Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 27-28 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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328 „Der Vater wird und muß kommen", versetzte Dina zuversichtlich. „Er läßt uns am Sederabend nicht allein." „Das ist wahr, Mutter", stimmte Rahel bei; „Vater kommt heute ganz gewiß." „Wenn er kann, kommt er", sagte die Mutter, „das weiß ich so gut wie Ihr. Aber habt Ihr nicht gehört, daß Räuber die Straße unsicher machend Ist nicht seit drei Tagen jedes Fuhrwerk von der Straße verschwunden? Wenn nun unser Vater den Räubern in die Hände gefallen ist und sie haben ihm ein Leid angethan. —" „Man darf nicht gleich an das Schrecklichste denken" tröstete Dina; „wir wollen auf Gott vertrauen; er wird tinsern Vater schützen und ihn gesund und unversehrt zu uns zurückführen." Wieder gingen die Mädchen an ihre Arbeit, die sich ihrem Ende näherte. Das ganze Haus war nun rein. Ueberall blitzte und blinkte es. Die Fußböden waren schneeweiß gescheuert, das gewöhnliche Küchengeschirr war entfernt worden und das nur am Pesachfeste gebrauchte stand an dessen Stelle. Im ganzen Hanse war kein Fleckchen zu finden, das nicht geputzt und gescheuert worden wäre und mit gutem Gewissen konnte der Vater den Vertrag mit dem Knechte abschließen und sagen: In meinem Hause ist kein Ehomez.*) Die Mutter konnte nichts arbeiten. Sie faß den ganzen Tag auf ihrem Beobachtungsposten vor dem Thore und wartete auf das Kommen ihres Mannes. Sogar das Essen mußten ihr die Kinder auf die Straße bringen, denn sie weigerte sich, hineinzugehen. Dabei rann Thräne um Thränc über ihr vergrämtes Antlitz und Seufzer um Seufzer entrang sich ihren bleichen Lippen — die Angst schnürte ihr die .Kehle zu, die Furcht, daß ihrem Manne ein Leid zugestoßen sein konnte, ließ sie zittern und beben. Auch heute war die Straße leer und nur gegen Mittag ritten Landjäger vorüber, der Grenze zu. Je mehr sich der Tag seinem Ende näherte, um so größer wurde die Aufregung der Frau. Die Seufzer, die sie von Zeit zu Zeit ausftieß, waren laute Schreie, die sich krampfhaft ihrem Munde entrangen; ihr Gesicht war erdfahl und wie wahnsinnig starrten ihre Augen in die Ferne. Vergeblich bemühten sich die Mädchen, die Mutter zu veranlassen, in das Haus zu gehen. Sie blieb auf ihrem Posten und wartete und wartete. Gegen Abend kamen die Landjäger von ihrem Streiszug zurück. Der Wachtmeister lenkte sein Pferd auf den Hof zu und seine Begleiter folgten ihm. Als er die Frau vor dem Thore in so elendem Zustande fitzen sah, sprang er vom Pferde ab, warf die Zügel einem seiner Begleiter zu, ging zu derselben hin und fragte: „Run, was fehlt Euch denn. Ihr seht ja gar erbärmlich aus?" Reichlicher flössen die Thränen über die bleichen Wangen und schluchzend erwiederte sie: „Ach, Herr Wachtmeister, ich erwarte seit vier Tagen meinen Mann vergeblich zurück. Er ist vor zehn Tagen von hier nach der Stadt gefahren und wollte höchstens *) Gesäuertes. fünf oder sechs Tage fortbleiben und heute ist er noch nicht zurück." Der Wachtmeister sah seine Begleiter bedeutungsvoll an, dann sagte er: „Hatte er Geld bei sich?" „Die Ersparnisse des letzten Jahres; es war nicht viel, aber bei uns ist auch eine kleine Summe ein großes Kapital." „War er allein?" „Ja." „Und seit seiner Abreise haben Sie nichts von ihm gehört?" „Nein. Seit drei Tagen ist die Straße wie ausgestorben. Kein Fuhrmann und kein Gefährte ist zu sehen. O, Herr Wachtmeister, die Angst macht mich noch wahnsinnig, die Sorge um meinen Mann und die Angst vor den Räubern." „Wenn seit drei Tagen kein Fuhrwerk hier eingekehrt ist. woher wissen Sie denn etwas von der Bande?" „Ein Fuhrmann hat davon erzählt." „Wann?" Die Frau besann sich und sagte: „Vor fünf Tagen." „Wie sah der Fuhrmann aus?" fragte gespannt der Wachtmeister. Die Frau beschrieb den Fuhrmann so genau sie konnte. Da stampfte der Wachtmeister, einen Fluch ausstoßend, auf die Erde und sagte: „Dacht' ich mir's doch gleich. Sie haben die ganze Bande im Hause gehabt und können froh sein, daß Sie mit dem Leben davongekommen sind." Erschrocken sprang die Wirthin aus. „Aber die Leute waren so ängstlich und vorsichtig, stellten Wachen aus und fürchteten sich. —" „Vor uns und unserer Verfolgung. Haben Sie ihnen auch erzählt, wohin Ihr Mann gereist ist?" „Ja, nein, großer Gott, ich weiß es nicht mehr!" Und das ängstliche Weib fing an bitterlich zu weinen. Als die Töchter dieses hörten, kamen sie erschrocken herbei und führten die Mutter ins Haus. Der Wachtmeister folgte. Zuvor jedoch gab er dreien seiner Leute noch einen Befehl, worauf diese wieder aufsaßen und nach der Richtung davonsprengten, woher der Wirth kommen mußte. Die übrigen stellten ihre Pferde ein, fütterten dieselben und ließen sich dann Speise und Trank wohlschmecken. Das Bewußtsein, Schutz gegen einen Ueberfall der Räuber im Hause zu haben, beruhigte die Frauen, so daß sie dem Wachtmeister die gewünschte Auskunft geben konnten. „Die Bande wohnt jenseits der Grenze," sagte der Wachtmeister", und meint, weil der elende Krieg unsere Soldaten beansprucht, wäre die Polizei außer Dienst gestellt und die Herren Banditen hätten freies Spiel! Aber wir wollen sie schon. —" Der Wachtmeister beendete seinen Satz nicht, fernes Pferdegetrappel und das Gerassel eines Wagens wurde gehört. Alles eilte zum Thor. Die beiden Wolfshunde geberdeten sich wie toll und rissen mit aller Macht an ihren Ketten. „Das ist mein Mann!" jubelte die Wirthin; „die Thiere wittern ihn schon von ferne." lind sie hatte recht. Das Gefährt näherte sich im m