Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-03-31 · Heft 27-28 (31.3.1893) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 27-28 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448342--36088-2484100
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

526 wen» sie nur etwas, womit sie sich laben konnten, erhietten. Er hatte dann alle Hände voll zu thun und die Hilfe der Frau und der Töchter des Wirtlies konnten kaum genügen. Als das vernichtete Heer auf seiner Flucht wieder an dem finsteren Gehöft vorbeizog, da fanden die armen Krieger keine Zeit, sich an Speise und Trank zu laben, denn die russischen Soldaten folgten ihnen auf dem Fuße und sie tödteten alles, was in ihre Gewalt kam. Manchen armen Unglücklichen rettete der Judenwirth indem er ihn versteckte und pflegte, bis er wieder stark war und seinen Weg fortsetzen konnte. Mancher Dankesblick traf den Juden und sein Haus, und mancher Segenswunsch ergoß sich über sein Haupt. Der Feldzug war zu Ende. Napoleon war wieder in Paris und die Verbündeten suchten den Löwen jetzt in seiner Höhle auf. Das deutsche Volk erhob sich wie ein Mann gegen die Tyrannei des Corsen und der Hauch der Freiheit mischte sich mit dem Hauche des Frühlings und erfüllte die ganze Welt. Ein unaussprechliches Sehnen und Hoffen schwellte die menschliche Brust — die Sehnsucht nach dem Frühling, nach der Freiheit, das Hoffen auf eine glückliche Zukunft. Es war an einem der ersten Tage des Nisan. Pinchas Frank, das war der Name des Juden, stand vor der Thüre seines Hauses in Reisekleidern mit dem Stock in der Hand. Vor dem Hause wartete seiner ein, mit einem Ponny bespanntes, leichtes Wägelchen, dessen hinterer Theil verdeckt war und zum Transporte kleiner Waarenmengen sich eignete. Der Knecht und die jüngste Tochter untersuchten nochmals das Geschirr des munter mit den Füßen scharrenden Pferdchens, und sie fanden alles in Ordnung. Auch dem prüfenden Blicke Pinchas zeigte sich kein Makel an der Bespannung und an dem Gefährte und nun reichte er den herbeigeeilten Familienangehörigen, seiner Frau und seinen Töchtern die Hand zum Abschied. „Lebt wohl, ich hoffe in fünf Tagen zurück zu sein, um das Pesachfeft, so Gott will, nach der Väter Weise begehen zu können. Mazzos und Spezereien für Pesach werde ich mitbringen und ich werde auch noch ftüh genug da sein, um das Chomez aus den Magazinen wegschaffen zu können." „Bringe mir ein schönes Kleid mit, Vater!" bat Dina, die ältere der Mädchen. „Und mir einen schönen Hut und ein neues Machsor," rief Rahel, die jüngere der Schwestern. „Was soll ich Dir mitbringen?" fragte Pinchas seine Frau. „Du weißt es ja," entgegnete diese, „komnle Du selbst recht bald gesund zurück, so ist das das schönste Geschenk, was Du mir machen kannst." „Nun denn, lebt wohl!" „Gute Reise!" Ein Schnalzen mit der Zunge und das muntere Pferd zog an, der Wagen rollte aus dem Hofe und war bald den Blicken der drei nachschauenden Damen entschwunden. Ein ziemlich T starker Grenzoerkehr hatte sich nach dem Untergange der großen Armee zwischen Preußen und Rußland entwickelt und es verging kein Tag, an dem nicht Fuhrleute bei Pinchas einkehrten und daselbst übernachteten. Dadurch hatten die Damen ziemlich viel Arbeit und die Zeit verfloß ihnen im Nu. Während Rahel und die Mutter mit den Fuhrleuten verkehrten, besorgte Dina mit der Magd den Haushalt und die Oekonomie und ein alter Knecht hatte den Stall und die Magazine zu verwalten. Zwei schwere Wolfshunde bewachten das Haus bei Tag und bei Nacht und vor ihren furchtbaren Zähnen war nur der geschützt, der in Begleitung des Hausherrn bei Nacht den Hof betrar. Bei Tag lagen sie angekettet im Hofe und rührten sich nicht; sie blieben selbst ruhig, wenn der Zank der Fuhrleute einmal in Thätlichkeiten ausartete. Die Ereignisse jener Zeit bildeten den Stoff der Unterhaltung für die Fuhrleute. Das Zeitungs- und Postwesen war zu Anfang dieses Jahrhunderts noch sehr mangelhaft und so erfuhren die Wirthsleute nur das, was sie von den Fuhrleuten hörten. Sie hörten deßhalb auch gar manches Unwahre, denn wer eine Neuigkeit zu erzählen hatte, schmückte sie nach Belieben aus und wer am schönsten erzählen konnte, dem hörte man am liebsten zu. Eines Tages brachte ein Fuhrmann die auftegende Nachricht, daß es in der Gegend nicht mehr sicher sei. Eine Diebs- und Räuberbande Hause in den nahen Wäldern und brandschatze die Waarentransporte und die Reisenden. Vor drei Tagen hätten die Räuber dem Großgrundbesitzer v. L. einen nächtlichen Besuch abgeftattet und demselben all sein baares Geld und zwei werthvolle Reitpferde abgenommen. Die Fuhrleute erschracken über diese Nachricht und beriethen, wie man sich gegen einen etwaigen Ueberfall schützen wolle. Sie riefen die Wirthin herbei und theilten ihr den Entschluß, den sie gefaßt hatten, mit. Man wollte jede Nacht abwechselnd zu zweien Wache halten, die Thore des Hofes und der Magazine noch fester als gewöhnlich verschließen und dergleichen Dinge mehr. Die Wirthin nahm die Mittheilungen, trotzdem sie darüber erschrocken war, lächelnd auf und sagte : „Was redet Ihr da für Ammenmärchen! Seit fast dreißig Jahren wohnen wir hier unbehelligt und sicher und jetzt auf einmal sollen Räuber da sein! Räuber gehen nur zu reichen Leuten, bei denen es etwas zu holen gibt; bei uns würden sie vergeblich suchen und deßhalb bleiben sie uns ferne." „Sie würden Euer Geld schon finden", entgegnete der Fuhrmann; „sie wissen auch wo etwas zu holen ist." „Dann kommen sie sicher nicht zu uns", rief die^Wirthin und lachte über die Furcht der Männer. „Du hast gut lachen" sagte der eine; „Dein Mann hat Euer Geld wohl in Sicherheit gebracht, aber wir müssen mit unseren kostbaren Ladungen ihnen gerade entgegen." „Sie thun Euch ebensowenig etwas, wie uns. Glaubt doch das Märchen nicht." So versuchte die tapfere Jüdin, trotzdem sie die größte Angst hatte, den Verzagten und Furchtsamen Muth zuzusprechen und lächelnd stimmte sie den Sicherheitsvorkehrungen, welche die Fuhrleute trafen, bei und legte sich scheinbar unbesorgt zu Bette.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.