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Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 29)
Language
German
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527 Aber die Sorge hielt sie die ganze Nacht wach. Es waren acht Tage vergangen und noch war ihr Mann von seiner Reise nicht zurückgekehrt. Er hatte die Ersparnisse des letzten Jahres mitgenommen, um sie in der Stadt zinstragend anzulegen. Wenn er den Räubern nun in die Hände gefallen war und diese ihn beraubt und vielleicht getödtet hatten! Er wollte nur fiinf Tage wegbleiben und schon war eine Woche vorüber, ohne daß er zurückgekehrt war. Gräßliche Bilder stiegen vor ihrem Geiste aus und Seufzer um Seufzer entrang sich der gequälten Brust. Es litt sie nicht aus ihrem Lager. Sie stand auf, ging an das niedrige Fenster und blickte lauschend in die dunkle Nacht. Leichte Wolken flogen am Himmel dahin, getrieben von dem warmen Fruhlingswind. Still lag die weite Ebene da und nur hie und da klang der Schrei eines Raubvogels aus dem Walde herüber. Bange klopfte ihr Herz. Wo mochte ihr Mann jetzt weilen? Sollte er doch einen friiheren Plan ausgeführt und seinen alten Vater besucht haben, der noch zwei Tagereise weiter wohnte, als die Stadt war, nach welcher seine Geschäfte ihren Mann riefen? Das war die einzige Möglichkeit, wodurch sie das Ausbleiben ihres Mannes zu erklären vermochte, und diese Möglichkeit beruhigte sie etwas. Sie ging von dem Fenster zurück, setzte sich auf den Rand ihres Bettes und begann jenen Psalm zu beten, der wie kein anderes Gebet geeignet ist, Muth ins Herz des Aengstlichen zu gießen, Trost und frohe Zuversicht dem Furchtsamen und Verzweifelten zu spenden, sollet deseser e jan bezel schadaj jislonon*) tönte es inbrünstig von ihren bleichen Lippen; wie ein Geisterhauch fuhr es durchs Zimmer, so daß sie erschreckt wieder aufsprang und angefttengt lauschte. Alles blieb stille. Sie war vor ihrer eigenen Sttmme erschrocken und als nun der Mond sein Licht durch das zerrissene Gewölk auf die schweigende Flur warf und der erste Sttahl in das dunkle Gemach drang und es auf einen Augenblick mit zitterndem Scheine erhellte, da hatte sie den Psalm dreimal gebetet. Und Muth und Zuversicht kehrten in ihr Herz ein und stärkten das Verttauen auf den in dessen Hand wir alle sind und der unser Schicksal in seiner Weisheit nach seinem unerforschlichen Rathschlusse führt und leitet. Hierauf erhob sich die Wirthin und ging zu ihrem Lager. Sie legte sich wieder und zog fröstelnd die Decke über ihre Schultern. Die Nacht verging ruhig wie die vorhergehenden Nächte. Schon um halb fünf Uhr wurde es lebhaft in dem einsamen Gehöfte, denn die Fuhrleute fütterten ihre Pferde und rüsteten sich zum Aufbruch. Die Wirthin und ihre Töchter waren auch früh zur Hand und sorgten für das Frühstück ihrer Gäste, die aus Furcht vor Räubern heute nicht einzeln abfuhren, sondern zu gegenseitigem Schutz beisammen blieben. Um acht Uhr lag der Hof wieder vereinsamt da. Mutter und Töchter arbeiteten fleißig an der gründlichen Reinigung des ganzen Hauses, denn das Peßachfest war nahe und bis zum Feste mußte das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller gründlich gesäubert und gescheuert werden, damit während des Festes auch nicht ein Krüm- *) Wer sitzt im Schirme des Höchsten, darf ruhen im Schatten des Allmächtigen. Psalm 91. chen Gesäuertes sich im Besiythum des Hausherrn befinde. Während des Peßachfestes wohnte man im ersten Stock, im sogenannten guten Zimmer und das Parterre stand, mit Ausnahme der Küche, unter der Botmäßigkeit des alten Konrad, der seit fünfundzwanzig Jahren schon im Hause diente. Emsig arbeiteten Dina und Rahel, aber keine muntere Rede begleitete ihre Arbeit. Auch sie ängstigten sich um den Vater, für dessen Ausbleiben sie keine Erklärung finden konnten. Sie verbargen ihre Angst jedoch vor der Mutter und gaben sich den Anschein, als ob sie den Vater nicht früher erwarteten. Die Mutter eilte jeden Augenblick vor das Thor und schaute bangen Blicks die Sttaße entlang, dann kehrte sie wieder zu ihrer Arbeit zurück, um nach kurzer Zeit denselben Weg zu ihrem Späherpoften zurück zu machen. So wurde es Mittag. Man setzte sich zu Tische und verzehrte schweigsam das karge Mahl, dann ging man wieder an die Arbeit, bis der Abend herabsank. Die Stille des Abends wurde heute durch nichts gestört, denn zum ersten Male seit langer Zeit war kein Fuhrwerk bei ihnen eingekehrt und schwer lastete diese Ruhe ans den Gemüthern der Frauen. „Heute Nacht scheinen wir allein bleiben zu müssen", unterbrach Dina die Sttlle, die im halbdunklen Zimmer herrschte. „Wenn nur der Weg sicher ist", versetzte die Mutter zagend, indem sie an die Erzählung des Fuhrmanns dachte. „Warum sollte die Sttaße uicht sicher sein?" fragte Rahel; „die Nachzügler der großen Armee thun keinem Menschen etwas zu Leide. Sie sind froh, wenn man sie selbst in Ruhe läßt." Die Mutter erwiederte nichts. Als aber der Abend immer weiter vorrückte und ihr Mann nicht kam, theilte sie ihren Töchtern mit, was sie über die Räuber erfahren. Die Mädchen vernahmen diese Nachricht schweigend und versuchten die Sorge und die Angst, die sich ihrer bemächtigten, vor der Mutter zu verbergen. Man verschloß das Thor sehr fest, kettete die Hunde los und suchte früher als sonst sein Lager auf. Weder die Mutter noch die Töchter vermochten zu schlafen. Sie lagen wach in ihren Betten und lauschten gespannt auf jedes Geräusch. Gegen Morgen schlugen die Hunde an; aber sie beruhigten sich bald wieder. Vielleicht war ein Wild in die Nähe des Thores gekommen, das sie gewittert und gemeldet hatten; ein Mensch konnte es nicht gewesen sein; sonst hätten sie größeren und länger andauernden Lärm gemacht. Trotzdem Mutter und Töchter dies wußten, zitterten sie vor Angst und dantten Gott, als der erste Sonnenstrahl die Erde küßte und die Schatten der Nacht verscheuchte. „Wenn der Vater heute nicht kommt", sagte die Mutter am anderen Morgen, „so spanne ich an und fahre ihm entgegen. Heute ist Ehomezbattel*), morgen schon Erew jom tauf und wir haben keine Mazzos und nichts für Pesach im Hause und dürfen am Jom tauf fasten und hungern!" *) Der Tag vor dem Rüsttag de» Osterfeste-, an welchem alle» Gesäuerte aus dem Hause entfernt werden muß.

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