet saßen sie an dem Tische in der guten Stube und ordneten die Sederschüssel. Sie unterhielten sich von den Ereignissen der letzten Tage und plötzlich sagte Dina: „Du, ich glaube, der Wachtmeister ist ein Jude." Rachel lachte über diesen sonderbaren Einfall und entgegnete: „Das wäre aber wirklich ein Wunder; ich habe noch nie gehört, daß ein Jude Wachtmeister werden kann. —" „Warum nicht? In diesen Zeiten kann der Staat alle Männer gebrauchen. Wer nicht mit ins Feld gegen den Corsen zieht, der dient der Sicherheit des Landes auf andere Weise." „Jedenfalls weiß er, wenn er auch Jude ist, nicht viel von Jüdischkeit." „Das kannst Du nicht behaupten. Wenn er Jude ist, wird er am Seder theilnehmen." „Kommt er denn wieder?" „Ja, sie haben vierzehn Tage hier «Station." „Gottlob! Dann brauchen wir uns vor den Räubern nicht zu fürchten." „Ich fürchte mich auch gar nicht; wenn Gott uns schützen will, können uns die Räuber nichts anhaben; will er uns seinen Schutz entziehen, so vermögen auch die Landjäger uns nicht zu helfen." Sie stand auf, holte ein weißes Tischtuch aus dem Schranke und brcitctete es über den Tisch; alsdann ordnete sie das Sederbrett, holte die Hagadas (Gcbetbüchlein für die Sederabende) herbei und legte alles bereit was Platz auf der Sederschüssel finden sollte. Gegen Abend kamen die Landjäger zurück. Sie hatten die Grenze auf eine Länge von einigen Meilen abgesucht und hatten nichts Verdächtiges gefunden. Verdrießlich schritt der Wachtmeister im Hofe auf und ab und drehte an seinem großen Schnurrbart. Er hatte eine undankbare Ausgabe übernommen und?'sah jetzt schon, daß, wenn nicht besondere günstige Umstände eintraten, er resultatlos wieder abziehen könne. Die Landjäger lachten und scherzten, während sie ihre Pferde besorgten, und kümmerten sich wenig um die verdrießliche Miene ihres Vorgesetzten.

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